Technologie

Bericht: Zahlreiche Journalisten und Oppositionelle mit Überwachungssoftware Pegasus beschattet

Geheimdienste und Ermittler weltweit nutzen Überwachungssoftware, um an Daten auf Handys und Computern von Verdächtigen zu kommen. Einer der Anbieter ist die israelische Firma NSO. Vorwürfe, dass ihr Ausspäh-Programm Pegasus in zahlreichen Fällen zur Überwachung von Journalisten und Oppositionspolitikern verwendet wurde, bekommen neue Nahrung.
20.07.2021 16:34
Aktualisiert: 20.07.2021 16:34
Lesezeit: 2 min
Bericht: Zahlreiche Journalisten und Oppositionelle mit Überwachungssoftware Pegasus beschattet
Tasten einer beleuchteten Tastatur. (Foto: dpa) Foto: Sebastian Gollnow

Mit der Überwachungssoftware Pegasus der israelischen Firma NSO sind laut Medienberichten noch stärker als gedacht Oppositionelle und Reporter ausgespäht worden. So seien auf 37 Smartphones von Journalisten, Menschenrechtlern, deren Familienangehörigen sowie Geschäftsleuten Spuren erfolgreicher oder versuchter Angriffe entdeckt worden, berichtete ein internationales Journalistenkonsortium in einer Serie von Artikeln.

Pegasus nutzt Sicherheitslücken in Smartphone-Software, um weitreichenden Zugriff auf Daten zu erlangen. NSO wies die Vorwürfe zurück und bestritt einzelne Details aus den Berichten. Pegasus werde «ausschließlich an Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste von geprüften Regierungen verkauft, mit dem alleinigen Ziel, durch Verhinderung von Verbrechen und Terrorakten Menschenleben zu retten», betonte die Firma wie bereits nach früheren ähnlichen Vorwürfen.

Die Artikel lösten dennoch Forderungen nach Aufklärung und strikteren Kontrollen im Geschäft mit Überwachungssoftware aus. Der Deutsche Journalisten-Verband verlangte von Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden Auskunft darüber, ob Pegasus auch gegen deutsche Journalisten eingesetzt worden sei. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union forderte Einschränkungen für den Export von Überwachungstechnologie.

Das Bundesinnenministerium versicherte, niemand werde überwacht, weil er einer journalistischen Arbeit nachgehe. Zugleich gebe man keine Auskunft zu operativen Maßnahmen und damit auch nicht darüber, ob Pegasus generell genutzt werde. Die Bundesregierung habe die Berichte zur Kenntnis genommen, hieß es aus dem Kanzleramt. Pressefreiheit sei ein hohes Gut, betonte eine Regierungssprecherin.

Ausgangspunkt der Veröffentlichungen war ein Datensatz mit mehr als 50 000 Telefonnummern, den das Journalistenkonsortium gemeinsam mit den Organisationen Forbidden Stories und Amnesty International auswertete. Die Nummern sollen den Berichten zufolge offenbar von NSO-Kunden als potenzielle Ausspähziele ausgewählt worden sein. NSO bestritt dies in einer Antwort an die Washington Post, allein schon weil die Liste dafür zu lang sei. Die Liste von möglichen Zielen sei um ein vielfaches höher, sie umfasse mehr als Tausend Personen in mehr als 50 Ländern, schrieb die Washington Post. Laut der britischen Zeitung Guardian sind die Nummern von mehr als 180 Journalisten aufgeführt, die unter anderem für die Financial Times, CNN, New York Times sowie für die Nachrichtenagenturen AP und Reuters arbeiten.

An dem Journalistenkonsortium sind auch die Süddeutsche Zeitung, NDR, WDR und die Zeit beteiligt. Nach ihrer Darstellung legen die Recherchen des «Pegasus-Projekts» nahe, dass Hunderte Journalisten, Menschenrechtler, Oppositionelle und Politiker ausgewählt wurden, um sie mit der Spionagesoftware zu überwachen. So stünden die Nummern von mehr als 180 Journalistinnen und Journalisten aus verschiedenen Ländern auf der Liste. Nummern deutscher Journalisten seien nicht darunter. Wie die Liste zu Forbidden Stories und Amnesty International kam, die sie dann mit den Medien teilten, blieb in den Berichten offen.

Frankreichs Regierungssprecher Gabriel Attal sprach von einem «äußerst schockierenden Sachverhalt» und kündigte Untersuchungen an. «Wir hängen sehr an der Pressefreiheit», sagte er bei Franceinfo. Der Tageszeitung Le Monde zufolge fanden sich in der Liste rund 30 Journalisten und Chefs von Medienunternehmen in Frankreich. Die Online-Plattform Mediapart schrieb, Handys von zwei ihrer Journalisten seien 2019 bis 2020 mit Pegasus angegriffen worden. Dahinter stünden marokkanische Geheimdienste, lautete der Vorwurf

NSO wurde bereits vorgeworfen, mit Pegasus autoritären Regierungen die Ausspähung von Journalisten und Dissidenten ermöglicht zu haben. Facebook hatte NSO 2019 in den USA verklagt. Der Vorwurf in der Klage lautet, NSO habe versucht, sich über eine später geschlossene Sicherheitslücke bei WhatsApp Zugriff auf Hunderte Smartphones zu verschaffen. Unter den Zielpersonen seien Journalisten, Anwälte, Dissidenten, Menschenrechtler, Diplomaten und Regierungsbeamte gewesen. NSO wehrt sich vor Gericht. Die Firma betont, dass Verträge mit Kunden wegen des Verdachts von Menschenrechtsverletzungen gekündigt worden seien

NSO war auch vorgeworfen worden, seine Überwachungssoftware habe bei der Ermordung des saudischen Dissidenten Jamal Khashoggi eine Rolle gespielt. Laut der «Washington Post» gehörten zwei der Smartphones, auf denen IT-Experten von Amnesty International Spuren von Pegasus-Angriffen gefunden hätten, Frauen, die Khashoggi nahestanden. NSO wies zurück, dass seine Software irgendetwas mit der Ermordung Khashoggis zu tun gehabt habe.

In Frankreich hat die Staatsanwaltschaft wegen der mutmaßlichen Ausspähung von Journalisten Ermittlungen aufgenommen. Sie beschuldigt Marokko mit Hilfe des Spionageprogramms Pegasus zwei ihrer Journalisten ausspioniert zu haben. Marokko und NSO wiesen die Vorwürfe zurück. Die Staatsanwaltschaft in Paris erwähnte in ihrer Mitteilung am Dienstag das Land Marokko nicht. Nach dem Eingang der Klage habe sie sich entschieden, Ermittlungen aufzunehmen, hieß es.

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