Politik

Spezial-Behörde für Innovationen stellt Deutschland schlechtes Zeugnis aus

Um den technologischen Anschluss an die USA und China nicht zu verpassen, gründete die Bundesregierung vor einigen Jahren eine Innovations-Spezialbehörde. Der Chef der Behörde ist angesichts der Zustände hierzulande sehr unzufrieden.
01.08.2021 14:00
Aktualisiert: 01.08.2021 14:11
Lesezeit: 2 min
Spezial-Behörde für Innovationen stellt Deutschland schlechtes Zeugnis aus
Eine Installation des Künstlers Haegue Yang im Kunsthaus Bregenz. (Foto: dpa) Foto: Ennio Leanza

Wenn Rafael Laguna de la Vera über seine Bundesagentur für Sprunginnovationen redet, spricht er nicht über Pferde und das Springreiten. Der Leiter der Agentur mit dem außergewöhnlichen Namen - kurz SPRIN-D genannt - hat nichts weniger im Sinn als die technologische Zukunft Deutschlands. Denn die Agentur soll möglichst revolutionäre Erfindungen suchen, die die Welt verändern könnten - und diese dann ausdrücklich unbürokratisch und auf außergewöhnlichen Wegen fördern. Doch so einfach geht das nicht, hat Laguna gemerkt. Im Reuters-Interview beklagt er zahlreiche Hürden, die ihm in den Weg gelegt werden. „Es gibt ein Tal des Todes, durch das jede innovative Technologie muss, bis sie zu einem marktfähigen Produkt wird. Und in Deutschland ist dieses Tal ziemlich breit.“

Die Bundesregierung gab 2018 den Startschuss für die Agentur, um nach amerikanischem Vorbild möglichst bahnbrechende Innovationen zu fördern. Sie geht auf eine Initiative von Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zurück, die auf technologischen Anschluss an die USA und China pochten. Die Bundesregierung stellt dafür eine Milliarde Euro für zehn Jahre zur Verfügung - als Versuchsballon. Noch steht die Agentur am Anfang bei ihrer Suche nach revolutionären Innovationen, doch einige Projekte hat sie schon identifiziert: Etwa die Entwicklung eines Therapeutikums zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit, die Reinigung von Gewässern von Mikroplastik durch winzig kleine Bläschen oder einen sogenannten Analog-Rechner. Ausdrücklich einkalkuliert ist, dass Projekte auch scheitern.

Hohe Hürden

Aber für Lagune stimmen die Rahmenbedingungen für seine Arbeit noch nicht - an keiner Stelle im „Tal des Todes“. Wenn Deutschland künftig revolutionäre Innovationen entwickeln wolle, müsse der Staat viel stärker als Käufer neuer Produkte auftreten, fordert er. „Der Staat ist bei uns immerhin der mit Abstand größte Auftraggeber.“ Wenn etwa eine europäische Alternative zu Microsoft-Office entwickelt werden sollte, müsse man nicht nur Geld für die Entwicklung auf den Tisch legen, sondern gleichzeitig dafür sorgen, dass Kommunen, Länder und Bund gleich mehrere Millionen Lizenzen bestellten, beschreibt er ein Beispiel. „Elon Musk hatte schon Milliardenaufträge der Nasa, bevor irgendetwas zu sehen war“, sagte er zur staatlich geförderten Raketenentwicklung des US-Milliardärs. In Deutschland klappe dies aber nur in der Krise, wenn etwa der Staat plötzlich Corona-Impfstoffe vor deren Zulassung kaufe.

Als Bremse betrachtet er aber auch die klassische Forschungs- und Projektförderung mit sehr aufwendigen Antragsverfahren und immer wieder nötigen Verlängerungsrunden für Zuschüsse. „Eigentlich wollen und sollten wir Erfindern einfach nur Geld in die Hand drücken und sagen: Macht mal. Aber das geht in Deutschland aus verschiedenen Gründen und etwa wegen des Haushaltsrechts nicht – oder nur ganz selten“, beklagt Laguna. „Wir wollen in Deutschland zumeist vor allem das Scheitern verhindern“, beschreibt er die Haltung der Politik - vor allem die des Bundesrechnungshofes. Der wolle „am liebsten schon vorher die Garantie eines Erfolges für das eingesetzte Geld. Aber so funktioniert Innovation eben nicht.“

„Meine Frustrationsschwelle ist sehr hoch“

Laguna sieht auch in den EU-Regeln zum Vergabe- und Beihilferecht Innovationsbremsen. Ausschreibungen der Öffentlichen Verwaltung seien extrem kompliziert. Man könne nicht einfach den Besten Folgeaufträge geben. „Es klingt absurd: Aber wenn wir eine 100-prozentige Finanzierung machen wollen, dann müssen wir eine 100-prozentige Tochter von SPRIN-D gründen, die dann ein Darlehen des Bundes bekommt“, beschreibt er den komplizierten Weg.

Ist eine Idee dann erst einmal zu einem innovativen Produkt herangereift, warteten die nächsten Hürden in Deutschland. „Auch die folgende Produkt- und Unternehmensentwicklung, Wachstumsfinanzierung und gegebenenfalls Börsengang müssen alle ineinandergreifen. Da hakt es an vielen Stellen“, kritisiert Laguna. „Der Ausgründungs-, Finanzierungs- und Börsengangkreislauf in Europa ist unterbrochen. Wir haben Innovationsförderung und Unternehmensgründung viel zu stark getrennt.“ Aufgeben will Laguna aber noch lange nicht. „Meine Frustrationsschwelle ist sehr hoch. Mich reizt es, Bewegung in den Prozess zu bringen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie Biometrie-Panne: Die gefährlichste Rolle ist der Zwilling
05.09.2026

Manche Dinge sind offenbar selbst für die klügsten Systeme eine zu große Herausforderung. Und dies ist eine Glosse genau über diese...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: US-Aktien schließen im Minus; Trump schießt gegen die Fed
04.09.2026

Spannung an der Wall Street: Was die Märkte jetzt bewegt und warum Anleger aufmerksam bleiben sollten.

DWN
Technologie
Technologie Samsung-Streit: Stadt darf vorerst keine neuen iPads kaufen
04.09.2026

Viele Kommunen setzen bei der Digitalisierung ihrer Schulen auf Tablets von Apple. Doch ein Rechtsstreit mit Samsung zwingt die Stadt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Apple-Aktie: Die vier wichtigsten Herausforderungen für Apples neuen Chef John Ternus
04.09.2026

Und so beginnt es. John Ternus hat Tim Cook offiziell als Vorstandschef von Apple abgelöst. Und was für ein Imperium er erbt.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Neura: Roboter-Attacke aus Schwaben
04.09.2026

Humanoide Roboter verlassen die Labore und sollen bald Fabriken, Krankenhäuser und Haushalte erobern – ein deutsches Unternehmen setzt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft So geht China mit Photovoltaik gegen Kohle vor
04.09.2026

China baut die Solarenergie in einem Tempo aus, das den globalen Energiemarkt verändert. Die installierte Leistung der Solarkraftwerke...

DWN
Politik
Politik DWN-Podcast Folge 41: Die Woche im Rückblick – KW 36
04.09.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nvidia-Aktie: Milliardenübernahme von Hugging Face stärkt KI-Geschäft
04.09.2026

Die Nvidia-Aktie rückt nach der Übernahme von Hugging Face erneut in den Fokus. Der Chiphersteller kauft die führende...