Wirtschaft

Zeitenwende in der Weltwirtschaft: Deutschlands Erfolgsmodell wackelt bedrohlich

Kaum eine andere entwickelte Volkswirtschaft ist so stark auf den freien Welthandel angewiesen wie die deutsche. Was Jahrzehnte lang ein Vorteil war, wandelt sich nun schrittweise zum Risiko.
28.09.2021 15:12
Aktualisiert: 28.09.2021 15:12
Lesezeit: 4 min
Zeitenwende in der Weltwirtschaft: Deutschlands Erfolgsmodell wackelt bedrohlich
Made in Germany: Wir Deutschen sind zu Recht stolz auf unsere starke Export-Wirtschaft - aber mittlerweile haben wir uns in eine gefährliche Abhängigkeit von unseren Abnehmern begeben. (Foto: dpa)

Das maßgeblich auf dem Export von Gütern basierende Wirtschaftsmodell Deutschlands gerät seit einigen Jahren unter verstärkten Druck. Brüche in den weltumspannenden Lieferketten und eine Hinwendung vieler Staaten zum Protektionismus offenbaren mit Blick auf die Zukunft beträchtliche Risiken. Im internationalen Staatengefüge und in der arbeitsteilig organisierten Weltwirtschaft bahnt sich eine Zeitenwende an.

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Auffällig ist, dass derzeit in vielen Ländern wirtschaftspolitische Strategien an Bedeutung gewinnen, die letztendlich auf eine Reduzierung der Abhängigkeit von externen Einflussfaktoren und auf eine „Selbststärkung“ der eigenen Volkswirtschaft abzielen. Diese Strategien materialisieren sich konkret in Form von zunehmend protektionistischen Handelsregimen, politischen und wirtschaftlichen Abkopplungstendenzen zwischen Staaten sowie in den zuletzt vermehrt auftretenden Brüchen in den weltumspannenden Lieferketten.

Einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zufolge wird diese Entwicklung - sollte sie Bestand haben - insbesondere für Deutschland große Probleme bereithalten, da die deutsche Wirtschaft angesichts ihrer Exportfixierung wie kaum eine andere auf einen freien Welthandel, niedrige Zölle und internationale Kooperation angewiesen ist. Im Jahr 2019 belief sich das monetäre Gesamtvolumen von Importen und Exporten in Deutschland verglichen mit der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes (die sogenannte Außenhandelsquote) auf 88 Prozent - ein absoluter Spitzenwert im internationalen Vergleich.

Damit ist Deutschland viel „offener“ und handelsorientierter aufgestellt als andere OSZE-Staaten, deren Außenhandelsquoten im Schnitt bei 59 Prozent liegen. Mit Deutschland vergleichbare Länder wie Großbritannien und Frankreich weisen dem IW zufolge Außenhandelsquoten von 64 beziehungsweise 65 Prozent auf. Bei Japan - wie Deutschland ebenfalls häufig als ein „Exportweltmeister“ wahrgenommen - sind es lediglich 35 Prozent, bei den USA sogar nur 26 Prozent.

Das der deutschen Volkswirtschaft zugrunde liegende Geschäftsmodell ist eben aufgrund dieses hohen „Offenheitsgrades“ besonders anfällig für Protektionismus und Lieferkettenprobleme.

Die Trendwende angestoßen hatte der frühere US-Präsident Donald Trump schon bald nach seiner Amtsübernahme im Jahr 2017 mit der Lancierung eines Handelskriegs gegen China. Doch Trumps Politik des „America First“ traf nicht nur China, sondern auch die Europäer - etwa in Form von Importzöllen gegen europäische Stahl- und Aluminiumunternehmen und Drohungen gegen europäische Autobauer. Trumps Nachfolger Joe Biden hat die von seinem Vorgänger etablierte Wirtschaftspolitik nicht nur nicht rückgängig gemacht, sondern verstärkte sie zuletzt mit der sogenannten „Buy American"-Regel noch. Dabei handelt es sich um Quoten-Vorschriften für staatliche und öffentliche Behörden: die von diesen eingekauften Produkte (von der Handfeuerwaffe für Polizisten bis hin zu den Wasserleitungen für städtische Wasserwerke) müssen demnach zu einem gewissen Mindest-Anteil aus amerikanischer Produktion stammen. Derzeit liegt die „Buy American"-Vorgabe bei 55 Prozent, sie soll bis zum Jahr 2029 auf 75 Prozent angehoben werden.

Überhaupt hatten Episoden wie der von Trump unilateral mit den Taliban vereinbarte und von Biden ganz offensichtlich überstürzt umgesetzte Abzug aus Afghanistan oder die Bildung eines gegen China gerichteten Militärbündnisses mit Großbritannien und Australien den schon seit einiger Zeit in Europa geführten Diskussionen um den Aufbau einer strategischen Autonomie gegenüber den USA neue Nahrung gegeben.

Auch China hatte in der jüngeren Vergangenheit neue protektionistische und regulatorische Maßnahmen ergriffen, welche bestehende Restriktionen für ausländische Unternehmen in China ergänzten, gleichzeitig jedoch auch die Öffnung seiner Finanzmärkte für ausländische Investoren vorangetrieben.

Das im vergangenen Jahr im Rahmen des 14. Fünfjahresplans vorgestellte Konzept der „Wirtschaft der zwei Kreisläufe“ beispielsweise zielt klar auf eine Reduzierung der Abhängigkeit von ausländischen Zulieferern und eine Stärkung des Binnenkonsums ab. Das vor Kurzem von Beijing vorgestellte Projekt des „gemeinsamen Wohlstands“ wird von Analysten als wirtschaftspolitischer Schwenk weg von der Fixierung auf hohe Wirtschaftswachstumsraten interpretiert. Stattdessen könnten eine ausgewogenere Verteilung des in den vergangenen Jahrzehnten erwirtschafteten Wohlstandes sowie Aspekte der Sicherheit des Staates künftig mehr Aufmerksamkeit erhalten. Analysten zufolge wird dieser Strategieschwenk mit tieferen aber dafür nachhaltigeren Wachstumsraten und einer verstärkten Konzentration auf die heimische Wirtschaft einhergehen - beides Faktoren, welche die Handelsgeschäfte deutscher Firmen mit dem Reich der Mitte in Zukunft eher belasten dürften.

Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und die sich daran anschließenden Friktionen gehört ebenfalls in die Reihe jener Phänomene, die den Außenhandel Deutschland beeinträchtigen. Großbritannien ist inzwischen sogar aus der Riege der zehn wichtigsten Handelspartner Deutschlands verschwunden und die derzeit grassierenden Engpässe bei der Treibstoff-Versorgung spiegeln die logistischen Brüche und politischen Gräben wieder, welche zwischen der Insel und dem Kontinent klaffen.

Überhaupt hatten viele Länder im Zuge der Pandemiebekämpfung - auch Mitgliedsstaaten der EU - neue Barrieren im Handel und in der Reisebranche aufbaut, von denen einige auch nach der Krise fortbestehen werden und die ebenfalls allesamt eine hemmende Wirkung auf die Wirtschaftsaktivität entfalten.

Lieferketten unter Druck

Die aktuell wohl größte Bedrohung für das Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft stellen die signifikanten Verzögerungen und Brüche in den weltumspannenden Lieferketten dar. Zwar sind die Auftragsbücher vieler deutscher Produzenten voll - ob sich die Aufträge in vollem Umfang realisieren lassen, erscheint jedoch zunehmend fraglich. Dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zufolge können 42 Prozent der im Exportgeschäft tätigen Firmen derzeit Aufträge nicht abarbeiten. 26 Prozent hätten sogar ihre Produktion drosseln oder stoppen müssen.

Die Lage im Welthandel hat sich seit der Veröffentlichung der DIHK-Einschätzung vor einigen Wochen nicht verbessert. Im Gegenteil, zeichnet sich in Europa und anderen Wirtschaftsräumen doch inzwischen neben den weiterhin bestehenden Überlastungen wichtiger Häfen in den USA und China sowie der Knappheit bei bestimmten Vorprodukten wie Halbleiterchips eine Energiepreiskrise am Horizont ab.

Die rapide gestiegenen Preise für Erdgas (plus 140 Prozent seit Jahresbeginn), Kohle (plus 160 Prozent), Propan (plus 100 Prozent), Rohöl, Benzin und Heizöl (alle in etwa plus 55 Prozent) spiegeln teilweise ernste Angebotsknappheiten wieder - die massive Verteuerung ist aber auch Folge von Klima-Steuern, wie sie seit Jahresbeginn etwa von der Bundesregierung in bestimmten Industriebereichen und im Wohnungsbau erhoben wird. Zudem verteuert der starke Preisanstieg bei CO2-Emissionszertifikaten im europäischen Handel die fossilen Aktivitäten der Industrien.

Geopolitik auf dem Vormarsch

Zu den wichtigsten Belastungsfaktoren für das deutsche Geschäftsmodell gehört unzweifelhaft auch die schrittweise Beeinträchtigung der Wirtschaftskreisläufe durch geopolitische Agenden. So bremsen oder unterbinden Sanktionen der US-Regierung die Geschäfte deutscher Unternehmen mit Partnern aus einer Vielzahl von Ländern. Genannt seien hier in erster Linie Russland, der Iran und China. Gegen Russland und China hatte die EU-Kommission selbst Sanktionen erlassen.

Und die Umsetzung eines kurz vor dem Jahreswechsel mit Unterstützung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Emanuel Macron verabschiedeten Investitionsabkommen mit China wird von Teilen des EU-Parlaments unter Verweis auf die „Menschenrechte“ blockiert. Angesichts der weit verbreiteten Zusammenarbeit europäischer Firmen oder auch der Politik mit allerlei problematischen Ländern (Saudi-Arabien, Türkei, Katar etc.) muss dieses Argument als Vorwand betrachtet werden. Das Ziel der Initiatoren des Widerstands im Parlament dürfte darin bestehen, eine vertiefte wirtschaftliche Integration mit China zu unterbinden.

Wie politisch aufgeladen Handelsbeziehungen und Wirtschaftsprojekte inzwischen sein können zeigt auch das Beispiel der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2, die russisches Gas nach Deutschland und in andere EU-Staaten leiten soll. Mehrfach stand das Projekt wegen Sanktionen der USA kurz vor dem Aus, ob die fertiggestellte Pipeline in Betrieb genommen wird ist angesichts des zähen Widerstands in Osteuropa und auch in den USA selbst jedoch ungewiss - auch wenn es vor einigen Monaten zu einer Einigung der Bundesregierung mit der Biden-Administration in dieser Frage kam. Auch in Deutschland gibt es geopolitisch motivierte Widerstände: So hatte Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock bereits angekündigt, kein Gas aus der Pipeline abnehmen zu wollen.

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deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/509353/Exportabhaengigkeit-gefaehrdet-Wohlstand-und-nationale-Sicherheit-Deutschland-braucht-hoehere-Loehne-und-mehr-Investitionen

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