Deutschland

Inflation steigt, Wachstum geht zurück: Deutsche Konjunktur stottert weiter

Der Konjunktur-Ausblick der "IKB Deutsche Industriebank" fällt durchwachsen aus.
02.10.2021 17:30
Lesezeit: 3 min
Inflation steigt, Wachstum geht zurück: Deutsche Konjunktur stottert weiter
Glühende Stahlplatten im Warmwalzwerk von ArcelorMIttal. (Foto: dpa) Foto: Ingo Wagner

Rohstoff-, Erzeuger- und Verbraucherpreise – was ist zu erwarten?

Der weltweite Industrieboom, getrieben vor allem von der kräftigen Konjunkturerholung in China, ist verantwortlich für den immensen Rohstoffpreisanstieg und die globalen Lieferengpässe. Doch die chinesische Wachstumsdynamik scheint sich abzukühlen. So liegt die chinesische Industrieproduktion im Juni 2021 zwar immer noch mit 6 Prozent über dem Niveau von 2019, aber seit Anfang 2021 ist sie leicht rückläufig. Zudem könnte die chinesische Industrie durch die Insolvenz von „Evergrande“ einen weiteren Dämpfer erleiden, vor allem wenn dadurch die Bauwirtschaft in China Dynamik verlieren sollte. Die Unruhen rund um Evergrande haben bereits für erste Disruptionen auf baunahen Rohstoffmärkten gesorgt.

Infolge der konjunkturellen Abkühlung in China stagniert auch die Weltproduktion von Industriegütern seit Anfang dieses Jahres. Zwar bedeutet dies noch keine Entspannung bei den Lieferengpässen. Rohstoffpreise hingegen, die nicht nur durch die reale Nachfrage, sondern auch durch Übertreibungen charakterisiert sind, sollten früher reagieren. Denn eine Stimmungsveränderung in der Realwirtschaft oder auf den Finanzmärkten reicht oftmals schon aus, um einen absoluten Rückgang der Rohstoffpreise einzuleiten und die Übertreibung zu korrigieren. So signalisieren die sich eintrübenden Stimmungsindikatoren und das sinkende Produktionswachstum, dass industrienahe Rohstoffpreise ihren Peak erreicht haben sollten und perspektivisch mit absoluten Preisrückgängen zu rechnen ist. Eine anzunehmende Ausweitung der Angebotsseite auf den Rohstoffmärkten verstärkt diese Entwicklung. Insgesamt ist von einem Rückgang der Rohstoffpreise auf 12-Monatssicht auszugehen.

Es mag zwar aktuell noch viel Inflationserhöhungsdruck bestehen, wie in der Diskrepanz zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisinflation zu erkennen ist. Erste Anzeichen einer Wende sind jedoch erkennbar. Das heißt: Die aktuelle und in den verbleibenden Monaten von 2021 weiter steigende Inflation ist kein Indiz für ein anhaltendes oder sogar zunehmendes Inflationsrisiko. Die Inflationssteigerung in den nächsten Monaten ist eher das Ergebnis von Entwicklungen, die an Relevanz zunehmend verlieren sollten.

Bis dato haben die steigenden Rohstoffpreise kaum zu einer Stimmungseintrübung in der Realwirtschaft geführt. Der Grund hierfür ist, dass Unternehmen dank der robusten Nachfrage in der Lage sind, Kosten weiterzugeben. Die höheren Kosten haben demnach zu einer höheren Inflation und weniger zu Gewinneinbrüchen bei den Unternehmen geführt. Somit ist der deutliche Anstieg der Erzeugerpreise auch ein klares Signal dafür, dass sich Margendruck trotz erheblicher Rohstoffpreiserhöhungen in Grenzen hält. Margendruck mag sich erst durch Zweitrundeneffekte, insbesondere wenn höhere Lohnforderungen durchgesetzt werden können, zeigen. Noch ist dies jedoch nicht ersichtlich. Die größten Preisanstiege verzeichnen weiterhin rohstoffnahe Industriebranchen.

Die Inflationsrate wird in den kommenden Monaten weiter zulegen und könnte durchaus für Überraschungen sorgen. Im Jahr 2022 wird jedoch die Teuerung nicht nur aufgrund von Basis- oder Sondereffekten infolge der Mehrwertsteueranhebung, sondern auch infolge eines zu erwartenden sinkenden Kostendrucks nachlassen. Allerdings besteht aktuell noch relativ viel Inflationspotenzial, das sich in den derzeit hohen Erzeugerpreisen widerspiegelt. So dürfte die deutsche Inflationsrate auch im Jahr 2022 bei 2 Prozent liegen. Für dieses Jahr könnte die 3-Prozent-Marke erreicht werden, was das Risiko von erhöhten Lohnforderungen im Jahr 2022 zunehmen lässt. Die IKB erwartet für Deutschland eine durchschnittliche Inflationsrate von 3,0 Prozent im Jahr 2021 und 2,2 Prozent im Jahr 2022. Für die Euro-Zone liegen die Prognosen bei 2,4 Prozent und 2,0 Prozent

Stimmung in der Wirtschaft lässt nur leicht nach

Das ifo-Geschäftsklima hat sich im September nur leicht eingetrübt. Der Index sank um 0,6 Punkte. Dabei stabilisierten sich nahezu die Geschäftserwartungen nach deutlichen Verschlechterungen in den beiden Vormonaten. Der Rückgang dieses Teil-Indexes belief sich lediglich auf 0,2 Zähler.

Im Vergleich dazu haben die Unternehmen aber erstmals seit Januar 2021 die aktuelle Lage weniger gut eingeschätzt. Der Index sank um einen Zähler. Hier dürften sich jetzt zunehmend die Probleme mit den Lieferengpässen bemerkbar gemacht haben. Die erneute Eintrübung des ifo-Geschäftsklimas – die dritte in Folge – sollte aber nicht überbewertet werden, denn grundsätzlich ist die Unternehmensstimmung weiterhin recht gut. Auch sollte das Thema Lieferengpässe nicht überbetont werden, sondern eher die Sorge rund um eine globale Abkühlung des Industriewachstums, denn diese wird zwar den Einfluss von Lieferengpässen und Rohstoffpreisdruck relativieren, eine Stimmungseintrübung würde aber dennoch - und womöglich deutlich ausgeprägter - stattfinden.

Der ifo-Index für das dritte Quartal kann empirisch als Frühindikator für die BIP-Wachstumsprognose des letzten Quartals 2021 benutzt werden. Laut IKB-Modell deutet der ifo-Index des zweiten und dritten Vierteljahres auf eine Wachstumsverlangsamung in beiden letzten Quartalen hin. Diese sollte aber vor allem im vierten Quartal ersichtlich werden. Nach einem Wachstum von 1,6 Prozent im zweiten Vierteljahr signalisiert das IKB-Modell ein Quartalswachstum zwischen 1,3 und 1,5 Prozent im dritten Vierteljahr und eines von nur noch zwischen 0,5 und 0,8 Prozent im letzten Quartal. Diese Einschätzung passt zur aktuellen Konjunktur: Lieferengpässe belasten kurzfristig die Industrieproduktion. Dem steht allerdings eine weitere tendenzielle Erholung des Dienstleistungssektor gegenüber. Diese Einschätzung sowie ein immer noch relativ hoher und stabiler ifo-Index sprechen gegen einen außerordentlich pessimistischen Ausblick für das verbleibende Jahr. So revidiert die IKB ihre BIP-Prognose nur moderat: Zuletzt ging die IKB von einem BIP-Wachstum für 2021 von knapp unter 3 Prozent aus; jetzt wurde die BIP-Prognose auf 2,5 Prozent für 2021 konkretisiert. Für 2022 bleibt der Ausblick bei um oder leicht über 4 Prozent.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Edelmetalle in einer neuen Marktphase

Gold über 5.500 US-Dollar, Silber über 100 US-Dollar pro Unze

DWN
Finanzen
Finanzen Finanzabteilungen vor dem Kollaps? Warum 2026 alles ändert
31.01.2026

2026 wird zum Schicksalsjahr für Finanzabteilungen: KI verspricht Effizienz, Regulierung droht mit Sanktionen – und beides trifft jetzt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo EX60: Schwedens Antwort auf den BMW iX3 und den Mercedes GLC
31.01.2026

Volvo will sich mit einem neuen Elektro-SUV im Premiumsegment strategisch neu ausrichten. Gelingt es dem Hersteller damit erstmals,...

DWN
Finanzen
Finanzen Trotz niedrigem Kakaopreis: Hoher Schokoladenpreis bremst die Nachfrage
31.01.2026

Obwohl der Kakaopreis seit Monaten deutlich fällt, wird Schokolade spürbar teurer. Während die Umsätze aufgrund des hohen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Macrons kurioser Auftritt in Davos: Sonnenbrille sorgt für Kurssprung der iVision Tech-Aktie
31.01.2026

Macrons Sonnenbrille löste bei seinem Auftritt in Davos eine ungewöhnliche Marktreaktion aus. Die mediale Aufmerksamkeit katapultierte...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Schienengüterverkehr unter Druck: Deutlicher Rückgang der Transportleistungen
31.01.2026

Der europäische Schienengüterverkehr verliert europaweit an Bedeutung. Welche Ursachen stehen hinter dieser Entwicklung und welche Folgen...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Erstarkender Dollar drückt Aktien und Edelmetalle ins Minus
30.01.2026

Die US-Börsen beendeten den Freitag mit Verlusten. Der Dollar legte zu, während die Preise für Gold und Silber drastisch einbrachen.

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 05: Die wichtigsten Analysen der Woche
30.01.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 05 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Panorama
Panorama Solarstrom, Euro, Fastenmonat – das bringt der Februar
30.01.2026

Im kürzesten Monat des Jahres verschwindet eine Währung endgültig aus einem EU-Land, für Urlauber bringt das Erleichterung. Für...