Politik

Streit um Erdgas und Atomkraft: Von der Leyens „Green Deal“ kollidiert mit der Realität

Mehrere EU-Staaten setzen sich für Erdgas und Atomkraft ein - die weitreichende Klima-Agenda der Kommission steht vor einer ernsten Belastungsprobe.
05.11.2021 10:03
Lesezeit: 2 min
Streit um Erdgas und Atomkraft: Von der Leyens „Green Deal“ kollidiert mit der Realität
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. (Foto: dpa) Foto: Francisco Seco

Die von der EU-Kommission vorangetriebene Transformation der europäischen Volkswirtschaften - medial propagiert unter dem Schlagwort „Green Deal“ und begründet mit dem „Kampf gegen die Klimaerwärmung“ - stößt auf erste ernstzunehmende Widerstände.

Zwischen den Mitgliedsstaaten ist ein Streit um die Frage entbrannt, ob die Nutzung von Erdgas und Nuklearenergie künftig von der Kommission im Hinblick auf das Klima als unbedenklich eingestuft werden sollte oder nicht. Sollte Brüssel die genannten Energiequellen als schädlich für das Weltklima einstufen, greifen künftig Mechanismen wie der CO2-Emissionshandel oder es werden (wie seit Jahresbeginn bereits in Deutschland) Sondersteuern erhoben, die darauf abzielen, die Nutzung fossiler Energieträger künstlich zu verteuern und dadurch langfristig vom Markt zu verdrängen.

Mehrere Staaten setzen sich bei der Kommission nun dafür ein, dass die Nukleartechnologie als unbedenklich eingestuft wird - allen voran die französische Regierung, die rund 70 Prozent des Strombedarfs des Landes von 56 Atomkraftwerken decken lässt. Präsident Emanuel Macron plant Medienberichten zufolge darüber hinaus den Bau weiterer AKWs und lässt Wissenschaftler an einem neuartigen Druckwasserreaktor forschen. Das Anti-Atomkraft-Lager innerhalb der EU wird indes von der Bundesregierung angeführt, welche ihren 2011 beschlossenen Ausstieg Ende 2022 mit der Abschaltung der verbliebenen drei Kraftwerke Neckarwestheim, Isar und Emsland vollenden möchte.

Viel interessanter als die innereuropäische Lagerbildung im Bereich der Atomenergie ist jedoch der Umstand, dass Frankreich derzeit eine Allianz mit mittel- und osteuropäischen Staaten schmiedet, welche sich bei der Kommission für eine Unbedenklichkeitserklärung für Erdgas einsetzen. Dabei handelt es sich um die im Visegrad-Format vereinten Länder Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei wie auch um Kroatien, Slowenien, Bulgarien und Rumänien.

Der EU Observer berichtet, dass Frankreichs Präsident Emanuel Macron am 18. Oktober andere gleichgesinnte Regierungen zu einem Geheimtreffen versammelt hatte, um eine gemeinsame Verhandlungsposition abzustimmen und die Aufnahme von Erdgas und Atomkraft in die Taxonomie-Bestimmungen der Kommission zum Klimaschutz zu verhindern. Im Rahmen dieser Taxonomie-Bestimmungen will Brüssel Investitionen im Umfang von rund einer Billion Euro beeinflussen und umlenken, um die selbstgesteckten Reduktionsziele für CO2 bis zum Jahr 2030 zu erreichen.

Ergebnis des Treffens sei ein anonymes Positionspapier gewesen, welches am kurz darauf stattfindenden EU-Gipfel zirkulierte. Darin wird der Beitrag der emissionsfreien Atomkraft zum Klimaschutz gewürdigt und gefordert, dass bis zum Jahr 2030 neue Gaskraftwerke gebaut werden sollten, wenn sie weniger als 340 Gramm Kohlenstoffdioxid je Kilowattstunde emittieren - ein Wert, den moderne Gaskraftwerke in der Regel unterschreiten.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ruderte angesichts der französisch-osteuropäischen Allianz bereits öffentlich zurück. „Wir brauchen mehr Erneuerbare“, schrieb sie auf Twitter. „Wir brauchen aber auch eine stabile Energiequelle, die Atomkraft, und während der Übergangszeit Gas.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis bei 10.000 US-Dollar? Warum Analysten einen historischen Durchbruch erwarten

Gold gilt seit jeher als sicherer Hafen, doch die aktuelle Debatte wirkt anders. Steigende globale Verschuldung, anhaltende Inflation und...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: US-Börsen blieben nach Zentralbankentscheidung stabil
28.01.2026

Die erwartete Entscheidung der US-Notenbank, die Zinssätze stabil zu halten, ließ die Märkte auf klarere Hinweise bezüglich künftiger...

DWN
Politik
Politik Energieprojekt Bornholm: Dänemark und Deutschland einigen sich auf gemeinsame Finanzierung
28.01.2026

Deutschland und Dänemark rücken bei einem zentralen Energieprojekt enger zusammen. Welche wirtschaftlichen und strategischen Folgen hat...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Rekordhoch: Trump treibt Gold-Rallye weiter an – sind bald schon 6.000 Dollar möglich?
28.01.2026

Der Goldmarkt erlebt derzeit eine historische Ausnahmesituation: Ein neues Goldpreis-Rekordhoch folgt dem nächsten. Trumps...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Puma unter chinesischem Großaktionär: Welche europäischen Sportmarken unabhängig bleiben
28.01.2026

Der Einstieg eines chinesischen Großaktionärs bei Puma rückt die Eigentümerstrukturen europäischer Sportmarken in den Fokus. Welche...

DWN
Finanzen
Finanzen Verdacht auf Geldwäsche: BKA durchsucht Deutsche Bank
28.01.2026

Erneut Ärger wegen möglicher Geldwäsche: Justiz und BKA sichern Beweise bei der Deutschen Bank. Die Ermittlungen stehen im Zusammenhang...

DWN
Politik
Politik Haseloff-Nachfolger: Schulze neuer Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt
28.01.2026

Nach 15 Jahren Reiner Haseloff übernimmt Sven Schulze das Amt des Regierungschefs in Sachsen-Anhalt – und muss gleich gegen einen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau: Amazon streicht weltweit 16.000 Arbeitsplätze
28.01.2026

Der weltgrößte Onlinehändler Amazon baut erneut Tausende Stellen ab. Was hinter den Entlassungen steckt und wie der Konzern auf die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Konjunkturausblick für Deutschland: Bundesregierung reduziert Wachstumsprognose
28.01.2026

Die Bundesregierung senkt ihre Wachstumsprognose und passt den wirtschaftspolitischen Kurs an. Welche Folgen hat der Beschluss für...