Politik

Nach 30 Jahren wieder gegen Moskau: USA aktivieren Atomeinheit in Deutschland

Die USA haben erstmals seit dem Ende des Kalten Kriegs ihre Atomeinheit in Mainz-Kastel aktiviert. Das 56. Artilleriekommando, das mit Langstrecken-Hyperschallraketen ausgerüstet wurde, zielt auf Moskau. Doch die Antwort der Russen ließ nicht lange auf sich warten.
16.11.2021 22:15
Aktualisiert: 16.11.2021 22:15
Lesezeit: 3 min
Nach 30 Jahren wieder gegen Moskau: USA aktivieren Atomeinheit in Deutschland
Die USA aktivieren eine Atomeinheit in Deutschland. (Screenshot via The Sun)

In letzter Zeit wurde einer Reihe von chinesischen Hyperschallwaffentests viel Aufmerksamkeit gewidmet. Doch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat das Pentagon in der ersten Novemberwoche eine Nukleareinheit mit Sitz in Mainz-Kastel, Südwestdeutschland, reaktiviert, die laut der Zeitung „The Irish Sun“ bald in der Lage sein wird, Hyperschallwaffen mit einer Geschwindigkeit von 2485 km/h auf Moskau abzufeuern. Das 56. Artilleriekommando wird dem Bericht zufolge mit Langstrecken-Hyperschallraketen vom Typ „Dark Eagle“ bewaffnet. Diese können Moskau in 21 Minuten und 30 Sekunden treffen. Zum letzten Mal war das Kommando im Jahr 1991 voll einsatzbereit.

„Von einem leeren Blatt Papier im März 2019 ausgehend haben wir diese Hardware zusammen mit unseren Industriepartnern und gemeinsamen Diensten in etwas mehr als zwei Jahren geliefert. Jetzt können Soldaten mit der Ausbildung beginnen“, teilte Generalleutnant L. Neil Thurgood in einer Stellungnahme mit Blick auf die Überschallraketen mit. Der kommandierende General der Artillerieeinheit, General Stephen Maranian, sagte, die Reaktivierung würde „der US-Armee in Europa und Afrika bedeutende Fähigkeiten bei Multi-Domain-Operationen verleihen“.

Unabhängig von „Dark Eagle“ wird das 56. Artilleriekommando weitere Waffen erhalten, darunter die bodengestützte Version des Tomahawk-Marschflugkörpers. Hyperschall-Raketen könnten für die NATO bahnbrechend sein, da die fortschrittlichsten Raketenabwehrschilde der Welt aufgrund hoher Geschwindigkeiten und einer unvorhersehbaren Flugbahn Schwierigkeiten haben, diese Waffen abzuschießen.

China und Russland liegen im Hyperschall-Rennen im Vergleich zu den USA beide vorne, so die „Financial Times“. Washingtons Hyperschall-Raketenplan für Deutschland deutet auf einen unvermeidlichen Kalten Krieg hin, in dem die Entwicklung von Hyperschallwaffen und Kampfjets der fünften Generation ein Wettbewerb zwischen den globalen Supermächten sein wird.

Russland antwortet mit Satelliten-Abschuss

Die Antwort der Russen auf die Reaktivierung der US-amerikanischen Atomeinheit auf deutschem Boden ließ nicht lange auf sich warten. Am 16. November 2021 teilte die Nachrichtenagentur dpa mit: „Russland hat mit dem Abschuss eines ausgedienten Satelliten heftige Kritik auf sich gezogen. Die US-Regierung warf Moskau vor, die Sicherheit von Raumfahrern auf der Internationalen Raumstation ISS durch den Test einer Anti-Satelliten-Rakete gefährdet zu haben. Das russische Verteidigungsministerium bestätigte am Dienstag, das Militär habe am Montag ,erfolgreich einen Test durchgeführt, infolge dessen der ausgediente Raumflugkörper Zelina-D getroffen wurde‘. Zu Wochenbeginn wurde die ISS gleich zweimal geräumt, weil ihr Weltraumschrott nahe gekommen sein soll. In der Station hält sich seit ein paar Tagen auch der deutsche Astronaut Matthias Maurer auf.“

US-Außenminister Antony Blinken sagte: „Wir verurteilen Russlands rücksichtslosen Test.“ Ähnlich äußerte sich Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Durch die Zerstörung eines Satelliten seien zahlreiche Trümmer entstanden, die nun ein Risiko für die ISS und die chinesische Raumstation darstellten. Der Test sei zudem besorgniserregend, weil er zeige, dass Russland neue Waffensysteme entwickele, die auch die Infrastruktur für zivile Navigations- und Kommunikationssysteme auf der Erde zerstören könnten.

Der Abschuss des Satelliten zeige deutlich, dass Russlands Behauptungen, es lehne die Militarisierung des Weltraums ab, „unaufrichtig und scheinheilig“ seien, sagte der Sprecher des US-Außenministeriums, Ned Price. Die Bundesregierung zeigte sich „sehr besorgt“ über den Vorfall. „Dieses unverantwortliche Verhalten birgt ein hohes Risiko für Fehleinschätzungen und Eskalation“, teilte das Auswärtige Amt mit.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow wiederum nannte den Vorwurf, Moskau gefährde die friedliche Nutzung des Weltraums, „Heuchelei“. Es gebe dafür keinerlei Belege. Stattdessen treibe das Pentagon selbst „auf aktivste Art und Weise“ ein Wettrüsten im All voran, kritisierte Lawrow - etwa durch Tests von Angriffswaffen. Am Abend berichtete Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin von einem Telefonat mit Nasa-Chef Nelson, bei dem eine weitere Zusammenarbeit bezüglich der ISS bekräftigt worden sei. Er habe Nelson zudem nach Moskau eingeladen, schrieb Rogosin auf Telegram.

Die Nato hatte bereits im Juni beschlossen, dass Angriffe aus dem oder im Weltraum künftig nach Artikel 5 zur kollektiven Verteidigung als Bündnisfall behandelt werden können. Das gilt bisher für Angriffe am Boden oder im Luft-, See- oder Cyberraum.

Begründet wurde der Schritt unter anderem damit, dass Angriffe auf Satelliten im Fall eines Krieges genutzt werden könnten, um Teile des öffentlichen Lebens lahmzulegen. So könnten die Abwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, Handynetze oder Navigationssysteme für den Straßen-, See- und Luftverkehr schwer beeinträchtigt werden. Denkbar ist auch, dass Satelliten als Trägersysteme für Waffen genutzt werden, die dann auf Ziele auf der Erde gerichtet werden.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Politik
Politik „Machen Sie sich auf die Auswirkungen gefasst“: EU kündigt weitere Gegenmaßnahmen zu US-Zöllen an
03.04.2025

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat die Bürger der EU auf die bevorstehenden wirtschaftlichen Folgen...

DWN
Politik
Politik US-Finanzminister warnt vor Vergeltungszöllen: Eskalation könnte die Lage verschärfen
03.04.2025

US-Finanzminister Scott Bessent hat betroffene Länder vor einer schnellen Reaktion auf die jüngste Ankündigung von Präsident Donald...

DWN
Politik
Politik AfD-Kandidat erstmals ins Verfassungsgericht gewählt: Zweidrittelmehrheit im Thüringer Landtag
03.04.2025

Die AfD hat einen Kandidaten für den Thüringer Verfassungsgerichtshof durchgesetzt: Rechtsanwalt Bernd Falk Wittig wurde mit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bewerbercheck: Dürfen Arbeitgeber frühere Chefs kontaktieren?
03.04.2025

Referenzen von ehemaligen Arbeitgebern können wertvolle Einblicke bieten – aber ist es rechtlich erlaubt, ohne Zustimmung des Bewerbers...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sichere KI statt Datenleck: Das müssen Firmen beim Chatbot-Einsatz beachten
03.04.2025

KI-Chatbots sind im Mittelstand längst Alltag – doch oft fehlt es an Sicherheitsstandards. Der Hamburger KI- und Digitalisierungsexperte...

DWN
Panorama
Panorama Orban trifft Netanjahu in Budapest trotz Haftbefehl -und erklärt Rückzug aus Internationalen Strafgerichtshof
03.04.2025

Viktor Orbán ignoriert den Haftbefehl, den der Internationale Strafgerichtshof gegen Israels Premier erlassen hat – und heißt ihn in...

DWN
Politik
Politik Russlands Verzögerung der Verhandlungen könnte auch der Ukraine nützen
03.04.2025

Die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über eine mögliche Waffenruhe oder Friedenslösung ziehen sich weiter hin. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX aktuell: DAX-Kurs fällt nach Trumps Zollankündigung - wie sollten Anleger reagieren?
03.04.2025

Die erneute Zollankündigung von US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstag die Aktienmärkte stark unter Druck gesetzt. Der DAX-Kurs...