Technologie

Transhumanismus: Auf dem Weg zum perfekten Menschen

Ist der Traum vom perfekten Menschen lediglich Science-Fiction? Nein! Technologien zur Verschmelzung von Mensch und Maschine sind bereits in der Entstehung begriffen.
25.12.2021 10:59
Aktualisiert: 25.12.2021 10:59
Lesezeit: 4 min
Transhumanismus: Auf dem Weg zum perfekten Menschen
So wird der perfekte Mensch wahrscheinlich nicht aussehen. Aber wie dann? Forscher und Entwickler sind intensiv dabei, die Verschmelzung von Mensch und Maschine voranzutreiben. (Foto: pixabay)

Ein in den Schädel implantierter Chip, von dem eine drahtlose Verbindung zu einem Computer besteht. Eine zentrale Plattform namens „Metaversum“, in der die virtuelle und die reale Welt miteinander verschmelzen, und in der wir einen großen Teil unseres Lebens verbringen. Oder die Digitalisierung des Geistes eines Verstorbenen, um ihn in einer Computersimulation weiterleben zu lassen.

Geschichten aus einem Science-Fiction-Roman? Originelle Einfälle von berühmten und beliebten Autoren wie Jules Verne, H. G. Wells, Aldous Huxley oder Frank Schätzing?

Nein. Alle drei oben beschriebenen Szenarien sind tatsächlich existierende Forschungsprojekte. Sie entstammen nicht der Fantasie eines Schriftstellers, sondern wurden von Technologie- und Digital-Visionären erdacht, hinter denen große Konzerne und Abermilliarden von Dollars stecken. Der implantierte Chip: ein Projekt des Unternehmens „Neuralink“, hinter dem der reichste Mann der Welt, Tesla-Chef Elon Musk, steht. Metaversum: ein Konzept, in das Facebook-Gründer Mark Zuckerberg viel Geld investiert. Und die Digitalisierung eines menschlichen Geistes: Daran arbeitet das vor drei Jahren an der amerikanischen Elite-Universität „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT) gegründete Unternehmen „Nectome“.

Die hier genannten sind nur einige von vielen Beispielen von Technologien, deren Erfinder eine Verschmelzung von Mensch und Maschine anstreben. Erfinder, die die natürlichen Grenzen, welche die Natur uns Menschen setzt, zu überwinden suchen. Deren Ziel es ist, den transzendentalen Menschen zu schaffen. Man könnte auch sagen „Mensch, Maschine und Gott“. So hat dann auch unser Autor Prof. Dr. Werner Thiede seinen Artikel betitelt, in dem er mit diesem in seinen Augen gotteslästerlichen, naturwidrigen und in letzter Hinsicht menschenfeindlichen Unternehmungen hart ins Gericht geht.

Aber hat Prof. Thiede mit seiner Kritik Recht? Handelt es sich bei diesen Projekten nicht vielmehr um kühne Versuche, die menschliche Zivilisation weiterzuentwickeln? Den Menschen sein evolutionäres Potenzial ausschöpfen zu lassen? Ist die technologisch-gestützte Optimierung des Menschen vielleicht Ausdruck des natürlichen Drangs, die menschliche Existenz durch fortschrittliche Technologien zu verbessern? Ist sie möglicherweise sogar eine moralische Pflicht?

Wir wissen nicht, wie diejenigen, die diese Projekte vorantreiben, diese Fragen beantworten würden. Was wir wissen, ist, dass sie alle Anhänger derselben Denkrichtung – andere würden vielleicht sagen, derselben Ideologie – sind: der des Transhumanismus. Dieser geht auf den britischen Schriftsteller William Winwood Reade zurück, der die grundsätzlichen transhumanistischen Ideen in seinem 1872 erschienenen Werk „Das Martyrium des Menschen“ postulierte (Zyniker würden vielleicht anmerken, es sei keine Überraschung, dass sich Reade während des Schreibens im Fieberwahn befand).

Die zweite grundlegende Schrift des Transhumanismus ist das 1929 erschienene Buch „Die Welt, das Fleisch und der Teufel“ des irischen Universalgelehrten John Desmond Bernal. Der war übrigens Kommunist, was man von den heutigen führenden Anhängern der transhumanistischen Weltanschauung nun wahrlich nicht behaupten kann (oder können Sie sich vorstellen, dass der 300-Milliarden-Mann Elon Musk Enteignungs-Fantasien hegt?). Es ist sogar wahrscheinlich, dass die meisten modernen Transhumanisten weder das Werk von Reade noch das von Bernal kennen, geschweige denn gelesen haben. Aber sie stehen in der geistigen Tradition der beiden Autoren – eine Tradition, die unter anderem vom ehemaligen UNESCO-Generalsekretär Julian Huxley weitergeführt wurde. Der studierte Biologe veröffentlichte 1957 seine Essay-Sammlung „New Bottles for New Wine“ (Neue Flaschen für neue Weine“), in dem er unter anderem der Eugenik das Wort redete.

Sind die heutigen Transhumanisten, vor allem die mit viel Macht im Silicon Valley, Eugeniker? Dafür gibt es keine Belege, in den meisten Fällen noch nicht einmal Anzeichen. Aber: Sie haben eine klare Vorstellung davon, was gut für uns ist – das beweisen sie Tag für Tag, wenn sie das Wirken ihrer jeweiligen Unternehmen als ungemein positiv und gewinnbringend für die Menschheit darstellen. Wir glauben, dass es notwendig ist, auf der Hut zu sein. Eingriffe in die Evolution, in die Schöpfung – die sollte der Mensch tunlichst unterlassen. Vor über 220 Jahren schrieb Schiller: „Jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.“ Eine Warnung, die heute noch gültig ist – und vielleicht aktueller denn je.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Wandel im Vaping-Markt: Nachhaltigkeit und Kostendruck treiben Wechsel zu Mehrwegsystemen

Der Markt für E-Zigaretten durchlebt eine tiefgreifende Transformation. Lange Zeit galten Einweg-Vapes, popularisiert durch Marken wie Elf...

DWN
Finanzen
Finanzen Chip-Aktien: China könnte den Markt verändern
30.07.2026

Ein weiterer neuer chinesischer KI-Akteur hat den Markt im Sturm erobert. Investoren glauben, dass er den Markt unter Druck setzen könnte,...

DWN
Politik
Politik Wahlen im Osten: AfD bleibt in Sachsen-Anhalt klar vorn – kleinere Parteien legen zu
30.07.2026

Mehrere Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt behauptet die AfD ihren deutlichen Vorsprung. Eine neue Umfrage zeigt zugleich: Auch...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Zinsen bleiben stabil: Kommt die Erhöhung im September?
30.07.2026

Die US-Zinsen bleiben vorerst unverändert, doch die Debatte über eine mögliche Erhöhung im September läuft bereits. Der KI-Boom macht...

DWN
Politik
Politik Rentenreform: Warum der Osten gegen Merz rebelliert
30.07.2026

Kaum ist der CDU-interne Streit um die Kabinettsumbildung entschärft, droht Bundeskanzler Friedrich Merz neuer Ärger. Drei ostdeutsche...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation steigt nach Ende des Tankrabatts auf 2,8 Prozent
30.07.2026

Der Tankrabatt ist ausgelaufen, der Iran-Krieg hält an: Für Verbraucher in Deutschland sind das schlechte Vorzeichen. Im Juli zog die...

DWN
Finanzen
Finanzen Meta-Aktie unter Druck: Wall Street zweifelt an Zuckerbergs KI-Offensive
30.07.2026

Mark Zuckerberg setzt bei Meta weiter auf große KI-Visionen. Doch an der Börse wächst die Skepsis: Trotz ambitionierter Pläne für...

DWN
Unternehmen
Unternehmen ZF verdient wieder Geld – doch die Last bleibt
30.07.2026

ZF schreibt nach zwei Verlustjahren wieder schwarze Zahlen und bestätigt seine Jahresziele. Doch fast zehn Milliarden Euro Schulden,...

DWN
Technologie
Technologie EU startet Milliardenprojekt für sieben KI-Gigafactories
30.07.2026

Knapp 10 Milliarden Euro Fördermittel stehen bereit – wer setzt sich im Rennen um Europas KI-Zukunft durch? Die Telekom, Schwarz Digits...