Politik

Abhörskandal: Recherchen werfen BND Überwachung von Obama vor

Die Abhöraffäre zwischen Deutschland und den USA sorgt weiter für Aufsehen. Während Kanzlerin Merkel den NSA-Einsatz gegen ihr Handy scharf kritisierte, deuten Recherchen nun darauf hin, dass auch der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) offenbar aktiv die Kommunikation von US-Präsident Obama überwachte.
05.01.2026 11:44
Lesezeit: 2 min

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat nach Angaben des „Zeit“-Journalisten Holger Stark den damaligen US-Präsidenten Barack Obama abgehört. Im Podcast von „Bild“-Vize Paul Ronzheimer sagte Stark, der Geheimdienst habe sich dabei zunutze gemacht, dass die Verschlüsselung von Gesprächen aus dem amerikanischen Regierungsflugzeug heraus ungleich schwerer sei als am Boden. „Deswegen haben die Amerikaner immer mal wieder auch Gespräche geführt, die entweder schlecht verschlüsselt waren, wo es Lücken gab, oder die gar nicht verschlüsselt waren“, sagte Stark.

„Und der BND wusste das, und er kannte die gut ein Dutzend Frequenzen, die die Air Force One genutzt hat für diese Art von Kommunikation für Telefonate. Und er hat die abgehört.“ Dafür habe es keinen offiziellen Spionageauftrag gegeben. Die Obama-Telefonate seien ordentlich verschriftlicht und nur in einer Kopie im BND herumgereicht worden. Die interne Direktive sei gewesen, dass die eine Kopie am Ende geschreddert werden sollte. So sei es in den meisten Fällen auch geschehen. „Davon wusste das Kanzleramt lange Zeit gar nichts.“

BND sagt nichts dazu, ob die Vorwürfe stimmen

Der BND äußerte sich nicht konkret zu den Vorwürfen. Er teilte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Berlin mit: „Der Bundesnachrichtendienst nimmt zu Angelegenheiten, die etwaige nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung.“ Damit sei keine Aussage darüber getroffen, ob der Sachverhalt zutreffend ist oder nicht. „Der Bundesnachrichtendienst berichtet zu entsprechenden Themen insbesondere der Bundesregierung und den zuständigen, geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages“, hieß es in der Mitteilung lediglich.

Merkel war Abhör-Opfer des US-Geheimdienstes NSA

Der mutmaßliche Lauschangriff auf Obama ist auch deshalb interessant, weil der US-Geheimdienst NSA über Jahre hinweg das Mobiltelefon der damaligen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) abgehört hatte. Dies war 2013 bekanntgeworden und hatte zu erheblichen Spannungen in den deutsch-amerikanischen Beziehungen geführt. „Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht“, hatte sich Merkel verärgert gezeigt. Obama gab sich damals peinlich berührt - ohne dass klar wurde, seit wann er von der Bespitzelung wusste. Merkel und Obama bemühten sich danach um ein besseres Verhältnis.

Nach Angaben von Stark hörte der BND Obama nicht regelmäßig ab. Aber wenn die Mitarbeiter gemerkt hätten, dass auf den entsprechenden Frequenzen gefunkt worden sei, hätten sie mitgeschnitten. „Es war autorisiert vom BND-Präsidenten, der es hätte stoppen können“, sagte der Journalist. Es seien auch Gespräche der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton sowie teilweise von amerikanischen Militärs vom BND abgehört worden. „Das war für den BND einfach zu verlockend, da mitzuhören und damit auch einen kleinen Blick in die Gedankenwelt der amerikanischen Führung zu werfen“, so Stark.

Kanzleramt stoppte die Operation 2014

Das Kanzleramt habe die Überwachung der US-Präsidentenmaschine 2014 gestoppt - nachdem die Operation gegen Obama bereits mehrere Jahre gelaufen sei, schrieb der Journalist auf dem Online-Portal der „Zeit“. „Unklar ist, wann sie begann und ob bereits sein Vorgänger George W. Bush als Ziel ausgewählt worden war.“ Die Erkenntnisse aus der Abhörung von Obamas Telefonaten seien in allgemeine Einschätzungen über die US-Haltung eingeflossen, die auch an das Kanzleramt gegangen seien - ohne dass klar geworden sei, woher die Informationen konkret stammten, so der Journalist.

Seine Rechercheergebnisse veröffentlichte Stark auch in seinem neuen Buch „Das erwachsene Land. Deutschland ohne Amerika - eine historische Chance“, das heute erscheint. Darin heißt es, die Existenz der geheimnisumwitterten Mappe beim BND mit den Mitschriften der US-Operation sei erstmals im BND-Untersuchungsausschuss 2014 und 2015 erwähnt worden. Das Kanzleramt habe verfügt, die Operation zu stoppen und zufällig abgefangene Gespräche künftig sofort zu löschen. „Dem BND gelang es allerdings, das größte und politisch sensibelste Ziel unter der Decke zu halten: Barack Obama.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kappa Rus: Wie Putin einen Unternehmer um sein Lebenswerk bringt
20.10.2026

Jahrelang baute ein schwedischer Unternehmer in Russland ein millionenschweres Geschäft auf. Nun nimmt ihm Wladimir Putin per Dekret die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Leere Lager, stockende Bänder: Die deutsche Industrie im Würgegriff neuer Materialengpässe
20.10.2026

Elektronikkomponenten und chemische Rohstoffe werden zur Mangelware. Die neuesten ifo-Daten zeigen, wie fragil der Standort Deutschland im...

DWN
Finanzen
Finanzen Altersvorsorgedepot: Sozialverband warnt vor staatlich geförderter Kostenfalle
20.10.2026

Maximal ein Prozent Gebühren pro Jahr darf das neue Altersvorsorgedepot ab dem 1. Januar 2027 kosten. Dennoch warnt der Sozialverband vor...

DWN
Finanzen
Finanzen SpaceX-Aktie: Musk verspricht jedem US-Kind eine Aktie seiner Weltraumfirma
20.10.2026

Jedes Kind in den USA soll von Elon Musk eine Aktie seiner Weltraumfirma SpaceX bekommen. Wie genau das passieren soll, ist noch unklar....

DWN
Finanzen
Finanzen Staatsverschuldung: Wie teuer Deutschlands Schulden jetzt werden
20.10.2026

Deutschlands Staatsschulden wachsen, während die Zinsen an den Anleihemärkten steigen. Der Bund muss immer mehr Geld aufnehmen und...

DWN
Politik
Politik Sonntagsumfrage: AfD bleibt stärkste Kraft
20.10.2026

Die AfD liegt in der YouGov-Umfrage weiter vorn, während sich bei mehreren Parteien kaum etwas bewegt. Welche Verschiebungen es im...

DWN
Finanzen
Finanzen Vier Jahre Kursentwicklung an der Wall Street: Jetzt wird der Aufschwung auf die Probe gestellt
20.10.2026

Der US-Aktienmarkt hat sich in vier Jahren mehr als verdoppelt. Doch hohe Zinsen und Finanzierungssorgen für den KI-Boom haben nun für...

DWN
Finanzen
Finanzen Buffer-ETFs: Warum der Airbag fürs Depot vor allem Rendite kostet
20.10.2026

Buffer-ETFs versprechen Aktienrenditen ohne die schlaflosen Nächte. In den USA ist daraus ein 78-Milliarden-Dollar-Business geworden, in...