Deutschland

Das sagen Deutschlands Ökonomen zum Anstieg der Inflation

Die Inflation in Deutschland hat sich überraschend zum Jahreswechsel noch einmal beschleunigt.
06.01.2022 15:56
Aktualisiert: 06.01.2022 15:56
Lesezeit: 2 min

Die Inflation in Deutschland hat sich überraschend zum Jahreswechsel noch einmal beschleunigt. Die Preise für Waren und Dienstleistungen lagen im Dezember 5,3 Prozent über dem Niveau vor Jahresfrist, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Im November lag die Inflation bei 5,2 Prozent und damit bereits auf dem höchsten Stand seit fast 30 Jahren. Von Reuters befragte Ökonomen hatten für Dezember mit einem Rückgang auf 5,1 Prozent gerechnet. In ersten Reaktionen hieß es dazu:

ULRICH KATER, DEKABANK-CHEFVOLKSWIRT:

„Die jüngsten Zahlen sind umso alarmierender, als wahrscheinlich mit dem Benzinpreis ein wesentlicher Preistreiber aus den Vormonaten gar nicht mehr die Ursache für die neuerliche Beschleunigung gewesen ist, sondern eher andere Preise wie etwa die für Dienstleistungen. Es besteht die Gefahr, dass die Inflation auch in Europa ein hartnäckiges Problem wird. Wenn sich diese Anzeichen im Laufe des Jahres verdichten, muss die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik straffen und auch Zinserhöhungen vorziehen.“

MICHEL HEISE, CHEFÖKONOM HQ TRUST:

„Eine geldpolitische Wende wird angesichts dieser Zahlen dringlicher. Es ist zwar richtig, dass die Geldpolitik keine direkten Auswirkungen auf Energiepreise oder vorübergehende Preissteigerungen durch Angebotsengpässe hat. Aber sie kann und sollte die mittelfristigen Preiserwartungen durch weniger Liquiditätszufuhr und Toleranz gegenüber leicht höheren Kapitalmarktrenditen stabilisieren. Sonst können sich inflationäre Prozesse verstärken.“

SEBASTIAN DULLIEN, DIREKTOR IMK-INSTITUT:

„Weiter bestehen bleibt der Preisdruck durch gestörte Lieferketten. Allerdings zeigen Produktionsdaten aus der Industrie, dass sich auch die Probleme bei den Lieferketten ganz allmählich entspannen, der Preisdruck aus dieser Quelle dürfte damit auch nachgeben, wenn auch nur zögerlich. Da die Lohnabschlüsse bislang sehr moderat ausgefallen sind, gibt es von der Lohnseite derzeit keine Gefahr einer Preis-Lohnspirale.“

ALEXANDER KRÜGER, CHEFVOLKSWIRT HAUCK AUFHÄUSER LAMPE:

„Der Inflationsanstieg hat doch noch eine Schippe draufgelegt. Der Inflationsgipfel sollte nun erreicht sein. Die Inflationsrate dürfte eine Vier vor dem Komma vorerst behalten und erst im zweiten Halbjahr stärker sinken. Das größte Risiko für den Inflationsausblick bleibt ein stärker zunehmender struktureller Preisdruck.“

JÖRG KRÄMER, COMMERZBANK-CHEFVOLKSWIRT:

„Entgegen den Erwartungen ist die deutsche Inflationsrate im Dezember nicht gefallen, sondern weiter auf 5,3 Prozent gestiegen – obwohl sich Energie im Vergleich zum November verbilligte. Der unterliegende Preisdruck ist im Dezember überraschend hoch geblieben. Zwar sollte die Inflationsrate nach der Jahreswende wegen des Wegfalls von Sonderfaktoren sinken. Aber die Inflationsrisiken weisen klar nach oben – nicht nur in Deutschland, sondern auch im Euroraum. Es wird Zeit, dass die EZB den Fuß vom Gas nimmt.“

THOMAS GITZEL, CHEFVOLKSWIRT VP BANK:

„Eigentlich war anzunehmen, dass es im letzten Monat des Jahres bereits in den Rückwärtsgang geht. Doch es waren unter anderem höhere Nahrungsmittelpreise die dem zu erwarteten Rückgang der Inflationsraten einen Strich durch die Rechnung machen.

Doch im laufenden Monat sollte nun eine niedrigere Teuerung auf dem Programm stehen. Alleine der auslaufende Effekt der Mehrwertsteuersenkung im zweiten Halbjahr 2020 spricht für eine merklich tiefere Inflationsrate zum Jahresauftakt 2022. Auch die Energiepreise zogen im ersten Halbjahr 2021 rasant an, was die Vergleichsbasis für die nun anstehende Teuerungsberechnung merklich erhöht. Deshalb sollte der Januar der Auftakt zu einem fallenden Inflationstrend markieren. Im zweiten Halbjahr des Jahres 2022 sollte dann auch wieder die von der EZB gewünschten Inflationswerte von zwei Prozent ins Visier kommen.

Die EZB dürfte den neuerlichen Anstieg der Inflationsrate im Dezember gelassen nehmen. Gerade aufgrund der vielfältigen Sondereffekte die im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch immer am Werk sind. Anders sähe es aus, wenn der Trendwechsel im Januar nicht vollzogen würde. In diesem Falle würden im Frankfurter EZB-Hochhaus wohl die Alarmglocken zu läuten beginnen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Revolut-Bank greift an: Dieser Fintech-Riese will Europas Banken überholen
10.10.2026

Die Revolut-Bank wächst in einem Tempo, von dem klassische Geldhäuser nur träumen können: fast 70 Millionen Kunden, Milliardenbewertung...

DWN
Technologie
Technologie KI-Prompts für Marketing und Vertrieb: 7 KI-Vorlagen für KMU und Selbstständige
10.10.2026

Fast jedes zweite kleine Unternehmen sieht noch keinen echten Nutzen in KI – dabei liegt der Unterschied oft nur im richtigen Prompt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dacia Sandero Stepway: Europas Bestseller hat ein Sicherheitsproblem
10.10.2026

Europas meistverkauftes Auto kommt nicht von Volkswagen, Toyota oder Peugeot, sondern von Dacia. Der Sandero Stepway punktet mit enormer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kingspan Group-Aktie unter Druck: EU greift nach geplatztem Deal durch
10.10.2026

Ein geplatzter Milliardendeal? Nein, ein gescheiterter Firmenkauf mit teuren Folgen. Weil der irische Baustoffkonzern Kingspan die...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen plant finanzpolitischen Kurs mit großen Einsparungen: Auf den Straßen wächst die Wut
10.10.2026

Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während Zehntausende junge Menschen gegen marode Schulen und fehlende Investitionen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Generation Z trifft auf Generation X: Wie ein Eiskaffee zum Karrierekiller werden kann
10.10.2026

Ein Eiskaffee beim Bewerbungsgespräch sollte eigentlich keine große Sache sein. Doch für manche Personalverantwortliche verrät der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB-Leitzinsen: Die Zinswende kommt anders als erwartet
10.10.2026

Erst schien die nächste Zinserhöhung der EZB fast sicher, jetzt rudern die Finanzmärkte zurück. Trotz hartnäckiger Inflation und...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Anleger wägen SpaceX-Schritt ab, während die Wall Street boomt
09.10.2026

Wie ein überraschender Deal die Kräfteverhältnisse an der Börse nachhaltig verschiebt.