Unternehmen

Schluss für Hermesdeckungen: Bundesregierung sichert Russland-Geschäfte nicht mehr ab

05.03.2022 14:45
Aktualisiert: 05.03.2022 14:45
Lesezeit: 3 min

Der Stopp von Hermesdeckungen für Exporte und Investitionen deutscher Firmen nach und in Russland erfolgte seitens der Bundesregierung abseits der EU-Sanktionen. Doch was bedeutet die Einstellung des Kreditsicherungsinstruments?

Die Hermesdeckungen

Hermesdeckungen sind Exportkreditgarantien und seit 1949 Instrument des Bundes für die Außenwirtschaftsförderung. Damals hat die Bundesregierung die heutige „Euler Hermes Kreditversicherungsgruppe“ (Hauptsitz in Paris / Deutschlandzentrale in Hamburg) mit der Bearbeitung von Exportkreditsicherungen beauftragt; ein Auftrag, dem diese seither als Dienstleister des Bundes nachkommt. So ist der Name der Hermesdeckungen geschichtlich bedingt.

Die Deckungen sind eine Absicherung für deutsche Deckungsnehmer gegen einen Zahlungsausfall des ausländischen Geschäftspartners. Wird die geschuldete Summe nicht gezahlt, so springt der Bund ein. Die Selbstbeteiligung der deutschen Deckungsnehmer liegt in so einem Fall bei fünf bis 15 Prozent. Hinzu kommt ein risikoabhängiges Entgelt bei Nutzung einer Hermesdeckung. Bei einem Zahlungsausfall und folgender Entschädigung eines deutschen Unternehmens rechnet der Bund dem Land, das den Export empfangen hat, den Betrag einschließlich Zinsen als Schulden an.

Naturgemäß werden solche Deckungen bei wirtschaftlich oder politisch risikoreichen Geschäften eingesetzt. Die Sicherungen sind auf Entwicklungs- und Schwellenländer konzentriert, darunter auch Russland. Es werden nicht nur dauerhaft präsente wirtschaftliche oder politische Risiken aufgefangen, sondern es sollen mit diesem Instrument auch unter widrigen Bedingungen, in Krisenzeiten und auf schwer zugänglichen Märkten Geschäfte im Rahmen der deutschen Außenwirtschaft gemacht werden können. Mit einer Sammeldeckung können mehrere Exportgeschäfte gegen einen Zahlungsausfall kreditversichert werden, während eine Einzeldeckung ein einzelnes Geschäft absichert.

Laut dem Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) betrugen die neu übernommenen Deckungen im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres für Russland 820 Millionen. Zusammen mit der Türkei und China bildete Russland somit die Spitze für bundesgedeckte Geschäfte. Die

Entschädigungszahlungen waren im ersten Halbjahr 2021 nur geringfügig höher als im Jahr davor, und das trotz der Corona-Pandemie und ihren wirtschaftlichen Auswirkungen. Dies dürfte sich angesichts der Situation zwischen Russland und der Ukraine hinsichtlich der für Russland übernommenen Deckungen ändern.

Doch die Einstellung der Hermesdeckungen ist nicht nur eine Vorsichtsmaßnahme des Bundes und Reaktion auf unverhältnismäßige Risiken, um übermäßige Entschädigungszahlungen auf Grund von zahlungsunfähigen russischen Geschäftspartnern zu vermeiden. Sie ist auch zeitgleich ein Signal an Russland und eine deutliche Einschränkung des Russland-Geschäfts von deutschen Klein- und Mittelunternehmen.

Warum der Mittelstand besonders betroffen ist

Neben der Vertretbarkeit des Risikos eines Geschäfts ist auch die Förderungswürdigkeit ein Kriterium für die Übernahme einer Exportkreditgarantie.

Die Förderungswürdigkeit wird nach Faktoren wie der Schaffung von Arbeitsplätzen in Deutschland und der Erschließung neuer Absatzmärkte beurteilt, wobei kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Deutschland gefördert werden sollen. Dementsprechend ist auch der Mittelstand besonders von dieser Maßnahme betroffen.

Ein weiterer Grund der Attraktivität von Hermesdeckungen für KMU ist auch die Möglichkeit von längeren Rückzahlungsfristen als bei einer Finanzierung durch herkömmliche Kredite. Auch sinkt das Kreditrisiko durch die Bonität des Bundes, wodurch für viele Geschäfte erst die Möglichkeit einer Finanzierung durch ein Kreditinstitut eröffnet wird und was darüber hinaus die Finanzierungskonditionen verbessert. Grundsätzlich ist die Größe des Unternehmens und Geschäfts, welches gedeckt werden soll, nicht von Bedeutung, denn die Exportkreditgarantien stehen allen Unternehmen im Exportgeschäft sowie allen Banken, die Exportgeschäfte finanzieren, zur Verfügung.

Nun wurde diese erleichternde Bedingung für Exportgeschäfte von KMU nach Russland gestrichen, und während die russischen Importeure von nicht ohnehin von Sanktionen betroffenen Gütern mit Nachteilen rechnen müssen, sind deutsche KMU mindestens genauso leidtragende Akteure.

Die genauen Gründe der Einstellung von Hermesdeckungen für Russland sind derzeit nicht bekannt, es kommen jedoch mehrere denkbare Gründe in Frage. Einem Bestehen der Hermesdeckung für Russland könnten wichtige Interessen des Bundes entgegenstehen, eine fehlende risikomäßige Vertretbarkeit von Russlandgeschäften oder Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsaspekte, die derzeit in Geschäften mit russischen Partnern als nicht erfüllt gesehen werden. Bemerkenswert ist die Sperrung aller Hermesdeckungen für ein bestimmtes Land, denn regelmäßig werden Kriterien wie die risikomäßige Vertretbarkeit im Einzelfall für jedes zu deckende Geschäft geprüft. Besonders risikoreiche Geschäfte können so trotzdem gedeckt werden, wenn sie beispielsweise besonders förderungswürdig sind. Mangels von Präzedenzfällen gibt es also zwei Erklärungen für die kategorische Ablehnung des Bundes für Hermesdeckungen für Russlandgeschäfte: Der Bund schätzt die wirtschaftliche und politische Lage in Russland als zu risikoreich für Exportkreditgarantien ein, oder aber er nimmt die massiven Einschränkungen der deutschen KMUs, die auf dem russischen Markt tätig sind, in Kauf, um Russlandimporte als eine Art zusätzliche Sanktionsmaßnahme zu erschweren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie iFLYTEK AINOTE Air 2 bringt KI-gestützte Notizen in ein noch kompakteres E-Ink-Tablet

Für viele Menschen sind die besten Produktivitätstools diejenigen, die nicht versuchen, den gesamten Arbeitstag zu übernehmen. Sie...

 

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Andreas Knaul

Zum Autor: Dr. Andreas Knaul ist Rechtsanwalt, Partner, Managing Partner Russland und Zentralasien sowie Leiter der Rechts- und Steuerberatung bei "Rödl & Partner". 
DWN
Politik
Politik AfD-Parteitag in Erfurt: Massiver Protest gegen die AfD - Spitzenduo bestätigt
05.07.2026

Die AfD hat ihr Spitzenduo Weidel-Chrupalla wiedergewählt. In der zweiten Reihe gibt es neue Gesichter. Vom Protest vor der Halle sahen...

DWN
Finanzen
Finanzen Manchester United, BVB und Juventus: Wenn Fußballklubs an die Börse gehen
05.07.2026

Fußball und Kapitalmarkt wirken auf den ersten Blick wie getrennte Welten. Doch mehrere europäische Klubs sind börsennotiert, darunter...

DWN
Finanzen
Finanzen Interview: Ich lebe in Japan und investiere
05.07.2026

Dita Vārna Yoshimura lebte lange von Gehalt zu Gehalt, dann entdeckte sie durch ihren Mann die Börse. Heute investiert die Lettin aus...

DWN
Finanzen
Finanzen Altersvorsorgedepot: Brauchen wir das wirklich? Oder gibt es bessere Alternativen?
05.07.2026

Die Reform der staatlich geförderten privaten Altersfürsorge ist beschlossen – das Altersvorsorgedepot kommt ab 2027. Dann wird das...

DWN
Technologie
Technologie Cybersicherheit braucht weniger Angst und mehr Wissen
05.07.2026

Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, Cybersicherheit als Weltuntergang zu verkaufen. Wir sollten sie stattdessen als Teil der...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererhöhung: Steuer auf Spirituosen soll Anfang 2027 steigen
05.07.2026

Hochprozentige alkoholische Getränke sollen zum 1. Januar 2027 höher besteuert werden. Welche Mehreinnahmen im Zuge der Steuererhöhung...

DWN
Immobilien
Immobilien Deutscher Mietmarkt: Warum sich das Vermieten für Private nicht mehr lohnt
05.07.2026

Die Wohnungskrise in Deutschland verschärft sich. Doch während in Talkshows meist über rücksichtslose Immobilienkonzerne debattiert...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Niob: Brasiliens Monopol über den nächsten Batterie-Rohstoff
05.07.2026

Der historische SpaceX-Börsengang hat auch den Rohstoff Niob ins Rampenlicht der Märkte gerückt. In Brasilien lagern knapp 90 Prozent...