Wirtschaft

Vorbereitung auf Hunger-Krise? Länder verhängen Export-Verbote für Getreide

Einige Länder in Europa gehen dazu über, offizielle oder indirekte Export-Verbote für Getreide zu verhängen. In Spanien rationieren Supermärkte Sonnenblumenöl. Offenbar stehen Europa und die Welt vor einer waschechten Hunger-Krise bei Grundnahrungsmitteln.
06.03.2022 12:50
Aktualisiert: 06.03.2022 12:50
Lesezeit: 2 min
Vorbereitung auf Hunger-Krise? Länder verhängen Export-Verbote für Getreide
Niedersachsen, Algermissen: Weizenkörner rieseln auf einen Anhänger, als ein Landwirt mit einem Mähdrescher auf einem Weizenfeld im Landkreis Hildesheim steht. (Foto: dpa) Foto: Julian Stratenschulte

Weltweit treffen Regierungen Vorkehrungen, um die heimische Nahrungsversorgung zu sichern. Ungarn verhängte am 4. März 2022 ein Export-Stopp für Weizen und weitere Getreidesorten. Argentinien und die Türkei haben ebenfalls Schritte unternommen, um eine staatliche Kontrolle über lokale Produkte umzusetzen. Die Regierung in Ankara veranlasste vor wenigen Wochen eine Senkung der Mehrwehrsteuer für Obst, Gemüse und Grundnahrungsmittel von acht auf ein Prozent. Das kleine Land Moldawien stoppte ebenfalls den Export von Weizen, Mais und Zucker.

Zusätzliche Zollkontrollen durch Bulgarien verlangsamen die Beladung von Getreideschiffen. Unternehmen befürchten, dass es sich um einen Versuch handelt, die Exporte als Reaktion auf den Konflikt in der Ukraine zu stoppen.

„Im Moment verstößt Bulgarien nicht offiziell, sondern durch mündliche Anweisungen gegen die EU-Rechte auf freien Warenverkehr“, sagte Radoslav Hristov, Vorsitzender des Nationalen Verbands der Getreideproduzenten, gegenüber Reuters. Hristov sagte, ein Frachtschiff, das Weizen für Portugal laden soll, dürfe nicht im Schwarzmeerhafen von Burgas anlegen, weil die Zollbehörden Dokumentenprüfungen durchführten. Sofia hat zwar keine offizielle, doch eine Weizen-Exportsperre durch die Hintertür eingeführt.

Der Krieg in der Ukraine hat die Erntelieferungen aus weiten Teilen der entscheidenden Schwarzmeerregion zum Erliegen gebracht und die Befürchtungen über einen Mangel an Getreide und Sonnenblumenöl verstärkt. Die Schwarzmeerregion ist als „Brotkorb der Welt“ bekannt.

Das trägt zur Lebensmittelinflation bei und erhöht die Wahrscheinlichkeit von Exportbeschränkungen, berichtet die „Financial Times“. Ukrainische Bauern sind gezwungen, ihre Felder zu vernachlässigen, während Millionen fliehen, kämpfen oder versuchen, am Leben zu bleiben.

Die Exporthäfen wurden geschlossen. Obwohl es noch keine weltweiten Unterbrechungen der Weizenversorgung gegeben hat, sind die Preise seit einer Woche vor der Invasion um 55 Prozent gestiegen. Wenn der Krieg verlängert wird, könnten Länder, die auf erschwingliche Weizenexporte aus der Ukraine angewiesen sind, ab Juli 2022 mit Engpässen konfrontiert werden, sagte der Direktor des International Grains Council, Arnaud Petit, gegenüber „The Associated Press“.

Russland und die Ukraine machen zusammen fast ein Drittel der weltweiten Weizen- und Gerstenexporte aus. Die Ukraine ist auch ein wichtiger Lieferant von Mais und weltweit führend bei Sonnenblumenöl, das in der Lebensmittelverarbeitung verwendet wird.

Die Ukraine liefert knapp 60 Prozent ihres Maises und fast die Hälfte eines Schlüsselbestandteils des Getreides, das für die Viehfütterung benötigt wird, an die EU. Russland, das die EU mit 40 Prozent ihres Erdgasbedarfs versorgt, ist ebenfalls ein wichtiger Lieferant von Düngemitteln, Weizen und anderen Grundnahrungsmitteln.

Spanien spürt die Not sowohl beim Sonnenblumenöl, das in Supermärkten rationiert verkauft wird, als auch beim Getreide für die wichtige Züchtungsindustrie. Mit diesen importierten Getreidearten werden rund 55 Millionen Schweine ernährt.

Seit Oktober 2021 leiden spanische Schweinefleischprodukte unter hohen Kosten. Diese Kosten werden dadurch verursacht, dass China Futter für seine Schweine hortet, während es sich seinen Weg aus einem verheerenden Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest bahnt. In den ersten beiden Tagen des Angriffs Russlands auf die Ukraine stieg der Getreidepreis für Tierfutter auf dem freien Markt in Spanien um zehn Prozent.

Am 18. Dezember 2021 hatten die DWN in einer Analyse mit dem Titel „Risikoanalyse: Große Inflations-Unruhen beginnen im Jahr 2022“ vor genau diesem Ereignis gewarnt. In der Analyse heißt es: „In Europa, Deutschland und dem Rest der Welt könnte die inflationäre Entwicklung bis 2023 und darüber hinaus zu großen sozial-wirtschaftlichen Unruhen führen. Denn der Nahrungsmittelpreis-Index steigt rasant an. Europas Politiker sollten soziale und wirtschaftliche Präventiv-Maßnahmen treffen, bevor es zu spät ist (…) Das Augenmerk ist separat auch auf die Weizenpreise zu richten. Im November 2016 lag der Weizenpreis pro Tonne bei 113.28 Euro. Im April 2021 kostete eine Tonne Weizen 165.43 Euro. Anschließend stieg der Weizenpreis bis zum November 2021 auf 277.77 Euro pro Tonne. Dieser Trend hält an und wird sich verschärfen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spritpreise sinken leicht – ADAC sieht Hoffnung
27.07.2026

Autofahrer können kurz aufatmen: Die Kraftstoffpreise geben leicht nach, nachdem der Ölpreis deutlich gefallen ist. Doch die Entlastung...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Geschäftsklimaindex überrascht positiv: Zuversicht in der deutschen Wirtschaft wächst
27.07.2026

Die Zuversicht in der deutschen Wirtschaft auf eine Konjunkturerholung wächst: Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist im Juli überraschend...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Kurs aktuell: DAX-Rekordhoch im Blick – USA halten still und Ölpreis sinkt
27.07.2026

Nach turbulenten Wochen kehrt an den Finanzmärkten wieder Optimismus ein. Der DAX-Kurs legt am Montag kräftig zu, weil fallende Ölpreise...

DWN
Finanzen
Finanzen XRP-Ledger wächst rasant – was Anleger jetzt unbedingt wissen sollten
27.07.2026

Das XRP-Ledger sorgt derzeit gleich an zwei Fronten für Aufmerksamkeit: Einerseits wächst das Netzwerk im Markt für tokenisierte...

DWN
Finanzen
Finanzen SAP-Aktie nach Zahlen im Höhenflug: Analysten bleiben gespalten – wie Anleger reagieren sollten
27.07.2026

Die SAP-Aktie überrascht nach den Quartalszahlen mit einer kräftigen Erholung. Während das starke Cloud-Geschäft Anleger begeistert,...

DWN
Politik
Politik Geheimtreffen in Baku: Spielt Deutschland ein doppeltes Spiel mit Moskau?
27.07.2026

Deutschlands Russland-Politik gilt seit dem Ukraine-Krieg als grundlegend verändert. Doch ein geheimes Treffen früherer Spitzenpolitiker...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Audi-Prognose gekappt: Der Autobauer erwartet weniger Umsatz und Rendite – die Hintergründe
27.07.2026

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden für Audi immer schwieriger. Sinkende Gewinne, ein schwaches China-Geschäft und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Rolly Toys: Spielzeughersteller Franz Schneider stellt nach der Insolvenz den Betrieb ein
27.07.2026

Monatelange Hoffnungen auf eine Sanierung und doch kein Happyend: Nach der Insolvenz muss der Spielzeughersteller Franz Schneider nun doch...