Technologie

Polnische Forscher wollen russisches GPS unschädlich machen

Nach SWIFT-Ausschluss: Wird jetzt auch das russische Navigationssystem sanktioniert?
Autor
16.03.2022 11:12
Lesezeit: 2 min
Polnische Forscher wollen russisches GPS unschädlich machen
Etwa 19.000 Kilometern über der Erdoberfläche kreisen 24 aktive russische GLONASS-Satelliten. Doch wie alle Satelliten, sind auch sie fehleranfällig. (Foto: dpa)

Das Satellitennavigationssystem GLONASS gilt als russisches Gegenstück zum amerikanischen GPS und zum europäischem GALILEO. Aufgrund der Invasion der Ukraine haben sich Forscher des Weltraumforschungszentrums der polnischen Akademie der Wissenschaft laut einem Bericht des polnischen öffentlich-rechtlichen Online-Wissenschaftsportals „TVP Nauka“ dazu entschlossen, die technische Unterstützung des russischen Navigationssystems einzustellen. Es soll auf diese Weise in seiner Funktionsweise erheblich beeinträchtigt werden. Zudem rufen die polnischen Wissenschaftler Kollegen aus aller Welt dazu auf, es ihnen gleich zu tun.

Wie funktioniert GLONASS?

Wie GPS und GALILEO ist auch das Satellitennavigationssystem GLONASS – dessen modernste Empfänger zentimetergenaue Ergebnisse liefern können – auf mindestens drei Satelliten in der Erdumlaufbahn angewiesen, die den Standort eines Empfängers, beispielsweise eines Mobiltelefons, bestimmen. Ermöglicht wird das durch eine Abstandsmessung zwischen den Satelliten und dem Mobiltelefon. Dieser auf der Ausbreitung elektromagnetischer Wellen basierende Prozess wird oft mithilfe von drei kugelförmige Signalsphären illustriert, die jeweils die Reichweiten der drei Satelliten verkörpern.

Wenn diese drei Sphären sich kreuzen, bleiben in der Regel nur zwei Punkte übrig. Mithilfe dieser Punkte lässt sich wiederum in den meisten Fällen problemlos eine Positionsbestimmung durchführen – weil sich einer der beiden Punkte für gewöhnlich weit außerhalb der Erdatmosphäre oder aber im Erdinneren befindet. Für noch genauere Ergebnisse wird dann ein dritter Satellit benötigt. Damit diese Standortbestimmung einwandfrei funktioniert, ist höchste Genauigkeit gefragt: die Positionen der Satelliten müssen genau bestimmt – und die in ihnen verbauten Atomuhren synchronisiert werden.

Wie kann GLONASS gestört werden?

Hier kommen dann die Bodenstationen ins Spiel: Die 24 aktiven GLONASS-Satelliten müssen, damit die Standortbestimmung durchgeführt werden kann, ihre eigene Position mit äußerst hoher Genauigkeit kennen. Dafür sorgen die Laser-Abstandsmessungen der Bodenstationen des von den USA verwalteten "International Laser Ranging Service" (ILRS). Solche Bodenstationen gibt es weltweit, eine davon befindet sich in Borówc bei Posen und wird vom Weltraumforschungszentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften verwaltet.

Als Forscher der ILRS-Bodenstation in Kiew ihre Kollegen in der polnischen Laserstation darum baten, die Lasermessungen für russische Satelliten einzustellen, kamen diese der Bitte nach. Dr. Paweł Lejba, der Leiter des Astrogeodynamischen Observatoriums des Weltraumforschungszentrums der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Borówc, bestätigt dies gegenüber TVP Nauka: „Unsere Arbeit, unsere Messungen waren und sind ausschließlich wissenschaftlich und friedlich. Deshalb können und werden wir ein aggressives Regime nicht unterstützen.“

Welche Folgen könnte das für die russische Armee haben?

Langfristig könnte das Einstellen der Lasermessungen laut Lejba „zu ungenauen Informationen über die Position der vom russischen Militär verwendeten Empfänger führen“ und den Verlauf des Krieges in der Ukraine beeinflussen, möglicherweise sogar entscheidend. Das korrekte Funktionieren der russischen Systeme, so Lejba, sei nämlich von der Unterstützung aller ILRS-Bodenstation abhängig. Zu den weltweit verstreuten Bodenstationen würden zudem nicht bloß Laserstationen gehören, sondern auch Rechenzentren, welche die Flugbahnen der Satelliten berechnen und die dazugehörigen Datenbanken bereitstellen. Wenn die russischen Navigationssysteme nun erst von den Daten aus Polen und dann von den Daten aus aller Welt abgeschnitten werden, könne das für die russische Armee zu einem äußerst großen Problem werden.

Ohne die Messungen und Informationen der Bodenstation würden die auf höchste Genauigkeit angewiesenen Signale nämlich zunehmend fehlerhafter werden. Dann dürfte es, so betonte Lejba in einem Interview mit dem polnischen Online-Portal „WP-Tech“, „beispielsweise schwieriger sein, die Position der von der russischen Armee verwendeten Empfänger zu bestimmen“. Dasselbe gelte, wie der Wissenschaftler einräumt, aber auch für Geräte mit GLONASS-Empfang weltweit. Forscher aus Deutschland und Lettland hätten sich der polnischen Initiative bereits angeschlossen – die ILRS selbst hingegen noch nicht. Dies führt Lejba auf die Nähe der Organisation zur US-amerikanischen Regierung zurück: Aufgrund der – trotz des Krieges immer noch andauernden – Zusammenarbeit mit Russland im Weltraum, sei die Entscheidung für die USA „nicht einfach“.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Unternehmen
Unternehmen Escort zwischen Plattform und Premiumservice: Wie sich ein diskreter Markt professionalisiert

Wenn über Escort-Services gesprochen wird, kommen dabei oft veraltete Assoziationen auf. Der Markt hat sich aber in den vergangenen Jahren...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktüberblick: Aktien geben nach, da der Iran Einladung zu Gesprächen ablehnt
20.04.2026

Geopolitische Unsicherheiten sorgen für Bewegung an den Börsen – was Anleger jetzt über die aktuellen Entwicklungen wissen müssen.

DWN
Finanzen
Finanzen Lufthansa-Aktie: Technik-Sparte betritt mit militärischen Projekten Neuland
20.04.2026

Mit einem ungewöhnlichen Auftrag sorgt Lufthansa Technik für Aufmerksamkeit rund um die Lufthansa-Aktie. Die Wartung moderner...

DWN
Politik
Politik Analyse: Präsident Trump hat die USA zum mächtigsten Schurkenstaat der Welt gemacht
20.04.2026

Der Begriff Schurkenstaat wurde einst in den USA geprägt, um Staaten wie Nordkorea oder Iran zu beschreiben. Inzwischen wird er zunehmend...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie: Düsseldorfer Rüstungskonzern beginnt Serienfertigung von Drohnenbooten
20.04.2026

Mit einem neuen Produktionsstart sorgt die Rheinmetall-Aktie für Aufmerksamkeit am Markt. Die Rüstungsaktie profitiert von wachsender...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Was ist nur mit den vermeintlich sicheren Häfen Gold und Bitcoin los?
20.04.2026

Gold und Bitcoin gelten als klassische Krisenanlagen. Doch ausgerechnet in einer Phase geopolitischer Spannungen zeigen sowohl der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Verschuldungsdynamik? Bundesrechnungshof warnt vor wachsender Staatsverschuldung
20.04.2026

Deutschland steht vor wichtigen finanzpolitischen Entscheidungen: Der Bundeshaushalt 2027 soll kommende Woche konkrete Formen annehmen....

DWN
Finanzen
Finanzen Commerzbank-Aktie: Unicredit greift deutsches Geldinstitut scharf an - und fordert strategische Neuausrichtung
20.04.2026

Im Ringen um die Commerzbank verschärft Unicredit den Ton und kritisiert zentrale Strukturen des Instituts. Die Commerzbank-Aktie zeigt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI im Management: Warum Führung unersetzlich bleibt – Tipps von Experte Hilgenstock
20.04.2026

Künstliche Intelligenz verändert Management, Beratung und Mittelstand rasant. Doch ersetzt KI wirklich Führungskräfte – oder...