Deutschland

Energie-Inflation: Der große „Preishammer“ kommt für die Deutschen erst noch

Die gewaltige Verteuerung fossiler Energie im Zuge von Klima-Politik und Ukraine-Krieg wird erst in einigen Monaten voll durchschlagen.
26.04.2022 13:00
Lesezeit: 2 min
Energie-Inflation: Der große „Preishammer“ kommt für die Deutschen erst noch
Eine Besuchergruppe steht im Kühlturm des still stehenden Kohlekraftwerks Mehrum im Landkreis Peine, das abgeschaltet wurde, um das Weltklima zu retten. (Foto: dpa) Foto: Julian Stratenschulte

Die gestiegenen Energiekosten werden nach Einschätzung von Verbraucherschützern bei vielen Mietern mit der Nebenkostenabrechnung verzögert ankommen. "Der Preishammer kommt im nächsten Jahr auf die Verbraucher zu", sagte Energieexperte Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale NRW der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die große Preiswende bei Strom und Gas habe es erst zum Jahreswechsel gegeben. Auch Vermieter, die ihren Öltank in diesem Jahr gefüllt hätten, gäben die Mehrkosten erst mit der Abrechnung im kommenden Jahr weiter.

Sieverding geht nach eigenen Worten davon aus, dass Versorger 2022 die Preise weiter erhöhen. "Wann und um wie viel, hängt auch mit der Beschaffungsstrategie der Unternehmen zusammen." Erste Hinweise auf Strompreiserhöhungen im Juli oder August - also im Monat vor beziehungsweise nach Abschaffung der EEG-Umlage - gebe es bereits.

Ähnlich Sorgen hatte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" geäußert: "Viele Haushalte werden erst bei der Heizabrechnung im nächsten Jahr bemerken, wie stark der Preis gestiegen ist und die Nachzahlungen nicht stemmen können." Die Bundesnetzagentur befürchtet, dass viele Menschen die möglichen Nachzahlungen nicht stemmen werden können. Deswegen forderte sie bereits am Wochenende, dass Verbraucher schon jetzt höhere monatliche Abschläge auf ihren Verbrauch zahlen. Eine zusätzliche finanzielle Belastung stellt dem luxemburgischen Rohstoffkonzern Eurasian Resources Group (ERG) zufolge die Verteuerung von Rohstoffen dar. Die internationalen Sanktionen gegenüber Russland trügen zu einem beispiellosen Preisanstieg bei, wie ERG-Chef, Benedikt Sobotka, der Deutschen Presse-Agentur mitteilte.

Lesen Sie dazu: Teure „Klima-Politik“: Kommunen erhöhen Steuern und Abgaben auf breiter Front

Davon betroffen seien unter anderem Weizen, Düngemittel, Aluminium oder Kupfer. Das hat auch Konsequenzen für den Verbraucher. "In den kommenden Monaten werden viele wichtige Elemente unseres täglichen Lebens tendenziell teurer - von Brot und Kaffee über Computer und Autos bis hin zu Baumaterialien, Häusern und der Art und Weise, wie wir unsere Haushalte mit Strom versorgen", sagte Sobotka.

Sollte der Ukraine-Krieg weiter andauern, bereitet sich die Bundesregierung auf eine erhebliche Verschlechterung der Gasversorgung in Deutschland vor. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) rief deswegen Ende März Verbraucher und Unternehmer dazu auf, Energie zu sparen, um gegen die Knappheit anzugehen. Außerdem soll Deutschland dadurch schneller unabhängig von russischem Gas werden. Die Versorgungssicherheit sei aber weiterhin gewährleistet.

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur zeigt, dass viele Verbraucher ihr Nutzungsverhalten bereits angepasst haben. Demnach hat jeder Zehnte seit Beginn des Ukraine-Kriegs damit begonnen, seinen Energieverbrauch zu reduzieren. Sogar fast jeder Fünfte (19 Prozent) spart seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine im Februar mehr Energie als vorher. Die Umfrage wurde zwischen dem 1. und 4. April unter mehr als 2000 Menschen in Deutschland durchgeführt.

Einsparungen machen besonders viele Befragte beim Heizen und beim Verbrauch von Warmwasser und Strom (jeweils 68 Prozent). Darüber hinaus wirken sich die selbst auferlegten Sparmaßnahmen auch auf das Mobilitätsverhalten der Menschen aus. 12 Prozent gaben an, gar kein Auto mehr zu fahren. 44 Prozent fahren weniger Auto und 33 Prozent fahren langsamer. Bei der Frage nach Gründen konnten die Teilnehmer mehrere Antwortmöglichkeiten ankreuzen.

Neben den Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmern bereiten sich auch Unternehmen auf eine Gasknappheit vor. "Wir würden im Fall eines Embargos zunächst auf ölbasierte Treibstoffe und Stromgeneratoren umsteigen", sagte die Chefin des Pharmakonzerns Merck, Belén Garijo, der "Welt am Sonntag". Einen vollständigen Importstopp lehnen viele Industrieunternehmen jedoch ab. Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Reiner Hoffmann warnte im Interview mit der "Passauer Neuen Presse" vor Jobverlusten als Folge eines Embargos auf russische Energieträger. "Unsere Wirtschaftskraft entscheidend zu schwächen, wäre fatal, denn wir werden sie auch über den Krieg hinaus brauchen, etwa für den Wiederaufbau in der Ukraine und die Transformation unseres Landes", mahnte Hoffmann.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neue US-Zölle: Wie riskant ist Trumps Kurs für die Finanzmärkte?
23.02.2026

Donald Trump bringt erneut globale Strafzölle ins Spiel – nur Tage nach einer juristischen Schlappe vor dem Supreme Court. Die Märkte...

DWN
Finanzen
Finanzen Salzgitter-Aktie profitiert von Milliardenförderung: Mehr Fördermittel für grünen Stahl aus Salzgitter
23.02.2026

Die Salzgitter-Aktie legt am Montag leicht zu: Milliardenförderung, grüner Stahl und politische Rückendeckung verändern die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Index steigt: Wirtschaft sendet erste Signale der Erholung
23.02.2026

Der Ifo-Index sendet ein positives Signal für die deutsche Wirtschaft. Nach langer Schwächephase hellt sich das Ifo-Geschäftsklima...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Demografischer Wandel: Europa und vor allem Deutschland altern schneller
23.02.2026

Niedrige Geburtenraten, steigende Lebenserwartung: Europa erlebt einen erheblichen demografischen Wandel. Aktuelle Daten belegen die...

DWN
Politik
Politik Analyse: Trumps Team sucht mit politischem Druck und finanziellen Anreizen Verbündete in Europa
23.02.2026

Die Regierung von Donald Trump verfolgt ein neues außenpolitisches Ziel: den Export ihrer ideologischen Agenda nach Europa. Dabei geht es...

DWN
Finanzen
Finanzen Vatikanbank: Zwei neue katholische Aktienindizes für internationale Investoren
23.02.2026

Die Vatikanbank führt neue Aktienindizes ein, die katholische Ethik systematisch in die Kapitalanlage einbinden sollen. Welche Bedeutung...

DWN
Finanzen
Finanzen Novo Nordisk-Aktie stürzt ab: Studie zum Abnehmmittel Cagrisema enttäuscht
23.02.2026

Die Novo Nordisk-Aktie ist am Montag wieder eingebrochen. Ausgerechnet Hoffnungsträger Cagrisema liefert in einer entscheidenden Studie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Maßnahmen gegen China: Subventionen nur für Autos „Made in EU“
23.02.2026

Die EU-Kommission will Subventionen für Elektroautos, Hybrid- und Wasserstofffahrzeuge an strengere europäische Wertschöpfungsvorgaben...