Deutschland

Immobilien boomen nach wie vor – Experte spricht sogar von einer "Zeitenwende"

Ein Analyst der Landesbank Baden-Württemberg warnt vor einem "echten Stagflationsszenario".
11.05.2022 12:02
Aktualisiert: 11.05.2022 12:02
Lesezeit: 2 min

Der Boom auf dem deutschen Wohnungsmarkt hat nach Daten des Verbands deutscher Pfandbriefbanken (vdp) auch im ersten Quartal angehalten. Insgesamt seien die Preise für Immobilien im Auftaktviertel 2022 binnen Jahresfrist um 8,8 Prozent gestiegen, teilte der vdp am Dienstag mit. Bei Wohneigentum liege das Preisplus sogar bei 10,7 Prozent.

Experten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) mahnen aber zur vorsichtigen Interpretation, da die Zahlen noch nicht merklich unter dem Einfluss des aktuellen Zinsanstiegs stünden. Der Immobilienmarkt solle sich deshalb nicht in falscher Sicherheit wiegen, erklärte LBBW-Analyst Martin Güth. "Die Zinswende bedeutet für den Immobilienmarkt eine Zeitenwende." Insgesamt habe der Immobilienpreisindex des Verbandes mit 190,8 Punkten einen neuen Höchstwert erreicht, erklärte der vdp.

"Der Immobilienmarkt in Deutschland befindet sich weiterhin im Aufwind – und das, obwohl die Pandemie nach wie vor nicht ausgestanden ist und mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ein höchst beunruhigender exogener Schock eingetreten ist", erklärte vdp-Hauptgeschäftsführer Jens Tolckmitt. Auch wenn aktuell noch keine Auswirkungen auf den Immobilienmarkt zu erkennen seien, müsse man abwarten, wie sich Zweit- und Drittrundeneffekte auswirken werden.

LBBW: Stagflation könnte Preisrückgänge von bis zu 25 Prozent nach sich ziehen

Die LBBW hat in ihrer Studie vor allem den jüngsten Anstieg der Bauzinsen im Blick, die sich seit Jahresbeginn um 1,5 Prozentpunkte erhöht hätten. Laut dem Baufinanzierungsvermittler Interhyp kosteten Darlehen mit zehnjähriger Zinsfestschreibung Anfang Mai im Durchschnitt 2,6 Prozent. Beruhige sich der Zinsanstieg wie erwartet, verlaufe die Hauspreisentwicklung im laufenden Jahr noch positiv, bevor sie in eine Seitwärtsbewegung übergehe, erklärte Analyst Güth.

Sollte es jedoch zu einem weiteren Anstieg der Zinsen kommen, zeige die LBBW-Untersuchung deutliche Konsequenzen für die Preise von Wohnimmobilien. "Das Risiko einer kräftigen Preiskorrektur sehe ich vor allem für den Fall, dass die Zinsen weiter kräftig steigen, während die Wirtschaft nicht vom Fleck kommt – ein echtes Stagflationsszenario also." Dann dürften Preisrückgänge in einer Größenordnung von 20 Prozent bis 25 Prozent möglich sein.

Umfrage: Große Probleme bei Baumaterial in Deutschland

Bei den Gewerbeimmobilien hat sich die Stimmung der Investoren in Deutschland im ersten Quartal bereits eingetrübt, wie die weltweite Immobilien-Berufsvereinigung RICS zu ihrer jüngsten Umfrage mitteilte. "Während einzelne Länder eine deutliche Wachstumsdynamik ausmachen, fällt die Investorenstimmung in Deutschland", sagte Susanne Eickermann-Riepe , die Vorstandsvorsitzende von RICS Deutschland.

So sei der Stimmungsindex für deutsche Gewerbeimmobilien (Commercial Property Sentiment Index) im ersten Quartal mit minus eins Punkten in den negativen Bereich gerutscht, während er im vierten Quartal 2021 noch bei plus zwei Zählern gelegen habe. Der Pfandbrief-Verband vdp meldete für das Auftaktquartal 2022 einen Anstieg der Preise für Gewerbeimmobilien von 1,8 Prozent.

Der gesondert vom RICS ermittelte Gesamtindex der Bautätigkeit (CAI) zeigt in Deutschland ein Plus von 31 auf 34 Punkte. In Europa hat sich der CAI dagegen abgeschwächt und liegt bei 19 gegenüber 29 im Vorquartal. In ganz Europa nannten 91 Prozent der Befragten die Materialkosten als ein Hemmnis für die Bautätigkeit, 80 Prozent gaben Schwierigkeiten bei der Materialversorgung an. In Deutschland stimmten dem Problem der Materialversorgung sogar 94 Prozent zu.

Probleme bei den Materialkosten sehen satte 100 Prozent der Befragten in Deutschland. Gleichsam werden Immobilien in Deutschland aufgrund der vielfachen Preistreiber immer unerschwinglicher. So berichten die Landesbausparkassen und der Finanzierungsvermittler Interhyp berichten über eine stark gestiegene Nachfrage seit Jahresanfang. Der Hauptgrund: Die Sorge, Immobilien und Zinskosten könnten noch teurer werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bewerbungsverfahren: Künstliche Intelligenz verändert die Auswahlkriterien
18.10.2026

Bewerber verfassen Bewerbungsunterlagen mit KI, Betriebe lassen die Maschine zumindest einen Teil der Vorauswahl machen. Das ändert die...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktien kaufen: Der größte Fehler passiert lange vor dem ersten Aktienkauf
18.10.2026

Welche Aktie soll ich kaufen? Für viele Börsenanfänger ist das die wichtigste Frage überhaupt. Dabei entscheidet sich oft schon viel...

DWN
Technologie
Technologie Musks Flugauto: Tesla zeigt Sportwagen mit Raketendüsen
18.10.2026

Seit Jahren stellte Elon Musk ein Raketen-Auto in Aussicht - und der nun gezeigte Tesla Roadster kann dank Kaltgas-Düsen ein wenig...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zeekr greift BMW und Mercedes an: Ex-BMW-Manager rechnet mit Europas Autobauern ab
18.10.2026

In chinesischen Autofabriken verschwinden die Menschen, Roboter übernehmen ihre Arbeit. Während BMW, Mercedes und Audi unter Kostendruck...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entsorgungswirtschaft warnt: mehr Brände durch Batterien
18.10.2026

Immer mehr Alltagsgegenstände enthalten fest verbaute Batterien, die nicht jeder überhaupt erkennt. Im Müllauto oder der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bald treffen die Giganten aufeinander: Die Wette auf Indien könnte lukrativer sein als die auf China
18.10.2026

Wenn nur zehn Prozent der Inder, die heute kein Auto besitzen, in den kommenden Jahrzehnten Eigentümer eines Neuwagens würden, sprächen...

DWN
Politik
Politik Regierungsbildung in Berlin: Das planen Linke, Grüne und SPD für die Hauptstadt
17.10.2026

"Mehr gemeinsam, mehr Berlin": Das Sondierungspapier von Linke, Grünen und SPD umfasst inklusive Anlagen etwa 30 Seiten. So wollen die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deal mit Nvidia: Bundesregierung plant Kooperation mit US-Chiphersteller
17.10.2026

Deutschland will die Lücke beim Einsatz künstlicher Intelligenz in der Industrie schließen. Viele deutsche KMU hinken bei der digitalen...