Weltwirtschaft

Scholz sucht im Senegal nach Gas - vom „Klimaschutz“ ist plötzlich keine Rede mehr

Lesezeit: 3 min
23.05.2022 10:18  Aktualisiert: 23.05.2022 10:18
Die Bundesregierung sucht plötzlich händeringend nach Gas. Noch vor wenigen Monaten hatte Berlin die Afrikaner zur Abkehr von fossilen Energieträgern gedrängt.
Scholz sucht im Senegal nach Gas - vom „Klimaschutz“ ist plötzlich keine Rede mehr
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), nimmt neben Macky Sall, Präsident der Republik Senegal, und Sophie Gladima, Energieministerin des Senegal, an der Eröffnung einer Photovoltaikanlage in Diass teil. (Foto: dpa)
Foto: Michael Kappeler

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Bundeskanzler Olaf Scholz sucht im Senegal nach Gas: Auch der Präsident des Landes, Macky Sall, hat große Pläne. Bis 2035 soll der massive Ausbau des Energiesektors zu einer treibenden Kraft für den wirtschaftlichen Aufstieg des westafrikanischen Landes werden. Bereits 2018 hatten sich Senegal und Mauretanien geeinigt, das große Gasvorkommen Greater Tortue Ahmeyim-Projekt (GTA) vor ihrer Küste gemeinsam auszubeuten. Bisher hatte dies die Europäer nicht groß interessiert. Aber der Besuch von Scholz am Sonntag zeigt, dass man in europäischen Hauptstädten plötzlich umdenkt – afrikanisches Gas ist attraktiv geworden. Denn die Europäer suchen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine händeringend Ersatz für russisches Gas und Öl.

"Jetzt klopft Europa an unsere Tür", zitiert die Washington Post Mamadou Fall Kane, den stellvertretenden Chef der senegalesischen Behörde für Bodenschätze. "Der Krieg hat alles verändert" - offenbar auch die Anforderungen des "Klimaschutzes".

Stolperstein Klimaschutz?

Nur könnte sich jetzt rächen, dass gerade die Europäer und auch Deutschland auf der Klimakonferenz in Glasgow im November 2021 darauf gedrungen hatten, die Finanzierung und Erschließung neuer fossiler Vorkommen deutlich zu erschweren. Dabei warnte Senegals Präsident Sall schon damals, dass man ärmeren afrikanischen Staaten mit Rohstoffen nicht die Entwicklung erschweren dürfe. Jetzt hat die Regierung in Dakar bereits klargemacht: Gas bekommt, wer sich bei der Erschließung engagiert. "Wir sind daran interessiert, den europäischen Markt mit Gas zu beliefern", sagte Sall nach dem Treffen mit Scholz.

Mittlerweile räumt auch die Bundesregierung ein Umdenken ein. Der Druck zur Diversifizierung der Lieferquellen sei durch den russischen Angriff "noch einmal akuter" geworden, heißt es in Regierungskreisen, wo darauf verwiesen wird, dass einige deutsche Firmen an Explorationen im Senegal beteiligt sind. Auch Kanzler Scholz betont, dass man nicht nur bei der Photovoltaik und Speichertechniken helfen wolle. "Wir wollen das auch tun im Hinblick auf die LNG-Fragestellung und Gasförderung hier im Senegal", fügte er in Dakar hinzu. Und erklärt den Schwenk mit dem russischen Angriff: "Dass wir die Situation in der Welt neu betrachten müssen, ist das Ergebnis von dem, was ich eine Zeitenwende genannt habe - und das wird sich nicht auf einzelne Fragen beschränken können, sondern muss an vielen anderen Stellen auch Konsequenzen haben", erklärte Scholz.

Andere sind schneller gewesen

Doch andere sind beim Gas schneller: So schloss der italienische Energiekonzern Eni in den vergangenen Monaten Verträge mit Algerien, Ägypten, Angola und der Republik Kongo ab. Lieferungen aus diesen Ländern sollen mehr als die Hälfte des Gases ersetzen, das das EU-Land bisher aus Russland bezieht. Als potenzielle Länder für weitere Verträge mit Flüssiggas (LNG) gelten Mosambik, Nigeria, Ghana, die Elfenbeinküste und Libyen.

Bei Null muss man in Afrika nicht beginnen, schließlich kommen bereits jetzt rund 18 Prozent des Gases für Europa von dort. Es gibt Pipelines etwa von Libyen nach Italien oder von Algerien nach Spanien. Im Gespräch ist auch eine mehr als 4000 Kilometer langen Trans-Sahara-Röhre, die von Nigeria über Niger nach Algerien führen und Gas über das bestehende Leitungsnetz bis nach Europa pumpen soll. Nigeria verfügt bereits über sechs LNG-Terminals für Flüssiggas. In Südafrika gibt es Planungen für die Ausschreibung eines neuen LNG-Terminals in Richards Bay an der Ostküste des Landes – um nur einige Beispiele zu nennen.

"Afrika kann das europäische Problem allein nicht lösen, aber wegen der geografischen Nähe und billigen Transportkosten einen Beitrag dazu leisten", sagt Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, zu Reuters.

Einfach ist der größere Umstieg von russischem auf afrikanisches Gas aber nicht. Zum einen gibt es auch an der senegalesischen Küste mit Blick auf Fischerei und Tourismus Umweltbedenken gegen die Offshore-Förderung. Zum anderen kommen die Europäer sehr spät. Längst bemühen sich andere energiehungrige Interessenten um Gas aus Afrika. So gehen die ab 2023 geplanten ersten Flüssiggas-Lieferungen aus dem Senegal aufgrund bereits geschlossener Verträger nach Asien. Und China hat etwa Ägypten lukrative langfristige LNG-Verträge angeboten.

"In der Regel sind 80 bis 90 Prozent der LNG-Mengen bereits bei Baubeginn einer Verflüssigungsanlage langfristig verkauft", betont Liebing. Er rät der Bundesregierung ohnehin eher zu Reisen nach Angola oder vor allem Nigeria. "Dort besteht die Chance, innerhalb von ein bis zwei Jahren die Produktion auszuweiten und dann vielleicht zehn bis 20 Prozent unserer russischen Lieferungen zu ersetzen."

Doch als Hindernis für die künftige Zusammenarbeit gelten politische Instabilitäten: Allein in Westafrika gab es seit 2020 fünf Staatsstreiche. Die Europäer wollen aber ihre die Abhängigkeit von einem Land wie Russland nicht durch die von Militärregierungen tauschen. Wie heikel dies sein kann, zeigt das Beispiel Libyen: Dort war die deutsche Wintershall in der Gasförderung aktiv, bis das Land im Bürgerkrieg versank.


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