Wirtschaft

Schanghai fiebert Lockdown-Ende um Mitternacht entgegen

Um Mitternacht wird die Wirtschaftsmetropole die schwerwiegendsten Corona-Maßnahmen beenden.
31.05.2022 09:00
Aktualisiert: 31.05.2022 09:12
Lesezeit: 3 min
Schanghai fiebert Lockdown-Ende um Mitternacht entgegen
22. Mai: Fahrgäste warten auf ihren Zug am Bahnhof Hongqiao in Shanghai. Die chinesische Metropole Shanghai nimmt einige öffentliche Verkehrsmittel wieder in Betrieb, da die Pandemie-Beschränkungen, die die meisten Bewohner seit mehr als sechs Wochen in ihren Wohnkomplexen festgehalten haben, von den Behörden langsam wieder gelockert werden. (Foto: dpa) Foto: Uncredited

Schanghai bereitet sich auf das Ende des zweimonatigen Corona-Lockdowns vor. Zur Erleichterung der mehr als 25 Millionen Einwohner haben die Behörden in der chinesischen Wirtschaftsmetropole am Dienstag damit begonnen, die Zäune um die Wohnanlagen abzubauen und Polizeibänder von öffentlichen Plätzen und Gebäuden zu entfernen, mit denen die Bewegungsfreiheit der Einwohner massiv eingeschränkt wurde. Um Mitternacht soll der rigide Lockdown dann aufgehoben wird.

Zunächst werden für etwa 22,5 Millionen Menschen in Stadtteilen mit geringem Ansteckungsrisiko die Beschränkungen gelockert. Sie müssen allerdings weiterhin Masken tragen und Versammlungen meiden. Der Verzehr von Speisen in Restaurants bleibt vorerst verboten. Die Geschäfte können mit 75 Prozent ihrer Kapazität arbeiten. Turnhallen werden später wieder geöffnet.

"Ich fühle mich ein wenig nervös", sagte der Schanghaier Joseph Mak, der im Bildungswesen arbeitet. "Es ist schwer zu glauben, dass es tatsächlich passiert." Die meisten Einwohner werden aber noch bis Mitternacht in ihren Häusern festsitzen, wie schon in den vergangenen zwei Monaten. Das Vorgehen der Behörden hat bei vielen Menschen in Schanghai zu Einkommensverlusten geführt, da sie nicht arbeiten gehen konnten. Auch der Einkauf von Lebensmitteln und der Zugang zu medizinischer Versorgung war für Millionen Menschen schwierig.

Die anhaltende Isolation hat zu für chinesische Verhältnisse seltenen Protesten in Schanghai geführt. Die Industrie und die exportorientierte Wirtschaft der Metropole wurde in Mitleidenschaft gezogen. Das ist bis nach Deutschland zu spüren, schließlich ist die Volksrepublik der wichtigste deutsche Handelspartner. Außerdem sind etwa 2000 deutsche Unternehmen in der Metropole aktiv.

Ab Mittwoch soll sich das Leben wieder einigermaßen normalisieren. Dann werden auch die Wohn-Sonderausweise abgeschafft, die den Aufenthalt im Freien auf ein paar Stunden beschränkten. Auch der öffentliche Verkehr soll wieder aufgenommen werden und die Einwohner wieder zur Arbeit gehen können. "Dies ist ein Tag, von dem wir lange geträumt haben", sagte die Sprecherin der Schanghaier Regierung, Yin Xin, vor Reportern. "Alle haben viel geopfert. Dieser Tag wurde hart erkämpft, und wir müssen ihn schätzen und schützen und das Schanghai, das wir kennen und vermissen, wieder willkommen heißen."

Es gelten aber weiter strikte Schutzmaßnahmen. Die Einwohner müssen sich alle 72 Stunden testen lassen, um öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen und öffentliche Einrichtungen zu betreten. Für alle, die sich mit Corona infiziert haben, und ihre engen Kontaktpersonen gilt weiterhin eine strenge Quarantäne.

China ist die einzige große Wirtschaftsmacht, die eine Null-Covid-Politik verfolgt, um größere Ausbrüche um jeden Preis einzudämmen. Die hochgradig ansteckende Omikron-Variante kann aber jederzeit für Rückschläge sorgen, sagen Experten.

Todd Pearson, Geschäftsführer der Camel Hospitality Group, die einige Restaurants, Bars und Fitnessstudios in und um Schanghai betreibt, bleibt deshalb vorsichtig. Seine Restaurants können lediglich Auslieferungen vornehmen, die nur etwa fünf Prozent des Umsatzes einbringen. Das reiche nicht aus, um Gehälter und Miete zu zahlen. Zumindest können seine Mitarbeiter, die vor Ort geschlafen haben, um eine Arbeitsunfähigkeit wegen Quarantäne zu vermeiden, ab Mitternacht endlich nach Hause gehen. "Ich bin zuversichtlich, dass sie sich beeilen werden, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln", sagte Pearson. "Ich hoffe nur, dass dies nicht auf Kosten weiterer Ausbrüche geschieht. Ich bin mir nicht sicher, ob viele Unternehmen oder die Menschen noch viel mehr verkraften könnten."

Schanghai meldete für Montag noch 31 Fälle, nach 67 am Sonntag. Auch in ganz China gehen die Corona-Fallzahlen wieder zurück, landesweit auf zuletzt unter 200. Das Lockdown-Ende bedeutet nicht, dass die Schanghaier zu ihren alten Lebensgewohnheiten zurückkehren können. Einige Bankangestellte fürchten, dass sie ab Mittwoch wieder vollständige Schutzanzüge und Masken tragen müssen. Ein Angestellter sagte, er werde eine Grundausstattung mit zur Arbeit nehmen - für den Fall, dass ein Kollege positiv getestet wird und das Personal im Büro isoliert werden muss.

Anleger reagieren mit Zukäufen

Anleger fassen angesichts der Lockerungen neuen Mut. Wie das nationale Statistikamt am Dienstag in Peking berichtete, stieg der Einkaufsmanagerindex (PMI) für das herstellende Gewerbe im Mai von 47,4 im Vormonat auf 49,6 Punkte. Der Anstieg fiel damit etwas stärker aus, als von Bloomberg befragte Experten es erwartet hatten. Der gesonderte Einkaufsmanagerindex für die Dienstleistungsbranche überraschte ebenfalls positiv und legte von 41,9 Punkte auf 47,8 Punkte zu. Hier hatten Experten mit einem Anstieg auf lediglich 45,5 Punkte gerechnet.

Das wichtige Konjunkturbarometer liegt damit aber weiter jeweils unter der kritischen Grenze von 50 Punkten, wo erst wieder von einer Ausweitung der industriellen Aktivitäten ausgegangen wird. Der offizielle Index spiegelt vor allem die Stimmung in großen und staatlichen Unternehmen wider, die von den eingeleiteten Konjunkturmaßnahmen stärker profitieren als mittelgroße oder private Firmen.

Der Ende März begonnene Lockdown in Schanghai habe die Lieferketten vor allem im April massiv gestört, schrieb Volkswirt Hao Zhou von der Commerzbank. Da sich die Covid-Situation im Mai verbessert habe, könnten die wirtschaftlichen Aktivitäten etwas Auftrieb erhalten haben. In den kommenden Monaten bleibe der Gegenwind für die Wirtschaft aber stark, da Peking an seiner Null-Covid-Strategie festhalte.

Die Börse in Schanghai gewann ein Prozent, der CSI-300-Index in Schenzen mit den 300 wichtigsten Unternehmen des chinesischen Festlands rückte um 1,5 Prozent vor. Nach dem Rückfall im April stand damit für Mai wieder ein Zuwachs zu Buche. Für den Hongkonger Hang-Seng-Index ging es am Dienstag um 1,27 Prozent auf 21 392,12 Zähler hoch.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland-Embargo: Razzia gegen mutmaßliches Exportnetzwerk
02.02.2026

Trotz EU-Embargos sollen Tausende Lieferungen an russische Unternehmen organisiert worden sein: Ermittler sind bei einer bundesweiten...

DWN
Politik
Politik EU-Kommission feuert Topbeamten: Neuer Korruptionsskandal erschüttert Brüssel
02.02.2026

Ein hochrangiger EU-Beamter verliert seinen Job nach interner Untersuchung. Der Fall Hololei wirft ein Schlaglicht auf Machtmissbrauch,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kauflaune 2026: Hoffnung auf Rückenwind für den Einzelhandel
02.02.2026

Nach einem schwachen Jahr 2025 zeigt sich Hoffnung für den Einzelhandel: Die Kaufzurückhaltung der Verbraucher lockert sich leicht, und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spaß im Job: Muss Arbeit Freude bringen? Und kann das überhaupt langfristig gelingen?
02.02.2026

Arbeit nimmt einen großen Teil unseres Lebens ein – doch viele zählen nur die Tage bis zum Wochenende. Muss ein Job wirklich Spaß...

DWN
Panorama
Panorama Krebssterblichkeit in Deutschland sinkt bei Jüngeren und Mittleren
02.02.2026

In Deutschland sterben jüngere und mittelalte Menschen deutlich seltener an Krebs als noch vor 20 Jahren, zeigt eine aktuelle Auswertung...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Kurs aktuell: Nach Kurssturz unter 80.000 US-Dollar startet Bitcoin einen Stabilisierungsversuch
02.02.2026

Nach dem massiven Abverkauf am Wochenende und zum Start in den Montagshandel, versucht der Bitcoin-Kurs aktuell einen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen ADAC-Verkehrspräsident Hillebrand tritt nach Austrittswelle zurück
02.02.2026

Nach massiven Austritten von rund 60.000 Mitgliedern legt ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand sein Amt nieder. In einer Mitteilung...

DWN
Politik
Politik Schneller Recht bekommen: Reform für Verwaltungsgerichte geplant
02.02.2026

Bürger sollen künftig schneller zu einem Urteil kommen, wenn sie mit Ämtern streiten. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigt...