Technologie

E-Autos: Für die deutsche Automobil-Industrie steht viel auf dem Spiel

Die deutsche Autoindustrie steht in der Entwicklung von E-Autos mit dem Rücken zur Wand.
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17.06.2022 11:37
Aktualisiert: 17.06.2022 11:37
Lesezeit: 4 min
E-Autos: Für die deutsche Automobil-Industrie steht viel auf dem Spiel
Elektrofahrzeuge vom Typ Y stehen zur Eröffnung der "Tesla Gigafactory Berlin Brandenburg" auf einem Band. (Foto: dpa)

Dr. Stefan Carsten ist Zukunftsforscher und Mobilitätsexperte. Er beschäftigt sich seit dem Ende der 1990er-Jahre mit alternativen Antrieben in der Automobilbranche, forscht am Zukunftsinstitut in Berlin und ist unter anderem Mitglied des Expertenbeirats für die ÖPNV-Strategie des Bundesverkehrsministeriums. Die DWN sprachen mit ihm über die Zukunft der E-Autos, über die Versäumnisse der deutschen Automobilindustrie, künftige Mobilitäts-Szenarien und den technologischen Vorsprung chinesischer E-Auto-Hersteller.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Laut einer Studie der Boston Consulting Group werden 2028 reine Elektroautos der meistverkaufte Fahrzeugtyp weltweit sein. Teilen Sie diese Meinung?

Stefan Carsten: Ja, unbedingt. Die Elektroautos sind den Verbrenner-Motoren bereits jetzt überlegen. Dazu gibt es keine Alternative. Neun von zehn Fahrern, die mit einem Elektroauto gefahren sind, wollen in ein mit herkömmlicher Energie betriebenen Fahrzeug gar nicht mehr einsteigen. Sie sind technisch einfach unterlegen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Rächt sich der Umstand, dass die deutschen Autohersteller ursprünglich die Entwicklung von E-Motoren im Verhältnis zu asiatischen Auto-Herstellern verschlafen haben?

Stefan Carsten: Natürlich rächt sich das jetzt. Abgesehen davon, haben wir hier in Deutschland eine lächerliche politische Debatte, wobei deutsche Lobbyisten versuchen, das für 2035 anvisierte Verbot von Verbrenner-Motoren mit ihrem Veto zu blockieren. Vor allem haben die deutschen Autohersteller davor Angst, dass die klassischen Eintrittsbarrieren in die Autoindustrie für neue Konkurrenten auf dem Markt bei der Entwicklung von E-Motoren wegfallen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was meinen sie damit?

Stefan Carsten: Sehen Sie, früher gab es auf dem klassischen Automobilmarkt kaum neue Wettbewerber. Die Autozulieferer standen fest, und die Produktion der Autos war äußerst komplex. Das ist heute anders. Ein E-Auto zu bauen ist im Verhältnis dazu extrem einfach. Deshalb tummeln sich entsprechend viele Wettbewerber

auf dem Markt. Zudem ist die Produktion dieser Fahrzeuge billiger, und auch deshalb die Sorge bei den deutschen Autobauern groß, dass neue Wettbewerber ihnen den Rang ablaufen könnten. Ergo, versucht die deutsche Autoindustrie auch wasserstoffbetriebene Fahrzeuge zu bauen – aus bl0ßer Angst vor den E-Motoren. Typisch war doch ihr Verhalten gegenüber Elon Musk. Sie hatten über Jahre nichts anderes als ein müdes Lächeln für seine Bestrebungen übrig. Jetzt verkörpert er in der E-Branche die einstigen Pioniere der Verbrenner-Motoren wie Rudolf Diesel und Gottlieb Daimler.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit die „E-volution“ Fahrt aufnehmen kann. Glauben Sie, dass die Lade-Infrastruktur mit der Geschwindigkeit der Elektrifizierung mithalten kann?

Stefan Carsten: ‚Sagen wir so, ich glaube nicht, dass die Lade-Infrastruktur ein Hindernis für ein weiteres, schnelles Eindringen der E-Autos auf den Markt ist. In drei bis vier Jahren werden Feststoffbatterien eine Reichweite zwischen 900 und 1.000 Kilometer haben und eine Ladezeit von nur fünf bis zehn Minuten benötigen. Hinter dieser Angst steckt vielmehr das Interesse der deutschen Autoindustrie eine schnelle Entwicklung einbremsen zu wollen. Selbst weigern sie sich, eigene Ladesäulen zu errichten. Das banale Argument dabei: das sei nicht ihre Aufgabe. Im Durchschnitt fahren Menschen täglich eh nicht mehr als 40 Kilometer, das heißt die alltägliche Mobilität ist ohnehin gewährleistet. Und mittlerweile können sie von Norden in den Süden fahren ohne auf der Strecke liegen zu bleiben. Die „Reichweitenangst“ ist daher völlig unbegründet.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie wird der Auto-Markt in der Zukunft aussehen?

Stefan Carsten: Er wird sich dahingehend verändern, dass die großen Niederlassungen der einzelnen Autohersteller verschwinden werden. Nehmen sie das Beispiel des schwedischen Herstellers Volvo. Er erwägt ab 2030 nur mehr E-Autos zu bauen und sie dann über eine Internetplattform zu verkaufen. Allerdings: In Deutschland ist die Automobilbranche von solchen Überlegungen noch meilenweit entfernt.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wo werden künftig die Vorteile der deutschen Autoindustrie liegen und wo die Nachteile?

Stefan Carsten: Die einzigen Vorteile der deutschen Automobilindustrie sehe ich in ihrem Know-how, was die Individualisierung der Fahrzeuge betrifft. Das heißt, wir sind gut aufgestellt, wenn es um Raumkonzepte, der Innenarchitektur der Fahrzeuge und dem Design geht. Klare Nachteile liegen in der Kostenstruktur. E-Auto-Hersteller kommen mit viel kleineren Strukturen und weniger Mitarbeitern aus. Auch die Innovationsprozesse der deutschen Industrie sind zu behäbig und wie es derzeit aussieht, haben sie auch keinen Zugriff auf hochwertige Batterien.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche regenerative Energie wird maßgeblich zum Aufladen der Batterien verwendet werden?

Stefan Carsten: Das kann nur Windkraft- oder Solarenergie sein. Allerdings muss diesbezüglich parallel zum steigenden Absatz von E-Autos die Infrastruktur ausgebaut werden. Aber auch mit dem jetzigen zur Verfügung stehenden Strommix ist die Batterie nachhaltiger als die Verbrenner-Motoren.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Gibt es Unterschiede zwischen chinesischen Batterien und deutschen Batterien?

Stefan Carsten: Ja, die gibt es. China hat sehr früh in die Batterie-Technologie investiert und ein Zulieferer-Netzwerk aufgebaut. Deshalb ist die chinesische Autoindustrie nicht nur kurz davor, sich von den Verbrenner-Motoren zu verabschieden, sondern sie können auch auf hochwertige Batterie-Systeme zurückgreifen, die das Potential haben, China zum Marktführer in der Automobilbranche zu machen. Das Land hat im Verhältnis zu Deutschland einen rieseigen Technologiesprung gemacht. Im Grunde lacht man im Ausland über die deutschen E-Fahrzeuge.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Sind Wasserstoff-Autos eine Alternative zu einem batteriebetriebenen Fahrzeug?

Stefan Carsten: Nein, das ist keine Alternative. Erstens ist der Energieaufwand extrem hoch, und zweitens sind die Autos weder besser noch dynamischer. Im Grunde ist das nur ein weiterer Versuch der deutschen Automobilindustrie die traditionellen Wettbewerbsbarrieren aufrechtzuerhalten. Einzig und allein bei schweren LKWs könnte ein auf Wasserstoff-Basis betriebener E-Motor eine Alternative sein. Grundsätzlich ist ohnehin darauf hinzuweisen, dass die Batterieforschung noch in ihren Kinderschuhen steckt und noch vieles möglich ist.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Was verstehen Sie unter einem Neustart in der Automobilbranche?

Stefan Carsten: Darunter verstehe ich, dass die Automobilbranche Teil eines größeren Ganzen werden, sprich, sich in ein Mobilitätssystem integrieren muss. Zum Beispiel gibt es in Deutschland im Unterschied zu China noch kein car-sharing Konzept eines Auto-Herstellers. Mir scheint, als würden wir uns auf einer Scholle zurückziehen, die immer kleiner wird.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Inwieweit wirkt sich die E-Mobilität auf das Mobilitäts-Verhalten der Menschen aus?

Stefan Carsten: Die E-Mobilität ist natürlich einer der wesentlichen Treiber in einem sich nachhaltig entwickelnden Mobilsystem mit neuen Akteuren, Diensten und Produkten.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Und wer sind die neuen Akteure am Horizont der E-Automobil-Branche?

Stefan Carsten: Um nur einige zu nennen: Li Auto, Xpeng und Nio aus China, Canoo, Fisker und Rivian aus den USA, Polestar und Volta Trucks aus Schweden, sowie Sono Motors aus Deutschland. Von den etablierten Herstellern sind Hyundai und Tesla das Maß der Dinge.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie stehen Sie gemeinsamen Automobilprojekten zwischen Deutschland und China gegenüber?

Stefan Carsten: Da ich glaube, dass die deutsche Automobilindustrie mittlerweile mit dem Rücken zur Wand steht, finde ich es wichtig, dass deutsche Unternehmen Kooperationen eingehen. Im Unterschied zu früher, handelt es sich dabei zum ersten Mal um gleichberechtigte Partnerschaften, die für beide Parteien positive Effekte beinhaltet. Und vor allem, kann die deutsche Automobilindustrie davon profitieren.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Carsten, wir bedanken uns für dieses Gespräch.

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