Technologie

Innovativ und riskant: Chinas digitaler Yuan

Chinas Regierung entwickelt eine digitale Version der Landeswährung. Das Projekt bietet große Chancen, aber auch beträchtliche Risiken. Denn die digitale Zentralbankwährung bietet weitaus umfassendere Zugriffsmöglichkeiten auf die Daten der Bürger. Auch eine lückenlose permanente Nachverfolgung der Zahlungsströme ist möglich. Mit allen negativen Folgen.
08.07.2022 14:00
Lesezeit: 2 min
Innovativ und riskant: Chinas digitaler Yuan
Den Renminbi gibt es auch in einer digitalen Form. (Foto: dpa) Foto: How Hwee Young

Die chinesische Regierung hat vor einigen Jahren die Entwicklung einer digitalen Version der Landeswährung Renminbi („Yuan“) in Auftrag gegeben. Theoretische Vorüberlegungen zu dem sogenannten „E-Yuan“ oder „E-Renminbi“ (andere Bezeichnungen sind „E-RMB“, „Digital Renminbi“ oder „e-CNY“) wurden bereits im Jahr 2014 von der Zentralbank öffentlich kommuniziert.

Wie funktioniert der digitale Yuan?

Der digitale Yuan wird von der chinesischen Zentralbank, der Volksbank, entwickelt, getestet und irgendwann offiziell auf den Markt eingeführt. Bei der digitalen Version der Landeswährung handelt es sich nicht um eine Kryptowährung, obwohl bestimmte Aspekte des geplanten E-Yuan mit Aspekten einiger Kryptowährungen deckungsgleich sein werden.

„Beim digitalen Yuan handelt es sich um keine Kryptowährung und es wird auch keine Blockchain genutzt, wie es beispielsweise bei Bitcoin der Fall ist. Es handelt sich um die digitale Version des physischen RMB, welche von einer zentralen Stelle ausgegeben, verwaltet und überwacht wird“, schreibt der Blog Finanzsache.

Der E-Yuan wurde im Jahr 2020 im Rahmen eines Feldversuchs in der südchinesischen Technologie-Metropole Schenzhen eingeführt. Im Folgejahr wurde das Experiment auf zehn weitere chinesische Städte ausgeweitet.

Genutzt werden soll der E-Yuan künftig von Unternehmen und Bürgern mithilfe sogenannter „Wallets“, also Anwendungen auf Smartphones, von wo aus Überweisungen getätigt und Guthaben angelegt werden können. Voraussetzung der Einrichtung einer entsprechenden App ist eine Verknüpfung mit den persönlichen Daten zur Identifikation des Nutzers - wobei bislang noch nicht klar ist, ob die Namen und andere Daten registriert werden oder nur die Telefonnummern der Anwender.

Wie die meisten Geldsysteme basiert auch der E-Renminbi auf verschiedenen Geldmengen - also der Stufe M0 (Bargeld) und den höher gelegenen bargeldlosen Stufen M1 und M2 (Bankguthaben, Tagesgelder, Derivate und Ähnliches).

Der Blog Finanzsache berichtet, dass es Zinsen aber nur auf Bankguthaben des E-Yuan geben soll, nicht aber auf das auf Stufe M0 gehaltene Kapital. Zudem sollen nur Unternehmen ihre digitalen Yuan in reguläre Bankguthaben bei Geschäftsbanken wechseln können. Dem Bürger bleibt ein Umtausch in Münzen und Scheine demnach wahrscheinlich verwehrt, was die Rolle des Bargeldes künftig schwächen könnte.

Interessant: der digitale Yuan ist programmierbar und damit Smart Contracts-fähig, wie man es beispielsweise von der Kryptowährung Ethereum kennt - hier überschneiden sich die Charakteristika der digitalen Zentralbankwährung mit jenen von Kryptowährungen.

Chancen und Risiken

Das Projekt offeriert einige Chancen. So verfolgt die Regierung in Peking mit der Einführung des E-Yuan mehrere Ziele, die den Bürgern zugute kommen sollen, etwa schnellere und günstigere Finanztransaktionen, finanzielle Inklusion - also die Einbeziehung ärmerer Bevölkerungsteile in ländlichen Regionen in das Bankwesen -, sowie die Ermöglichung von Offline-Transaktionen.

Die Schattenseiten der Technologie liegen aber ebenso auf der Hand. Eine digitale Zentralbankwährung wie der E-Yuan bietet der Regierung weitaus umfassendere Zugriffsmöglichkeiten auf die Daten der Bürger, woraus sich leicht individuelle Bewegungsmuster ableiten lassen. Auch eine lückenlose permanente Nachverfolgung der Zahlungsströme wäre möglich.

Es besteht also das Risiko, dass der chinesische Staat seine Überwachungsmöglichkeiten und seine Machtstellung gegenüber seinen Bürgern noch weiter ausbauen wird, als dies ohnehin schon der Fall ist.

Wie die New York Times berichtet, nutzen chinesische Sicherheitsbehörden verstärkt Software-Produkte, die eine Komposition der verschiedenen von den Bürgern generierten Daten (etwa beim bargeldlosen Einkauf oder Bilder von Überwachungskameras) zu einem „Gesamtbild“ zulassen.

Die Zeitung berichtet von einem beispielhaften Fall: Im Jahr 2020 lehnten die Behörden in Südchina den Antrag einer Frau ab, nach Hongkong zu ziehen, um mit ihrem Ehemann zusammen zu sein, nachdem eine Software sie darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die Ehe verdächtig sei, wie die örtliche Polizei berichtete. Eine anschließende Untersuchung ergab, dass die beiden nicht oft zur gleichen Zeit am selben Ort waren und die Frühlingsfestferien nicht zusammen verbracht hatten. Die Polizei kam zu dem Schluss, dass die Eheschließung vorgetäuscht worden war, um eine Einwanderungserlaubnis für Hongkong zu erhalten.“

Staatliche Behörden könnten solche auf der intelligenten Auswertung von Datensätzen basierenden realen „Bewegungsbilder“ durch die verbreitete Nutzung digitaler Währungen und die Zurückdrängng von Bargeld als Zahlungsmittel noch leichter anfertigen und die Kontrolle über das Volk verstärken.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Umstrittener Staatsbesuch: Syrischer Präsident zu Gesprächen in Berlin
30.03.2026

Nach der Verschiebung im Januar wird der Besuch des syrischen Präsidenten nun unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen nachgeholt....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Zwischen Regenfrust und Qualitätsrausch: Die deutsche Weinbilanz 2025
30.03.2026

Das Wetterjahr 2025 verlangte den deutschen Winzern einiges an Nervenstärke ab. Besonders die heftigen Niederschläge im September setzten...

DWN
Finanzen
Finanzen Warum so viele Deutsche Aktien und Fonds links liegen lassen
30.03.2026

Milliarden liegen auf Sparbüchern, während Aktien & Co. kaum genutzt werden. Warum viele Deutsche vor Wertpapieren zurückschrecken –...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldwäsche-Skandal: Wie dubiose Deals eine Schweizer Bank zu Fall brachten
30.03.2026

Eine kleine Privatbank aus Zürich entwickelte sich binnen weniger Jahre zu einem profitablen, aber hochriskanten Geschäftsmodell. Die...

DWN
Politik
Politik Nach Angriff auf Diego Garcia: Könnten iranische Raketen inzwischen Europa erreichen?
29.03.2026

Der mutmaßliche Angriff iranischer Raketen auf Diego Garcia wirft neue Fragen zur militärischen Reichweite Teherans auf. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen Novo Nordisk-Aktie: Warum die Führung zurücktrat und welche Rolle die Stiftung spielte
29.03.2026

Ein Machtkampf in der Führungsebene von Novo Nordisk hat das Unternehmen und die Novo Nordisk-Aktie in eine tiefe Governance-Krise...

DWN
Panorama
Panorama Spanien im Wandel: Vom Klischee zum Vorreiter beim Frauenschutz
29.03.2026

Spanien steht oft im Ruf eines klassischen Macho-Landes. Doch aktuelle Zahlen und konsequente Maßnahmen zeichnen ein anderes Bild....

DWN
Immobilien
Immobilien Mieter verstorben: Was passiert mit dem Mietvertrag nach einem Todesfall?
29.03.2026

Der Tod eines Mieters wirft für Hinterbliebene oft viele Fragen auf: Darf man in der Wohnung bleiben, wenn der Vertrag nur auf den...