Finanzen

MSCI World: Warum der bekannteste ETF eine Mogelpackung ist

Der MSCI World ist der wohl bekannteste ETF. Viele Privatanleger setzen auf diesen Indexfonds in dem Glauben, er sei besonders breit diversifiziert und erlaube ihnen am besten, am Wachstum der Weltwirtschaft teilzuhaben. Doch kann der MSCI World dieses Versprechen einlösen? Experten sind skeptisch.
Autor
avtor
18.07.2022 09:56
Lesezeit: 3 min
MSCI World: Warum der bekannteste ETF eine Mogelpackung ist
Wie viel Welt steckt im Welt-ETF? (Foto: iStock.com/Galeanu Mihai) Foto: Galeanu Mihai

Er gilt als ideal für Aktien-Einsteiger und wird oft als eine „Rund-um-Sorglos“-Lösung empfohlen: die Rede ist vom Indexfonds MSCI World. Als Argumente für den „Welt“-Indexfonds werden immer wieder seine breite Risikostreuung und der Bezug zur Weltwirtschaft angeführt. So könnten Privatanleger am einfachsten von einer wachsenden Weltwirtschaft profitieren und hätten dazu noch eine Diversifikation zu geringen Kosten erreicht. Was will man als Anleger mehr?

Dementsprechend beliebt ist der MSCI World. Anleger können zwischen 20 verschiedenen Varianten des „Welt“-Indexfonds wählen und allein der größte unter ihnen, der vom Vermögensverwalter Blackrock herausgegebene „iShares Core MSCI World ETF“ vereint 38 Milliarden Euro Anlegerkapital unter sich. Doch kann der beliebteste aller ETFs seine Versprechen nach breiter Risikostreuung und einer möglichst genauen Abbildung der Weltwirtschaft nachkommen?

Wie viel „Welt“ steckt im MSCI World Index?

Der „MSCI World Standard Index“, wie der beliebteste ETF mit vollem Namen heißt, bildet 1.517 Unternehmen aus 23 Ländern ab (Stand: 14. Juli 2022). Viele Anleger kaufen ihn in der Annahme, damit direkt in die Weltwirtschaft zu investieren. Doch diese Annahme ist trügerisch, denn der Indexfonds bildet nur etwa drei Viertel des weltweiten Aktienmarktes ab. Die dort vertretenen Länder sind allesamt Industrienationen.

Schwellenländer, darunter auch so wirtschaftliche Schwergewichte wie China oder Indien, sucht man im MSCI World vergeblich. Dabei gibt es heute auch entsprechende ETF-Produkte, die börsennotierte Unternehmen der 25 am weitesten entwickelten Schwellenländer abbilden, darunter etwa auch aufstrebende Wirtschaftsnationen wie Brasilien oder Mexiko. Und gerade die Volkswirtschaften in Asien, allen voran China, dürften der Wachstumstreiber der Weltwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten sein.

Warum dann der etwas irreführende Name? Das dürfte wohl historisch bedingt sein, denn der Index wurde 1986 ins Leben gerufen und damit zu einer Zeit, als das Investieren in Schwellenländer noch als exotisch galt. Ein vergleichbarer Index für Schwellenländer, der MSCI Emerging Markets, wurde beispielsweise erst 1988 erstmals entwickelt. Die Kritik am Namen ist daher auch fast so alt wie der Index selbst, doch MSCI entschied sich am Ende aus Marketinggründen am „World“ im Namen festzuhalten.

US-Unternehmen und Technologiewerte dominieren den MSCI World

Eine weitere Kritik betrifft die Auswahl der im Indexfonds vertretenen Unternehmen und die Regionen, aus denen diese Unternehmen stammen. Denn die 23 Industrieländer-Aktien sind keinesfalls gleich gewichtet. Vielmehr sind die USA als Region übermäßig stark repräsentiert. US-Aktien machen rund 69 Prozent des Indexfonds aus, obwohl die USA im Jahr 2021 nur für etwa 15,8 Prozent am kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukts (BIP) standen.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Anleger, die 100 Euro in den „Weltaktienindex“ investieren, 69 Euro davon in Aktien von US-Unternehmen stecken. Auf Deutschland, das immerhin für rund 3,3 Prozent der Weltwirtschaftsleistung steht, entfallen im MSCI World nur 2,4 Prozent der Aktien. Damit liegt Deutschland in seiner Gewichtung noch hinter dem US-Technologieunternehmen Apple (4,3 Prozent). Und auch im Länder-Ranking liegt Deutschland etwas abgeschlagen auf Platz 7 hinter der Schweiz (2,8 Prozent), Frankreich (3,1), Kanada (3,2), Großbritannien (4) und Japan (6,5).

Die überproportionale Gewichtung der USA im Fonds rührt daher, dass die Unternehmen im Index nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet werden. Grundsätzlich werden nur etwa 85 Prozent der jeweiligen börsennotierten Unternehmen eines Landes abgebildet und dann nach ihrer Größe entsprechend gewichtet. Deutschland, das von einem starken Mittelstand lebt, verfügt im Vergleich zu den oben genannten Ländern über relativ wenige Großkonzerne.

Die USA dagegen stellen die vierzehn größten Unternehmen im MSCI World, nämlich (nach Größe der Position geordnet) Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Tesla, United Health, Johnson & Johnson, Meta Platforms (ehemals Facebook), Nvidia, Berkshire Hathaway, Exxon Mobile, Procter & Gamble, Visa und JP Morgan Chase. Diese Unternehmen machen mehr als 20 Prozent des Gesamtvolumens des Indexfonds aus, die restlichen knapp 1.500 Unternehmen nur rund 80 Prozent.

Diese Liste führt auch ein weiteres Problem des MSCI World vor Augen. Der Indexfonds ist dominiert von Tech-Aktien. IT-Unternehmen machen fast ein Viertel aller Aktien im Index aus (24 Prozent). Unter den vierzehn größten Unternehmen sind mit Apple, Microsoft und Nvidia drei reine IT-Unternehmen und mit Amazon, Alphabet und Meta Platforms drei weitere Unternehmen, die man im weiteren Sinne dem Technologie-Sektor zuordnen kann, die aber unter „Kommunikation“ (Alphabet und Meta) bzw. „Konsumgüter“ (Amazon) klassifiziert werden. Damit birgt der MSCI World für Privatanleger gleich zwei mögliche Klumpenrisiken, nämlich eine hohe Konzentration von US-Aktien und von Technologie-Werten.

Wie Anleger die Schwächen des MSCI World ausgleichen können

Trotz aller Kritik ist der MSCI World dennoch eine gute Wahl für Anleger, solange sie auch wissen, worauf sie sich einlassen. Wem der Fonds zu USA-lastig ist, der kann in vergleichbare Produkte investieren, die aber auch die Schwellenländer berücksichtigen. Da wäre beispielsweise der MSCI World All Country Index, der eine Mischung aus dem MSCI World und dem MSCI Emerging Markets (1.400 Aktien aus 24 Schwellenländern) darstellt. Damit wären sowohl Industrieländer als auch Schwellenländer abgebildet.

Allerdings ist auch hier das Verhältnis wieder stark in Richtung der Industriestaaten verschoben, die für knapp 89 Prozent aller Aktien im Index stehen. Im Sinne einer Risikoreduzierung ist das jedoch im Interesse der meisten, eher risikoaversen Privatanleger. In Kauf nehmen müssen Anleger dafür eine leicht schlechtere Performance des MSCI World All Country im Vergleich zu seinem populären Bruder. Eine Alternative bildet der MSCI ACWI, der 85 Prozent der weltweiten Marktkapitalisierung abbildet. In diesem Indexfonds sind 3.000 große und mittelständische Unternehmen aus 23 Industrie- und 24 Schwellenländern enthalten. Allerdings ist der Anteil der Schwellenländer-Aktien auch hier nur bei 11 Prozent, obwohl sie für knapp 40 Prozent des weltweiten BIP stehen.

Und schließlich haben Anleger immer die Möglichkeit, ihr Portfolio in die gewünschte Richtung anzupassen. Wer sein Risiko breiter streuen möchte oder wem der MSCI World zu viele US-Titel enthält, der kann zusätzlich auf ETFs mit europäischen Spitzenwerten setzen. Wem Schwellenländer unterrepräsentiert sind und wer dafür auch etwas mehr Risiko mag, der legt sich neben dem MSCI World noch den MSCI Emerging Markets ins Portfolio.

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André Jasch

                                                                            ***

André Jasch ist freier Wirtschafts- und Finanzjournalist und lebt in Berlin.  

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