Politik

Italien: Überraschende Rückendeckung für Mario Draghi

Nach seiner Rücktrittsankündigung sprechen sich über tausend Bürgermeister und die Mehrheit der Bevölkerung Italiens für den Verbleib ihres Ministerpräsidenten aus. Dabei geht es nicht ganz uneingenützig um EU-Gelder.
Autor
18.07.2022 13:00
Lesezeit: 3 min
Italien: Überraschende Rückendeckung für Mario Draghi
Verabschiedet sich Mario Draghi oder bleibt er weiterhin Premier? (Foto: dpa) Foto: Gregorio Borgia

Der Druck auf Draghi wächst: In der derzeit heiklen politischen Situation scheinen zumindest Italiens Bürgermeister den Ernst der Lage erkannt zu haben. Sie richten einen verzweifelten Appell an den regierenden Ministerpräsidenten Mario Draghi bis zum natürlichen Auslaufen seines Mandats im Frühjahr 2023 im Amt zu bleiben. Und auch 53 Prozent der Italiener seien laut einer Umfrage für einen Verbleib Draghis und seiner Regierung.

Für Italien und die einzelnen Bürgermeister im Lande steht viel auf dem Spiel. Sie fürchten insbesondere um die Gelder aus dem EU-Recovery-Fund, mit dem zahlreiche neue, moderne Infrastrukturen finanziert und marode Einrichtungen saniert werden sollen.

Die nächsten Tranchen der insgesamt über 200 Milliarden Euro von Europa für Italien sollen von Brüssel nur freigegeben werden, wenn Italien von Draghis Reformpfad nicht abweicht. Allerdings hat die verweigerte Vertrauensabstimmung der mitregierenden Fünf-Sterne-Bewegung im Senat erstmal eine Regierungskrise ausgelöst.

Dabei ging es um das Gesetzesdekret der Regierung „Aiuti“, das am 16.Juli vom italienischen Parlament in ein ordentliches Gesetz umgewandelt wurde, allerdings ohne die Beteiligung der mitregierenden 5-Sterne-Bewergung.

Das neue Gesetz

Das neue Gesetz sieht im Großen und Ganzen staatliche Beihilfen aufgrund der steigenden Preise und der Energiekrise vor. Bereits am 6. Juli hat der Ex-Premier und Leader der Fünf-Sterne-Bewegung, Giuseppe Conte, ein Dokument mit neun Punkten an Draghi weitergereicht, die er im Gesetzesdekret beanstandete. Dabei ging es unter anderem um Themen wie das bedingungslose Grundeinkommen, den Mindestlohn, um Familienhilfen, der Rückforderung von Steuergeldern sowie um den Ausstieg aus fossiler Energie und der verstärkten Nutzung erneuerbarer Energiequellen.

Die Initiative des offenen Briefes ging von Stefano De Russo, Bürgermeister von Turin, und seinem Florentiner Amtskollegen Dario Nardella aus. Zu den weiteren Koordinatoren der Initiative zählen die Bürgermeister von Venedig, Mailand, Genua, Bari, Bergamo, Pesaro, Asti und Ravenna.

„Wir die Bürgermeister“, so heißt es in dem Schreiben, „die jeden Tag zur Bewältigung und Lösung der Probleme aufgerufen sind, die unsere Bürger plagen, bitten Mario Draghi weiterzumachen und dem Parlament die Gründe zu erläutern, die es notwendig machen, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Wir brauchen jetzt mehr denn je Stabilität.“

Aber nicht nur die Bürgermeister Italiens zeigen sich in dieser für Italien zum wiederholten Male chaotischen Lage solidarisch mit Draghi, sondern auch Ex Premier Matteo Renzi, der mit seiner 2019 gegründeten Partei Italia Viva selbst in der Regierung vertreten ist. Er hat im Internet eine Petition für den Verbleib Draghis lanciert, die in wenigen Stunden von über 70.0000 Bürgern unterzeichnet wurde.

Matteo Salvini und Silvio Berlusconi bringen sich in Stellung

Er kritisiert in seiner Petition, dass die Fünf-Sterne-Bewegung auf eine unverantwortliche und absurde Weise eine Situation geschaffen habe, die in dieser heiklen internationalen wie auch nationalen Lage im Gegensatz zu den Interessen der italienischen Bevölkerung stehe.

Hingegen hat sich der Chef der rechtspopulistischen Lega, Matteo Salvini, bereits mit dem Leader von Forza Italia, Silvio Berlusconi, in dessen Villa Certosa auf Sardinien getroffen, um sich auf Neuwahlen im Herbst zu verständigen. Zumindest seien beide nicht abgeneigt, wie italienische Medien berichten.

Heute Nachmittag kommen erstmal die Abgeordneten der Fünf-Sterne-Bewegung zusammen, um ein weiteres Vorgehen in der Krise zu besprechen. Dabei gibt es auch innerhalb der Bewegung verschiedene Standpunkte. Während die sogenannten orthodoxen Verfechter, die Linie ihres Leaders Giuseppe Conte mittragen, gibt es einen gemäßigteren Flügel, der in Hinblick auf die für kommenden Mittwoch im Senat anberaumte Intervention von Draghi erstmal einen sogenannten „Waffenstillstand“, fordert. Allerdings handelt es ich dabei um eine kleine Minderheit.

Außenminister Luigi Di Maio erhebt schwere Vorwürfe geben Giuseppe Conte

Harsche Kritik an Conte übt derweil Außenminister Luigi Di Maio, der erst Ende Juni aus der Fünf-Sterne-Bewegung aufgrund von Unstimmigkeiten mit Contes Linie ausgetreten war. Er bezichtigt Conte jetzt, einen persönlichen Rachefeldzug gegen Draghi zu führen, „weil er sich selbst nicht als Ministerpräsident halten konnte.“ Und stürze das Land damit in eine Krise, die die Gefahr sozialer Unruhen und das Aufkommen einer extremen Rechten in sich berge.

Aus dem Sitz des italienischen Ministerpräsidenten, dem Palazzo Chigi in Rom, wartet man derweil noch vergeblich auf eine Stellungnahme Draghis. Als hätte sich nach seiner Ankündigung als Ministerpräsident zurücktreten zu wollen, nichts verändert, und als beobachtete er die öffentliche Debatte um seine Person erstmal von außen. Derzeit allerdings aus der Ferne. Denn, wie italienische Medien berichten, sei er heute in seinem unverkennbaren Pragmatismus nach Algerien geflogen, um dort eine Reihe wichtiger Vereinbarungen zu unterzeichnen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Industrieaktien sind heiß, diese Aktie ist der Favorit unter den Goldminen
11.10.2026

Der US-Bullenmarkt feiert nächste Woche sein vierjähriges Bestehen und hat seit dem Tiefpunkt beachtliche 117 Prozent zugelegt. Doch...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Boom außer Kontrolle: Diese sechs Gefahren bedrohen die Finanzmärkte
11.10.2026

Der KI-Boom treibt Börsenkurse, Investitionen und Bewertungen seit Jahren nach oben. Doch hinter der Euphorie wächst ein...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Das neue Projekt der DWN
11.10.2026

Ich möchte Ihnen die faszinierende Geschichte von Investor Toomas vorstellen, die mich dazu inspiriert hat, selbst in die Welt der Börse...

DWN
Finanzen
Finanzen Investment-FOMO: Warum Anleger nicht jedem Trend folgen sollten
11.10.2026

Ich las kürzlich auf Insta: „Stocks that will make you rich before 2027!! (I am only going to say that once!!).“ Drei Aktien von 12...

DWN
Immobilien
Immobilien Sachwert, Ertragswert, Vergleichswert: Wie Profis eine Immobilie bewerten
11.10.2026

Wer eine Immobilie kaufen möchte, sollte sich mit dem Vokabular rund um den Wert der Immobilie auskennen. Was Sachwert, Ertragswert und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft E-Auto kaufen oder leasen? Der Fünf-Minuten-Check
11.10.2026

Ein E-Auto kaufen klingt einfacher, als es ist. Reichweite, Laden, Leasing, Garantien und eine Fülle neuer Technik können Einsteiger...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Schutzmaßnahmen wegen KI: Deutsche Firmen auf KI-Angriffe unzureichend vorbereitet
11.10.2026

Etwa jeder zweite Betrieb nutzt Künstliche Intelligenz. Spezielle Prozesse, um das eigene Unternehmen gegen KI-gestützte Cyberangriffe zu...

DWN
Technologie
Technologie Bekannter Allrounder: 80 Jahre Unimog - wichtiger denn je?
11.10.2026

Der Unimog ist ein Allrounder: Einst auf dem Acker zur Kartoffelernte, heute bei Kommunen, Feuerwehr oder dem Militär im Einsatz. Warum er...