Politik

Energie-Krise offenbart Planlosigkeit: Scholz will jetzt Pipeline aus Portugal

Eigentlich sollte es die Pipeline von Portugal über Spanien nach Mitteleuropa längst geben. Doch das Projekt wurde gestoppt. Das rächt sich jetzt.
11.08.2022 16:00
Aktualisiert: 11.08.2022 16:00
Lesezeit: 2 min

Zur Erschließung neuer Energiequellen bringt Kanzler Olaf Scholz (SPD) den Bau einer Pipeline von Portugal und Spanien über Frankreich nach Mitteleuropa ins Spiel. Eine solche Leitung hätte gebaut werden sollen und werde nun vermisst, sagte Scholz am Donnerstag bei seiner Sommerpressekonferenz in Berlin. Diese würde jetzt „einen massiven Beitrag zur Entlastung und Entspannung der Versorgungslage“ leisten. Er habe deshalb bei seinen Kollegen in Spanien, Portugal und Frankreich sowie bei EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen „sehr dafür geworben, dass wir zum Beispiel ein solches Projekt anpacken“.

Das Projekt MidCat für eine Gaspipeline von Spanien nach Südfrankreich war vor einigen Jahren gestoppt worden, weil es aus damaliger Sicht auch wegen des billigeren Erdgases aus Russland für unwirtschaftlich gehalten wurde. Angesichts des russischen Kriegs gegen die Ukraine könnte die Pipeline aber nun dazu beitragen, Europa von russischem Gas unabhängiger zu machen. Es fehlen noch 226 Kilometer von Katalonien über die Pyrenäen bis nach Frankreich, Bauzeit mindestens zwei Jahre. Spanien möchte, dass die EU den Bau finanziert.

Bisher gibt es nur zwei kleinere Gaspipelines von Spanien über die Pyrenäen Richtung Norden mit einer Kapazität von insgesamt 8 Milliarden Kubikmetern pro Jahr. Zum Vergleich: Die wegen des Krieges gestoppte Nord Stream 2 hat eine Kapazität von mindestens 55 Milliarden Kubikmetern.

Flüssiggas oder Wasserstoff?

Der Schlussfolgerung, dass der Bau von Leitungen zur Verfestigung des Verbrauchs fossiler Rohstoffe führe, widersprach Scholz. Das sei ein „Irrtum“. In Zukunft könnten Terminals und Leitungen, die für den Import von Flüssiggas (LNG) entstehen, für die Einfuhr von Wasserstoff genutzt werden. Wasserstoff werde künftig ein wichtiger Rohstoff für die Industrie und solle in Deutschland im großen Stil hergestellt werden. Für den entsprechenden Prozess – die sogenannte Elektrolyse – sei ein Boom nötig. Dafür braucht es Strom.

„Wir haben ja gar nicht so viel Zeit, denn wir wollen ja schon 2045 CO2-neutral wirtschaften“, sagte der Kanzler. Das bedeutet nur noch so viele Treibhausgase auszustoßen, wie auch wieder gebunden werden können. Dafür sei Strom wichtig. Derzeit würden 600 Terrawattstunden gebraucht, zum Ende des Jahrzehnts würden es 800 und bis Ende des übernächsten Jahrzehnts wahrscheinlich etwa 16.000 Terrawattstunden, damit die Industrie CO2-neutral wirtschaften könne. Dafür müssten die erneuerbaren Energien weiter ausgebaut werden.

Der größte Gaslieferant Spaniens ist Algerien. Infolge von diplomatischen Streitigkeiten zwischen Madrid und Algier fiel der Anteil der Lieferungen des nordafrikanischen Landes an den spanischen Gaseinfuhren innerhalb eines Jahres von knapp 50 auf zuletzt 29 Prozent für den Zeitraum zwischen August 2021 und Juli 2022. Im Gegenzug wurden Importe aus den USA mit zuletzt gut 28 Prozent wichtiger. Dahinter folgten Nigeria mit 14 und Russland mit 9 Prozent. Spanien importiert in erster Linie Flüssiggas. Das Land hat sechs LNG-Terminals, in denen Flüssig- in Erdgas umgewandelt wird. Sein Land könne Gas in die EU exportieren, hob Ministerpräsident Pedro Sánchez jüngst hervor.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Landgericht Frankfurt entscheidet: Meta muss für betrügerische Social-Media-Anzeigen haften
17.09.2026

Fake-Werbung auf Plattformen wie Facebook und Instagram bleibt für Meta nicht länger ohne rechtliche Folgen. Nach einer Entscheidung des...

DWN
Politik
Politik Unerwartete Wende: Russland behält Kontrolle über wichtige Basen am Mittelmeer
17.09.2026

Nach dem Sturz von Bashar al-Assad schien Russlands militärische Präsenz in Syrien infrage zu stehen. Doch nun zeigt sich eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Anleger plötzlich profitieren können
17.09.2026

Die Ruhe an Europas Energiemärkten war offenbar nur geliehen. Öl und Gas verteuern sich wieder, die Inflation bleibt hartnäckig und die...

DWN
Panorama
Panorama Zuwanderung bremst Trend: Immer mehr Menschen in Deutschland leben wieder in Familien
17.09.2026

Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland wohnt zusammen mit Eltern oder Kindern in einem Haushalt. Nach einer langen Phase des...

DWN
Politik
Politik Überwachung und Chat-Weitergabe: BGH lässt EuGH-Datenschutzregeln im Privatleben klären
17.09.2026

Darf man Angehörige heimlich filmen oder private WhatsApp-Nachrichten an Dritte weiterleiten? Zwei verfahrene Alltagsstreitigkeiten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Comeback mit Verbrennungsmotoren: Volvo schaltet auf gemischten Antrieb um
17.09.2026

Volvo will den Weg aus der Krise schaffen und setzt dabei wieder verstärkt auf Verbrenner. Neue Fahrzeugmodelle sollen dem schwedischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gewerkschaftsstudie: Gesenkte Gastronomie-Mehrwertsteuer bringt Gästen keine Preisvorteile
17.09.2026

Seit Jahresbeginn gilt für Restaurantspeisen der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Trotzdem verzeichnen Verbraucher...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Industrie: Fertigungssektor verzeichnet historischen Höchststand bei Auftragsreserven
17.09.2026

Der krisenerschütterte Industriesektor blickt dank prall gefüllter Orderbücher optimistischer auf eine mögliche Überwindung der...