Deutschland

Schock an der Tankstelle: E10 kostet wieder über 2 Euro

Lesezeit: 3 min
01.09.2022 17:16  Aktualisiert: 01.09.2022 17:16
Die Spritpreise sind zum Monatsbeginn massiv in die Höhe geschnellt. Ursache ist das Auslaufen des Tankrabatts. Der ADAC schimpft dennoch auf die Konzerne.
Schock an der Tankstelle: E10 kostet wieder über 2 Euro
Der Donnerstag begann für viele Autofahrer mit einer bösen Überraschung. (Foto: dpa)
Foto: Felix Hörhager

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Dass Sprit teurer wird, war klar - nur wie stark und schnell die Preise nach dem Ende des sogenannten Tankrabatts steigen, stand noch nicht fest. Nun haben Autofahrerinnen und Autofahrer Gewissheit: Nach einer Schätzung des ADAC kostete Superbenzin der Sorte E10 am Donnerstag im bundesweiten Durchschnitt gegen 15.00 Uhr etwa 22 Cent mehr als am Vortag. Beim Diesel gab es demnach ein Plus von etwa 8 Cent. Am Morgen waren die Kraftstoffpreise laut ADAC noch etwas höher gewesen.

In den vergangenen zwei Wochen waren die Spritpreise bereits wieder deutlich gestiegen. Am Mittwoch, dem letzten Tag der als «Tankrabatt» bezeichneten Steuersenkung auf Kraftstoffe, hatte ein Liter E10 laut ADAC im Schnitt 1,792 Euro gekostet, ein Liter Diesel 2,086 Euro. Das war den Angaben nach der höchste Wert im Monat August. Mit dem «Tankrabatt» hatte die Bundesregierung die Energiesteuer für drei Monate auf das von der EU erlaubte Mindestmaß gesenkt. Rechnerisch könnte der Preis für Super E10 durch die Aufhebung um 35 Cent und für Diesel um 17 Cent steigen.

Die Einführung des «Tankrabatts» stand unter dem Eindruck eines Allzeithochs bei den Benzin- und Dieselpreisen. Mit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine waren sie innerhalb weniger Tage deutlich in die Höhe geschnellt. Am 11. März kostete ein Liter Diesel 2,321 Euro - der seitdem gültige Rekord. Bei E10 wurde der bisherige Höchstwert mit 2,203 weniger Tage später am 14. März erreicht.

Nach diesen Rekordwerten entspannte sich die Lage wieder etwas, dauerhaft unter 2 Euro pro Liter sanken die Preise aber erst nach dem Eintritt der Steuersenkung am 1. Juni. Es folgte ein langanhaltender Sinkflug, am 12. August fiel der Preis für Super E10 sogar auf 1,691 Euro - der niedrigste Wert seit Januar. Doch danach ging es wieder bergauf mit dem Benzin- und Dieselpreis, bis hin zum Preissprung am 1. September.

Für diesen jüngsten Preisanstieg gebe es aus ADAC-Sicht keine Grundlage, sagte ADAC-Sprecherin Katrin van Randenborgh. Die Preisgestaltung der Konzerne hatte seit März immer wieder Diskussionen ausgelöst - vor allem, ob die Konzerne die Steuersenkung wirklich an die Kunden weitergeben. Auch am Ende des Rabatts gehen die Meinungen darüber weiter auseinander. «Die Energiesteuersenkung wurde umfassend weitergegeben», sagte Adrian Willig, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbands Fuel und Energie (EN2X), dem Unternehmen wie BP, Shell, Totalenergies und Eni angehören.

«Gründe aktueller Preissteigerungen sind eine gestiegene Nachfrage, knappe Kapazitäten in Raffinerien und logistische Herausforderungen», sagte Willig weiter. Ähnlich sieht das der Experte Manuel Frondel vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung: Der Rabatt sei «im Wesentlichen» weitergegeben worden, sagte er - allerdings hätten Sonderfaktoren wie das Niedrigwasser im Rhein seine Wirkung dann wieder geschmälert.

Der ADAC sieht das anders: «In der Gesamtbilanz stellen wir fest, dass die Steuersenkung nicht vollständig beim Verbraucher angekommen ist», sagte Jürgen Albrecht, Spritpreisexperte des Clubs, der Deutschen Presse-Agentur. «Angesichts der niedrigen Besteuerung und des zuletzt niedrigen Ölpreises war das für die Branche schon sehr auskömmlich, das sieht man ja auch an den Quartalszahlen der großen Konzerne und den Rekordmargen der Raffinerien.» EN2X hält dagegen: Maßgeblich für die Preisentwicklung an den Tankstellen seien die Großhandelspreise, nicht die Rohölpreise.

Seit Dienstag waren die Ölpreise deutlich gesunken. Donnerstagmittag kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 93,54 US-Dollar. Das waren 2,10 Dollar weniger als am Vortag. Normalerweise bewegen sich Sprit- und Ölpreise relativ ähnlich, doch derzeit sind sie weitgehend entkoppelt. «Autos tanken aber nicht mit Öl. Entscheidend ist der Produktpreis für Benzin», betonte ein Sprecher von EN2X.

Der Ölpreis ist normalerweise der wichtigste Treiber bei den Veränderungen der Spritpreise. Er macht aber nur einen Teil der Kosten an der Zapfsäule aus. Auch die Besteuerung und die Vertriebskosten bestimmen die Kraftstoffpreise.

Allerdings sieht auch das Bundeskartellamt die Preisgestaltung auf dem Treibstoffmarkt sehr kritisch: Es gebe dort nur relativ wenige Unternehmen, und vielfach seien sie vom Bohrloch bis zur Tankstelle aktiv, was ihnen bei der Preissetzung viele Möglichkeiten gebe, sagte Andreas Mundt, Präsident der Wettbewerbsbehörde, am Dienstag. «Wir werden weiter ganz genau hinsehen und darüber informieren, wie sich die Preise entwickeln und was passiert, wenn die Steuerermäßigung zum 1. September wegfällt.»

Bereits im März hatte das Kartellamt angekündigt, die Branche insgesamt genauer unter die Lupe zu nehmen - vor allem mit Blick darauf, was zwischen Rohöleinkauf und Tankstellenverkauf passiert. Der ADAC begrüßt das ausdrücklich: «Da brauchen wir dringend mehr Transparenz», sagte Spritpreis-Experte Albrecht.

Aus Sicht des Ökonomen Johannes Schwanitz vom Institut für Technische Betriebswirtschaft der Fachhochschule Münster hat die Mineralölwirtschaft «beträchtliche Margensteigerungen» nach Einführung des «Tankrabatts» verbucht und so ihre Gewinnspanne erhöht. «Natürlich sind die Preise für die Konsumenten gefallen, aber die Mineralölwirtschaft hat erheblich von der Steuersenkung profitiert», sagte Schwanitz, der Kraftstoffmarkt-Daten analysiert, nach Angaben des «Spiegel». Der Mineralöl-Wirtschaftsverband en2x sprach laut «Spiegel» von nicht nachvollziehbaren Berechnungen und verwies darauf, dass sich viele Kosten deutlich erhöht hätten.

Trotz deutlich steigender Preise will sich - anders als beim 9-Euro-Ticket - aber kein echter Abschiedsschmerz beim Tankrabatt einstellen. Selbst der ADAC fordert keine Fortsetzung, im Gegenteil. Das wäre in Zeiten knapper Kraftstoffe und guter Gründe fürs Spritsparen das falsche Signal, hieß es.

Branchen wie die Logistik, die unter generell hohen Energiepreisen leiden, weinen dem Rabatt ebenfalls kaum eine Träne nach. «Der Tankrabatt hat uns als Branche nicht weitergeholfen», sagte der Vorstandssprecher beim Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), Dirk Engelhardt. Die nun wieder steigenden Dieselpreise seien aber natürlich eine zusätzliche Belastung, die für die Unternehmen kaum zu kompensieren sei. «Das wird am Ende der Verbraucher über höhere Preise bezahlen müssen.» (dpa)


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Anleger suchen Fluchtwege aus den crashenden Märkten

Aktien, Anleihen und viele andere Anlageklassen verzeichnen dieses Jahr massive Verluste. Doch es gibt auch starke Gewinner, die sich den...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Die nächste Energiekrise kündigt sich schon an

Europa steht sicherlich vor einem kalten Winter. Doch die wahre Energiekrise wird erst im nächsten Jahr beginnen, wenn die Speicher leer...

DWN
Politik
Politik Wie der Rechtsruck in Europa unsere Demokratie bedroht

Europas Staaten rücken nach rechts – aus unterschiedlichen Gründen. Es eint der Gedanke, dass ein starker Mann oder eine starke Frau...

DWN
Politik
Politik Russland dreht Italien das Gas ab

Gazprom hat am Samstag die Erdgas-Lieferungen nach Italien eingestellt. Damit wird die Energiekrise in Europa weiter verschärft.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Aktienmarkt verzeichnet längste Verlustserie seit dem Crash von 2008

Der US-Aktienmarkt ist nun drei Quartale in Folge gefallen. Auch der noch viel größere Anleihenmarkt bricht ein. Investoren glauben, dass...

DWN
Finanzen
Finanzen Der Preis der verringerten Glaubwürdigkeit der Fed

Die Reaktion der Finanzmärkte auf die jüngsten geldpolitischen Schritte der US-Notenbank sorgen bei vielen Beobachtern für...

DWN
Deutschland
Deutschland Unerlaubte Einreisen nach Deutschland massiv angestiegen

Die Zahl der unerlaubten Einreisen nach Deutschland hat sich in diesem Jahr fast verdoppelt. Laut Bundespolizei liegt der Brennpunkt an der...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Braunkohle-Kraftwerke dürfen wieder Strom erzeugen

Fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcke sind aus der Sicherheitsbereitschaft geholt worden. Nun können die Betreiber die Anlagen wieder an den...