Finanzen

Niedrige Sparquote: Erbschaftssteuer und Gießkanne helfen kaum

Die Ungleichheit unter deutschen Sparern gilt als eine der höchsten in Europa. Gegenüber den DWN zeigt RWI-Ökonom Robin Jessen die Komplexität des Themas auf – und warnt vor einfachen Lösungen.
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13.09.2022 09:08
Lesezeit: 4 min
Niedrige Sparquote: Erbschaftssteuer und Gießkanne helfen kaum
Keine Chance zu Sparen: In fast keinem anderen Industrieland ist die Versteuerung von Vermögen so gering und Einkommen aus Arbeit so hoch wie Deutschland. (Foto: dpa) Foto: Patrick Pleul

Den Deutschen geht es finanziell an die Substanz. Diesen Eindruck bekam nicht nur, wer jüngst las, wie Sparkassen-Präsident Helmut Schleweis gegenüber der Welt am Sonntag betonte: „Wir rechnen damit, dass wegen der deutlichen Preissteigerung perspektivisch bis zu 60 Prozent der deutschen Haushalte ihre gesamten verfügbaren Einkünfte – oder mehr – monatlich für die reine Lebenshaltung werden einsetzen müssen.“ Längst sind die gestiegenen Energiepreise und die Inflation im Portemonnaie des Einzelnen spürbar geworden.

Doch wer noch Rücklagen zu verlieren hat, dem geht es vergleichsweise gut. So jedenfalls die Botschaft des Ökonomen Marcel Fratzscher, der das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin leitet. In einem vielfach geteilten Twitter-Thread erklärte Fratzscher: „60 Prozent der Menschen in Deutschland können in dieser Krise nicht sparen — so neue Berichte. Das zentrale Problem ist aber ein anderes: 40 Prozent der Menschen haben heute fast keine Ersparnisse, also nichts, um sich gegen die hohe Inflation abzusichern.“

DIW-Chef beklagt Ungleichheit bei der Sparquote

Die Deutschen, so der DIW-Chef, sparten viel mehr als andere Europäer, jedoch hätten viele Deutsche eben auch wenige oder keine Ersparnisse. „Die Ungleichheit bei der Sparquote“, betont Fratzscher, „ist mit die höchste in Europa.“ Die unteren 40 Prozent sparten faktisch nichts, während das reichste Prozent 35 % sparen könne. Das spiegele sich auch in den absoluten Sparbeträgen wider: „Während das untere Einkommensdrittel nichts spart, sondern sich verschuldet, können die obersten 10 Prozent größere Geldbeträge auf die Seite legen.“

Dafür führt Fratzscher vier Gründe ins Feld. Erstens erlebten Menschen mit geringen Einkommen individuell eine drei bis vier Mal höhere Inflation, weil sie einen viel höheren Anteil ihres Einkommens für Dinge ausgeben müssten, die sich besonders stark verteuert hätten. Zweitens steige die Ungleichheit bei den Einkommen, vor allem weil Deutschland einen „ungewöhnlich großen“ Niedriglohnbereich habe und sehr viele einkommensschwache Haushalte nur mit wenigen Stunden in Teilzeit arbeiten würden.

Hauptproblem Einkommensungleichheit?

Drittens besteuere, so Fratzscher, fast kein anderes Industrieland Vermögen so gering und Einkommen aus Arbeit so hoch wie Deutschland. „Daher ist der Aufbau von Ersparnissen durch Arbeit gerade in Deutschland ungewöhnlich schwer.“ Viertens schließlich würde mehr als die Hälfte aller privaten Vermögen in Deutschland heute „ererbt und nicht erarbeitet“, während Menschen mit geringen Erwerbseinkommen in den allermeisten Fällen wenig bis nichts erbten.

Laut Fratzscher also das Hauptproblem: „Dass ungewöhnlich viele Menschen in Deutschland nicht sparen können, weil sie jeden Euro ihres Einkommens für den täglichen Lebensunterhalt benötigen.“ Ist die Sparungleichheit also vor allem auf eine hohe Einkommensungleichheit in Deutschland zurückzuführen? Robin Jessen, Ökonom am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung rückt gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten jedoch andere Gründe in den Mittelpunkt – so die staatliche Rentenversicherung.

„Vermögensverteilung in Deutschland gleicher als es scheint“

Während in anderen Ländern Arbeitnehmer durch eigene Ersparnisse für das Alter vorsorgen müssten, sei das in Deutschland nicht in gleichem Maße erforderlich. Stattdessen würden Arbeitnehmer in die Rentenversicherung einzahlen, erklärt Jessen. „Unter anderem deshalb ist die Abgabenquote in Deutschland recht hoch, was den Aufbau von Vermögen erschwert.“ Addiere man die erworbene Rentenansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung zu den Vermögen der Haushalte, sei die Vermögensverteilung in Deutschland „gleicher als sie zunächst erscheint“.

„Allerdings können die Haushalte auf diese Rentenansprüche nicht vor dem Renteneintritt zugreifen“, stellt Jessen fest. Ein weiterer Grund sei, dass vergleichsweise viele Menschen in Deutschland zur Miete wohnten, während in anderen Staaten der Anteil der Wohnungsbesitzer höher sei. Gleichsam betont Jessen: „Hierbei ist zu bedenken, dass auch Wohnungsbesitzer ihr Vermögen in Notlagen nicht unmittelbar verkonsumieren können.“ Zudem biete das Wohnen zur Miete auch höhere Flexibilität.

Hohe Erbschaftssteuer könnte sich negativ auswirken

Zu den Thesen Fratzschers erklärt Jessen: „Es ist richtig, dass Einkommensungleichheit generell mit unterschiedlich hohen Ersparnissen einhergeht. Die Einkommensungleichheit in Deutschland ist im internationalen Vergleich allerdings nicht auffällig.“ "“Vielleicht überraschenderweise“ würden Erbschaften die Vermögensungleichheit sogar senken. „Der Grund ist, dass selbst vergleichsweise geringe Erbschaften die Vermögen von Menschen mit geringem Einkommen merklich erhöhen“, so Jessen Für Menschen mit hohen eigenen Ersparnissen würden Erbschaften hingegen im Durchschnitt weniger ins Gewicht fallen.

„Würde man lediglich sehr hohe Erbschaften stärker besteuern, hätten potenzielle Erblasser sehr hoher Vermögen potenziell einen stärkeren Anreiz, ihr Vermögen zu konsumieren“, führt Jessen aus. „Dadurch würden ihre Ersparnisse und Vermögen sinken und damit auch die Vermögensungleichheit.“ Infolgedessen würde allerdings auch die gesamtwirtschaftliche Sparquote sinken, was sich wiederum negativ auf Investitionen und schließlich auf Löhne auswirken könne. Ganz so einfach verhält es sich mit der Ungleichheit bei Erspartem, Einkommen und Vermögen also nicht. Doch was tun?

Jessen warnt vor Gießkannen-Zahlungen

Jessen betont: „Die Politik kann in diesem Fall nicht allen Bürgern helfen.“ Wenn Importe, wie in der aktuellen Situation etwa Gas, teurer würden, verarme Deutschland insgesamt und die Menschen könnten weniger konsumieren. Daher müssten Hilfen zielgerichtet und möglichst ausschließlich an diejenigen Haushalte erfolgen, die durch die Inflation in materielle Not geraten seien, schlägt Jessen vor. „Versucht der Staat hingegen, etwa durch Geldzahlungen an alle Bürger, allen zu helfen, steht einer begrenzten Zahl von Gütern eine größere Nachfrage entgegen. Dadurch würde die Inflation nur weiter steigen.“

Sätze, die vor allem in Berlin gehört werden sollten. Denn langfristig können Gießkannen-Zahlungen wie die Energiepreispauschale oder ÖPNV-Finanzierung aus Staatskassen wie im Falle des 9-Euro-Tickets der deutschen Volkswirtschaft nicht auf die Beine helfen. Auch wenn sie die Not der Bürger für heute lindern mögen, so dürfte die Freude über derlei kurzfristige Entlastung nicht lange weilen. Gleichzeitig startet die deutsche Bundesregierung bereits wieder eine großangelegte Entlastungsoffensive, die 65 Millionen Euro kosten soll.

Und obwohl die ersten Stimmen hierbei bereits von einem „Bluff“ sprechen und monieren, dass manche der Vorhaben ohnehin angedacht gewesen wären, scheint Berlin in der Tendenz vorerst dabei zu verbleiben, Fische statt Angeln zu verteilen.

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