Wirtschaft

Tschechien: Finanzminister schlägt Übergewinnsteuer vor

Um die Inflation in den Griff zu bekommen sucht Tschechien nach Lösungen. Finanzminister Zbynek Stanjura bringt nun eine Übergewinnsteuer ins Spiel.
07.10.2022 14:47
Aktualisiert: 07.10.2022 14:47
Lesezeit: 3 min

Tschechien überlegt bei der Bekämpfung der Inflation auf eine Übergewinnsteuer zu setzen. Das tschechische Finanzministerium schlug am Donnerstag eine satte Steuer von 60 % auf Überschüsse im Energiesektor vor, wie die Medien berichteten - ein aggressiver Schritt, selbst im Hinblick auf Steuern auf unerwartete Gewinne.

Betroffen wären Strom- und Gaserzeuger

Finanzminister Zbynek Stanjura sagte auf einer Pressekonferenz am Donnerstag, dass die vorgeschlagene Steuer auf überschüssige Gewinne aus dem Energiesektor von 2023 bis 2025 erhoben werden soll und im nächsten Jahr 3,4 Milliarden Dollar und in den drei Jahren insgesamt 6 Milliarden Dollar einbringen soll. Es ist zu erwarten, dass Stanjura dem tschechischen Parlament seinen Vorschlag unterbreiten wird. Ob die Übergewinnsteuer dann wirklich umgesetzt wird entscheidet das Parlament in einem Votum.

Sollte der Vorschlag angenommen und die Übergewinnsteuer eingeführt werden, dann rechnet die tschechische Regierung laut Bloomberg mit Einnahmen aus der neuen Abgabe in Höhe von etwa 85 Milliarden Kronen im nächsten Jahr, 39 Milliarden Kronen im Jahr 2024 und 25 Milliarden Kronen im Jahr 2025. Eine Vereinbarung der Europäischen Union erlaubt es den Mitgliedern zwar, die Steuer auch rückwirkend für dieses Jahr zu erheben, doch ist dies nach tschechischem Recht möglicherweise nicht möglich, wie Stanjura schilderte

Von der Übergewinnsteuer betroffen wären Strom- und Gaserzeuger, -verteiler und -händler, Petrochemieunternehmen, Großhändler für Brennstoffe und Bergbauunternehmen für fossile Brennstoffe. Hier sieht Stanjura hohe Gewinne, wie er am Donnerstag erklärt: „Einige Bereiche unserer Wirtschaft, wie die Energie-, Banken- und petrochemische Industrie, erwirtschaften hohe außerordentliche Gewinne. Ich halte es für klug, dass der Staat außerordentliche Mittel einsetzt, um diese außerordentlichen Ausgaben in der Energiekrise zu decken.“ Der Punkt, an dem Gewinne zu Überschussgewinnen werden, wird durch den Durchschnitt der Gewinne der letzten vier Jahre plus 20 % bestimmt. Zu diesen Jahren gehören insbesondere die Jahre während der Corona-Pandemie

Haushaltsdefizit von 11,5 Milliarden US-Dollar

Die tschechische Regierung hat vor kurzem ihren Haushaltsentwurf für 2023 mit einem Defizit von etwa 11,5 Milliarden US-Dollar verabschiedet, was zumindest teilweise auf höhere geplante Ausgaben aufgrund der hohen Energiepreise in Europa und auf Obergrenzen für die Energiepreise für Haushalte und kleine Unternehmen zurückzuführen ist.

Der Vorschlag für eine solche Abgabe ist nicht der erste, der auftaucht, da die Länder versuchen, hohen Defiziten und einer galoppierenden Inflation entgegenzuwirken und die derzeitigen Energiebedingungen für Industrie und Bürger erträglicher zu gestalten.

So schlug die Europäische Kommission im September eine EU-weite Gewinnsteuer in Höhe von 33 % auf Gewinne vor, die 20 % über dem Dreijahresdurchschnitt für alle Unternehmen mit fossilen Brennstoffen liegen. Argentinien hatte die Idee eine Steuer in Höhe von 15 % für Unternehmen einzuführen, die im Jahr 2022 einen Gewinn von mehr als 1 Milliarde Pesos (etwa 8,3 Millionen Dollar) erzielen und deren Gewinnspanne entweder real mehr als 10 % oder 20 % höher ist als im Jahr 2021.

Vorbild Thatchers „Windfall Tax“

Die seit einem Jahr amtierende fiskalkonservative Regierung von Premierminister Petr Fiala hatte ursprünglich versprochen, keine Steuern zu erhöhen und stattdessen das pandemiebedingte Haushaltsdefizit durch Ausgabenkürzungen zu verringern. Nun findet also ein Umdenken statt. Stanjura zitierte am Donnerstag auf der Pressekonferenz, die von der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980er Jahren den britischen Banken auferlegte „Windfall Tax“ als Inspiration für die tschechische Abgabe: „Das ist wirklich kein linkes oder sozialistisches Projekt, wie einige Kritiker behaupten. Es handelt sich um einen zeitlich begrenzten Steuerzuschlag auf außerordentliche Gewinne, die Unternehmen ohne zusätzlichen Aufwand erzielt haben.“

Die Verbindung zwischen London und Prag scheint in den Energiekrisenzeiten gut zu funktionieren. So erörterte die britische Premierministerin Liz Truss am Donnerstag mit dem tschechischen Premierminister, wie die beiden Länder „zusammenarbeiten könnten, um die Energieversorgung langfristig zu sichern, einschließlich der Zusammenarbeit bei der Kernenergie und den erneuerbaren Energien“, so ein Sprecher der Downing Street, der von Reuters zitiert wird.

Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die Firmen hinter den Casino-Webseiten: Wie groß ist das Netzwerk wirklich?

Wer ein Online Casino besucht, sieht zunächst eine eigenständige Marke. Eigener Name, eigene Webseite, andere Bonusangebote und teilweise...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Geldanlage mit KI: Ist mit diesen KI-Tools die schnelle Algorithmen-Rendite möglich?
22.08.2026

KI analysiert Finanzdaten schneller als jeder Analyst. Doch bringen lernende Algorithmen und die Geldanlage mit KI am Ende wirklich mehr...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mini Countryman im Test: Viel Platz, viel Leistung, hoher Preis
22.08.2026

Der Mini Countryman JCW ALL4 verbindet viel Platz mit sportlicher Leistung und auffälligem Auftritt. Der mittelgroße SUV überzeugt mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Forscher warnen: Rekordwärme in Europas Meeren geht auf Klimawandel zurück
22.08.2026

Fast überall an Europas Küsten ist das Meerwasser extrem warm. Ohne den Klimawandel wären solche Temperaturen praktisch unmöglich,...

DWN
Panorama
Panorama Deutsche schlafen zu wenig: Vier von zehn Menschen betroffen
22.08.2026

Weniger als sieben Stunden Schlaf pro Nacht? Experten zufolge ist das zu kurz. In Deutschland trifft das aber auf viele Menschen zu. Vor...

DWN
Politik
Politik Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: SPD kämpft ums Überleben – und rüttelt an der Wahlhürde
22.08.2026

Drei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt dümpelt die SPD bei mageren 5 bis 7 Prozent und kämpft um ihr politisches Überleben....

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Indizes legen bei geringem Handelsvolumen leicht zu und Krypto feiert Comeback
21.08.2026

Ein scheinbar ruhiger Handelstag bringt überraschende Dynamik an die Finanzmärkte.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preiskrieg bei chinesischen Autos wird zur Milliardenfalle
21.08.2026

China verkauft immer bessere Elektroautos zu immer niedrigeren Preisen. Was Käufer freut, frisst die Margen der Hersteller, drückt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Gasspeicher unter Druck: Wann steuert Deutschland gegen?
21.08.2026

Europas Gasspeicher sind deutlich leerer als in den vergangenen Jahren. Dahinter steckt kein bloßes Versäumnis, sondern ein Gasmarkt, der...