Wirtschaft

G7 will Tempo beim fossilen Ausstieg, doch der Weg dorthin bleibt umstritten

Die G7-Minister reden von „einem großen Schritt nach vorn“. Tokios Klima-Pläne sorgen jedoch für Ärger.
21.04.2023 17:18
Aktualisiert: 21.04.2023 17:18
Lesezeit: 3 min
G7 will Tempo beim fossilen Ausstieg, doch der Weg dorthin bleibt umstritten
Die G7-Gruppe in Sappora, Japan. Die Staaten wollen bis 2050 Netto-Null Emission erreichen. (Foto: dpa) Foto: Hiro Komae

Die sieben großen Industriestaaten (G7) haben sich bei ihrem jüngsten Gipfeltreffen in der nordjapanischen Stadt Sapporo dazu verpflichtet, Tempo zu machen beim schrittweisen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und bei der Umstellung auf erneuerbare Energien.

Doch einen festen Zeitplan für die schrittweise Stilllegung von Kohlekraftwerken und Details, wie genau der Beschluss in die Praxis umgesetzt wird, gibt es noch nicht. Der Financial Times zufolge waren der Vereinbarung wochenlange, schwierige Verhandlungen zwischen Japan und anderen Mitgliedstaaten vorausgegangen wegen Meinungsverschiedenheiten über die Durchführbarkeit eines zentralen Teils der japanischen Klimastrategie. Auch gab es heftige Kritik von verschiedenen Klimagruppen, dass die G7-Staaten nach der Ukraine-Krise von ihren Klimazielen abrücken.

Den G7 gehören neben Deutschland und Japan auch Frankreich, Italien, Kanada, die USA und Großbritannien an. China und Indien, die zu den drei größten Treibhausgasemittenten der Welt gehören, sind nicht Mitglieder der G7. Einem aktuellen Bericht des World Resources Institute (WIR) zufolge tragen die drei größten Treibhausgas-Emittenten der Welt – China, die USA und Indien – zu 42,6 Prozent der Gesamtemissionen in der Welt bei, während die untersten 100 Länder nur 2,9 Prozent beitragen.

Im Hintergrund: Schwierige Verhandlungen mit Japan

Laut der Financial Times stieß Japan bei zentralen Teilen seiner Klimastrategie auf erheblichen Widerstand von anderen G7-Staaten. Tokio hatte sich bemüht, eine zentrale Rolle bei der Finanzierung der Umstellung auf sauberere Energieformen in Asien – welches für etwa die Hälfte der weltweiten Kohlenstoffemissionen verantwortlich ist – zu spielen. Der Klimaplan, unter dem Namen GX, wurde jedoch von Beamten und Umweltgruppen kritisiert, weil dieser auf Ammoniak als kohlenstoffarme Energiequelle neben Gas oder Kohle setzt, um die Emissionen bestehender Kraftwerke zu reduzieren.

Die G7-Mitgliedsstaaten stellten die Realisierbarkeit von Ammoniak im Rahmen von Japans Ambitionen in Frage, Asiens Übergang zu Netto-Null-Emissionen zu erleichtern. Obwohl Ammoniak selbst kein Treibhausgas ist, hängt seine Herstellung stark von fossilen Brennstoffen ab und ist noch nicht wirtschaftlich rentabel.

Gipfel-Verpflichtungen

In ihrem Abschlusskommuniqué verpflichteten sich die G7-Staaten „den Ausstieg aus den unverminderten fossilen Brennstoffen zu beschleunigen, um bis 2050 einen Netto-Nullpunkt in den Energiesystemen zu erreichen“. Die Financial Times berichtet, dass Japan sich in früheren Entwürfen gegen die Aufnahme des Satzes ausgesprochen hatte, doch Großbritannien, Deutschland und Frankreich die Aufnahme doch noch erfolgreich verhandeln konnten. Die Staaten verpflichteten sich außerdem, die Offshore-Windkapazitäten bis 2030 gemeinsam um 150 Gigawatt und die Solarkapazitäten auf mehr als 1 Terawatt zu erhöhen.

Fernsehsender NTV zufolge sprach Frankreichs Energieministerin Agnès Pannier-Runacher von „einem großen Schritt nach vorn“. Pannier-Runacher sagte der wichtigste Fortschritt der G7-Minister sei, dass „wir uns darauf geeinigt haben, von fossilen Brennstoffen ohne Kohlenstoffausgleich wegzukommen“.

Kritik: Keinen genauen Zeitplan

Laut Umweltgruppen war die endgültige Vereinbarung weitaus ehrgeiziger als frühere Entwürfe der G7 bei der Bewältigung der Klimakrise, doch Mitgliedstaaten hätten es wieder verpasst, einen genauen Zeitplan für den Ausstieg aus der Kohleverstromung festzulegen. Es gab anhaltenden Widerstand von Seiten Japans, welches nach dem Reaktorunglück von Fukushima Daiichi im Jahr 2011 seine Abhängigkeit von Kohle, Erdgas und Öl erhöht hat.

In der Financial Times hieß es, dass Tokio sich für den Einsatz von Ammoniak als kohlenstoffarme Energiequelle neben Gas oder Kohle eingesetzt, um die Emissionen aus der bestehenden Infrastruktur für fossile Brennstoffe zu verringern. Japans Ansatz ist jedoch unter Beschuss von Umweltgruppen und Wissenschaftlern geraten. Sie warnen, dass ein rascher Ausstieg aus der Kohle notwendig ist, wenn die Welt die Ziele des Pariser Abkommens erreichen soll, in dem sich die Länder darauf geeinigt haben, den globalen Temperaturanstieg auf weniger als 2 Grad Celsius und idealerweise auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

Das 36-seitige Dokument, das nach dem Gipfeltreffen veröffentlicht wurde, bekräftigte die Verpflichtung der G7 „bis 2035 einen vollständig oder überwiegend dekarbonisierten Energiesektor zu erreichen“, doch die Formulierung ließ die Möglichkeit offen, weiterhin fossile Brennstoffe zu nutzen.

„Indem sie sich nicht zur vollständigen Dekarbonisierung des Stromsektors, zur Senkung der Emissionen des Straßensektors und zur völligen Abschaffung der internationalen Finanzierung fossiler Brennstoffe verpflichtet haben, haben die Minister wirklich eine Gelegenheit verpasst, eine Führungsrolle bei der Bewältigung des Klimanotstands zu übernehmen“, betonte Alden Meyer, Leitender Angestellter bei Klimaberatung E3G der Financial Times gegenüber.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold erlebt ein Comeback: Wie das MTS Money Transfer System Sicherheit und digitale Freiheit verbindet

Steigende Staatsverschuldung, Inflation und geopolitische Spannungen stärken die Bedeutung von Gold als Vermögenswert. Das MTS Money...

Vera von Lieres

Vera von Lieres gehört seit September 2022 zum DWN-Team und schreibt als Redakteurin über die Themen Immobilien und Wirtschaft. Sie hat langjährige Erfahrung im Finanzjournalismus, unter anderem bei Reuters und führenden Finanzmedien in Südafrika. Außerdem war sie als Kommunikations- und Marketing-Spezialistin bei internationalen Firmen der Investment-Branche tätig.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Drohnen-Shows: Das Start-up Skydance will mit 1.000 Drohnen Europas Himmel erobern
30.10.2026

400 Drohnen über einem Megafestival, ein QR-Code am Himmel und bald eine Flotte mit 1.000 Fluggeräten: Das slowenische Unternehmen...

DWN
Finanzen
Finanzen Verwirrung bei Rentenzahlung: Wer das November-Geld bekommt – und wem ein Zahlungsstopp droht
30.10.2026

An diesem Freitag werden die gesetzlichen Renten überwiesen. Doch die Zahlung betrifft je nach Rentenbeginn unterschiedliche Monate. Für...

DWN
Finanzen
Finanzen Wenn Paris brennt, denkt man an Anlageratschläge, Straßen und Blut
30.10.2026

Kann ein brennendes Paris gute Nachrichten für Anleger bedeuten? Auf den ersten Blick klingt diese Frage zynisch. Doch an den...

DWN
Finanzen
Finanzen Tankrabatt dämpft Inflation - aber noch keine Entwarnung
30.10.2026

Mit dem erneuten Tankrabatt ist die Inflationsrate in Deutschland deutlich gesunken. Doch eine Trendwende sehen Volkswirte nicht.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Das ist Russlands neuer Albtraum
30.10.2026

Das deutsche Verteidigungsunternehmen Helsing bringt zwei neue Luftabwehrraketen und ein KI-gestütztes Abwehrsystem auf den Markt. Ziel...

DWN
Politik
Politik DWN-Podcast Folge 49: Die Woche im Rückblick – KW 44
30.10.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Finanzen
Finanzen Silberpreis fällt zum Monatsende deutlich: Warum selbst ein Angebotsdefizit den Kurs nicht stützt
30.10.2026

Der Silberpreis steht zum Monatsende erneut unter Druck. Am Freitagmorgen rutschte der Kurs des Edelmetalls zeitweise nur rund 50,65...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Warum der Körper im Urlaub schlappmacht
30.10.2026

Der letzte Arbeitstag ist geschafft, der Urlaub beginnt – und plötzlich kommen Kopfschmerzen, Erschöpfung oder Infekte. Warum der...