Wirtschaft

Wegen teurer Lebensmittel: Bürger verzichten beim Essen

Die Lebensmittelpreise hören nicht auf zu steigen. Überall in Europa sehen sich die Bürger gezwungen, beim Einkauf zu sparen und den Gürtel enger zu schnallen.
Autor
24.05.2023 12:27
Aktualisiert: 24.05.2023 12:27
Lesezeit: 3 min

Im April ging die Inflation in Deutschland auf 7,2 Prozent zurück. Doch beim Kauf von Lebensmitteln ist die Lage weiterhin deutlich schlimmer. Nahrungsmittel verteuerten sich binnen Jahresfrist um 17,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Ganz ähnlich sieht es überall in Europa aus, und der starke Anstieg der Lebensmittelpreise hat die Verbraucher längst dazu veranlasst, sich beim Einkaufen einzuschränken.

In Deutschland sanken die Verkäufe von Lebensmitteln bereits im März um 10,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Dies war der stärkste Rückgang seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1994. Auch in Frankreich haben die Haushalte seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine ihre Lebensmittelkäufe um mehr als 10 Prozent reduziert, während ihre Energiekäufe um 4,8 Prozent zurückgegangen sind.

Fleischkonsum bricht ein

Nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung war der Fleischkonsum im Jahr 2022 so niedrig wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1989. Der Einbruch beim Fleischkonsum ist sicherlich auch auf eine veränderte Einstellung der Bürger zum Fleisch zurückzuführen, aber die hohen Preise dürften eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Während die Bürger den Gürtel enger schnallen, schrumpfen die Gewinnspannen der Supermärkte, welche die Preiserhöhungen ihrer Lieferanten nicht vollständig an ihre Kunden weitergeben können. Markus Mosa, Geschäftsführer der Edeka-Supermarktkette, sagte jüngst, dass sein Unternehmen wegen der stark gestiegenen Preise keine Produkte mehr bei mehreren großen Lieferanten bestellt.

Auf Lebensmittel entfällt ein viel größerer Anteil des Konsums als auf Energie, sodass ein kleinerer Preisanstieg größere Auswirkungen auf die Budgets vor allem ärmerer Bürger hat. Die britische Resolution Foundation schätzt den Anstieg der Lebensmittelrechnungen seit 2020 bis zum Sommer auf 28 Milliarden Pfund, was den Anstieg der Energierechnungen übertrifft, der auf 25 Milliarden Pfund geschätzt wird.

Neue Phase der Inflation

"Die Krise der Lebenshaltungskosten ist nicht zu Ende, sie tritt nur in eine neue Phase ein", zitiert das Wall Street Journal Torsten Bell, den Leiter der Forschungsgruppe, in einem kürzlich erschienenen Bericht. Und der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, sagte der am Dienstag, dass die Lebensmittelpreise nun einen "vierten Schock" für die Inflation darstellen:

  • Schock 1: Unterbrechung der Lieferketten während der Corona-Krise
  • Schock 2: Anstieg der Energiepreise im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg
  • Schock 3: Überraschend angespannte Arbeitsmärkte
  • Schock 4: Lebensmittelpreise

Als im letzten Jahr die Energiepreise in Europa plötzlich rasant in die Höhe schnellten, gaben die europäischen Staaten viel Geld aus, um die Haushalte zu beruhigen und die Unterstützung für den Kampf gegen Russland aufrechtzuerhalten. Nun jedoch machen die Staaten geltend, dass ihre Verschuldung seit den teuren Corona-Maßnahmen im Jahr 2020 stark angestiegen ist und sie daher keine Kredite aufnehmen können.

Einige Staaten, darunter die von Italien, Spanien und Portugal, haben immerhin die Mehrwertsteuern auf Lebensmittel gesenkt, um die Verbraucher zu entlasten. Andere Staaten üben Druck auf den Einzelhandel aus, damit dieser die Preise unter Kontrolle hält. So handelte die französische Regierung im März eine Vereinbarung mit führenden Einzelhändlern aus, Preiserhöhungen zu unterlassen, wenn dies möglich ist.

Auch einer Reihe anderer europäischer Länder, darunter Irland und Großbritannien, nehmen die Behörden den Einzelhandel ins Visier. "Da die Supermärkte nun stärker im politischen Rampenlicht stehen, halten wir es für wahrscheinlicher, dass sich die Preisdynamik im Lebensmittelkorb verlangsamt", zitiert das Wall Street Journal Sanjay Raja, Ökonom bei der Deutschen Bank.

Warum sind die Lebensmittelpreise so hoch?

Auf den Weltmärkten, welche die Preise für die Landwirte bestimmen, sind die Lebensmittelpreise seit April 2022 gefallen. Doch die Rohstoffkosten sind nur ein Teil des Endpreises. Die Verbraucher zahlen auch für Verarbeitung, Verpackung, Transport und Vertrieb, und der Preisunterschied zwischen dem Bauernhof und dem Esstisch ist derzeit ungewöhnlich groß.

BoE-Chef Bailey zufolge haben die Lebensmittelproduzenten zu Beginn des Ukraine-Kriegs längerfristige, aber relativ teure Verträge für Düngemittel und Energie abgeschlossen, um die Verfügbarkeit sicherzustellen. Die Politik hingegen geht offenbar davon aus, dass auch eine Erhöhung der Gewinnspannen im Einzelhandel eine Rolle gespielt haben könnte, nachdem diese zu Beginn des letzten Jahres unter Druck geraten waren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 06: Die wichtigsten Analysen der Woche
06.02.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 06 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Debatte über Teilzeit: Gewerkschaften warnen vor Abbau sozialer Leistungen
06.02.2026

In Deutschland wächst die Diskussion über Einschnitte im Sozialstaat. Besonders geplante Änderungen im Bereich Teilzeitarbeit stoßen...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktien Europa stabil: Bauwerte stark, Autowerte und Banken unter Druck
06.02.2026

Europas Börsen haben am Freitag leichte Gewinne verzeichnet, getragen von beruhigten Edelmetall- und Kryptomärkten sowie positiven...

DWN
Politik
Politik USA und Iran am Verhandlungstisch: Chancen und Risiken der neuen Gespräche
06.02.2026

Noch vor wenigen Wochen forderte US-Präsident Donald Trump einen Machtwechsel im Iran – jetzt verhandeln Washington und Teheran erneut...

DWN
Immobilien
Immobilien Absage bei der Wohnungssuche: Wann ist eine Wohnungsabsage rechtswidrig?
06.02.2026

Die Wohnungssuche kann frustrierend sein, selbst wenn Einkommen und Bonität stimmen. Manchmal steckt hinter Absagen mehr als nur Zufall....

DWN
Finanzen
Finanzen DIW-Studie: Vermögensteuer könnte 147 Milliarden Euro bringen – Unter Bedingungen
06.02.2026

Die Wiedereinführung einer Vermögensteuer könnte dem Staat nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bis...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Industrieproduktion in Deutschland bricht überraschend ein: Autoindustrie belastet deutlich
06.02.2026

Nach drei Monaten mit Zuwächsen kommt für die deutsche Industrie ein unerwarteter Dämpfer: Im Dezember fällt die Produktion deutlich...

DWN
Politik
Politik US-Finanzminister Bessents Wandel unter Trump: Vom Stabilitätsfaktor zur politischen Figur
06.02.2026

In Donald Trumps zweiter Amtszeit gerät die Rolle des US-Finanzministers zunehmend unter politischen Druck. Wie zeigt sich dieser Wandel...