Finanzen

Hohe Inflation: Türkische Zentralbank erhöht Leitzins leicht

Angesichts galoppierender Inflation im Land erhöht die türkische Zentralbank weiter die Leitzinsen – allerdings weniger stark als erwartet. Analysten bezeichneten dies als „schreckliche Entscheidung“.
20.07.2023 15:04
Aktualisiert: 20.07.2023 15:04
Lesezeit: 2 min

Die türkische Zentralbank hat ihren Leitzins angesichts der hartnäckig hohen Inflation und der kräftigen Lira-Abwertung den zweiten Monat in Folge angehoben. Er steige von 15,0 auf 17,5 Prozent, teilten die Währungshüter am Donnerstag mit. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten allerdings mit einer kräftigeren Anhebung auf 20,0 Prozent gerechnet.

Die Zentralbank hat erst im vergangenen Monat unter ihrer neuen Chefin Hafize Gaye Erkan eine Trendwende eingeleitet und den Leitzins von 8,5 auf 15,0 Prozent heraufgesetzt. Sie signalisierte nun weitere Schritte. „Die Straffung der Geldpolitik wird so weit wie nötig zeitnah und schrittweise weiter verstärkt, bis eine deutliche Verbesserung der Inflationsaussichten erreicht ist“, kündigte die Notenbank an.

Bei Ökonomen stieß der unerwartet kleine Schritt auf Kritik. „Eine schreckliche Entscheidung“, sagte Analyst Tim Ash vom Vermögensverwalter Bluebay Asset Management. „Ich halte sie für einen Fehler.“ Andere Experten äußerten Verständnis. „Es bestehen ernsthafte Bedenken, dass ein zu schnelles Vorgehen möglicherweise die Finanzstabilität gefährden und die Wirtschaft im Allgemeinen erschüttern könnte“, sagte Chefvolkswirt Stuart Cole von Equiti Capital. Ökonomen gehen davon aus, dass der Leitzins bis zum Jahresende auf 25 Prozent steigen wird.

Inflation bleibt weiter hoch

Die Inflation ist im Juni zwar stärker als erwartet zurückgegangen, bleibt jedoch mit 38,21 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat sehr hoch. Das von der Zentralbank angestrebte Inflationsziel von fünf Prozent ist damit allerdings immer noch in weiter Ferne. Zu den größten Preistreibern gehören Lebensmittel und alkoholfreie Getränke, die fast 54 Prozent mehr kosteten als im Juni 2022. „In unserem Land deuten die jüngsten Indikatoren darauf hin, dass der zugrundeliegende Inflationstrend weiter ansteigt“, begründete die Zentralbank ihren Zinsentscheid.

Erschwert wird der Kampf gegen die Inflation durch die Abwertung der Lira. Der Kurs der Landeswährung fiel allein in diesem Jahr um 30 Prozent und markierte in dieser Woche ein Rekordtief zum Dollar. Schon 2021 hat der Kurs um 44 Prozent nachgegeben, 2022 um weitere 30 Prozent. Das rohstoffarme Land muss viele Waren aus dem Ausland beziehen, die in Devisen bezahlt werden müssen. Höhere Zinsen machen eine Währung für Anleger attraktiver und können den Kursverfall stoppen.

Trotz der anhaltend hohen Inflation und einer schwächelnden Wirtschaft hat Staatschef Recep Tayyip Erdogan im Mai die Stichwahl um das Präsidentenamt gewonnen. Er hat sich wiederholt als Zinsfeind bezeichnet, da er mit billigem Geld die heimische Wirtschaft ankurbeln will. Erdogan hatte nach seiner Wiederwahl vor wenigen Wochen jedoch eine Wende seiner umstrittenen Politik signalisiert. So wurde die Mehrwertsteuer auf Waren und Dienstleistungen von 18 auf 20 Prozent angehoben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Banken-Poker spitzt sich zu: UniCredit legt Übernahmeangebot vor - Commerzbank-Aktie haussiert
16.03.2026

UniCredit will die Commerzbank kaufen. Jetzt hat die italienische Großbank ein offizielles Übernahmeangebot für den Konzern vorgelegt....

DWN
Panorama
Panorama Stillstand in Berlin: Wenn der Hauptbahnhof zur 150-Stufen-Falle wird
16.03.2026

Pleite, planlos, kaputt: In Berlin scheitert der Alltag bereits an der Rolltreppe. Während Reisende am Hauptbahnhof unfreiwillige...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Verkaufsspekulationen um Leica: Kamerahersteller Leica bekommt neuen Chef
16.03.2026

2005 schrammte der Kamerahersteller Leica knapp an der Insolvenz vorbei. Mit einer Finanzspritze und geordneter Restrukturierung überlebte...

DWN
Finanzen
Finanzen Analyse: 11 Aktien, mit denen sich ein Portfolio gegen Nahost-Spannungen absichern lässt
16.03.2026

Der Krieg im Iran hat die Finanzmärkte stark verunsichert. Eine Analyse von MarketWatch zeigt, welche Aktien in geopolitischen Krisen...

DWN
Politik
Politik Nach Koalitionsbruch von SPD und BSW: Rot-schwarze Koalition in Brandenburg steht
16.03.2026

SPD und CDU können in Brandenburg loslegen – mit Ministerpräsident Dietmar Woidke an der Spitze. Der Sozialdemokrat, der seit 2013...

DWN
Politik
Politik Gegen Abzocke: Regierung bringt Spritpreis-Paket auf Weg - was geplant ist
16.03.2026

Die Spritpreise sind infolge des Iran-Kriegs gestiegen - zu stark? Politiker warfen Mineralölkonzernen "Abzocke" vor. Wie die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Pleitewelle überrollt Deutschland: Immer mehr Insolvenzen – Standort zu teuer
16.03.2026

Immer mehr Betriebe wanken in die Pleite, wie der IWH-Insolvenztrend von Februar bestätigt. Und ein Ende der Entwicklung ist nicht...

DWN
Panorama
Panorama Forbes-Liste der reichsten Menschen: Elon Musk kann erster Billionär der Welt werden
15.03.2026

In der aktuellen Forbes-Liste der reichsten Menschen liegt Tesla-Chef Elon Musk quasi uneinholbar in Front. Bei einem erfolgreichen...