Politik

Russland nimmt riesige LNG-Anlage in der Arktis in Betrieb

Trotz aller Sanktionen nimmt Russland in der Arktis noch dieses Jahr eine riesige LNG-Anlage in Betrieb. Dies ist ein geopolitischer Angriff auf breiter Front.
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01.09.2023 09:47
Aktualisiert: 01.09.2023 09:47
Lesezeit: 3 min
Russland nimmt riesige LNG-Anlage in der Arktis in Betrieb
Mithilfe der Gasvorkommen in der Arktis will Präsident Putin Russland zu einem führenden LNG-Produzenten machen. (Foto: dpa) Foto: Pavel Byrkin

In der vergangenen Woche hat Russland bei der Erschließung seiner arktischen Gas- und Ölvorkommen einen großen Schritt nach vorn gemacht. Das wichtige Projekt Arctic LNG 2 wird noch dieses Jahr den Betrieb aufnehmen. Dies hat das staatliche chinesische Unternehmen China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) bestätigt, wie Reuters berichtet. CNOOC hält einen Anteil von 10 Prozent an dem Projekt.

Nach Angaben von CNOOC haben alle fünf an dem Projekt beteiligten Partner die geforderten Finanzmittel fristgerecht gezahlt. Das private russische Energieunternehmen Novatek hält 60 Prozent, und jeweils 10 Prozent halten CNOOC, Chinas staatlicher Ölkonzern CNPC, die französische TotalEnergies und ein Konsortium aus den japanischen Unternehmen Mitsui und Jogmec.

CNOOC zufolge wird der erste Strang mit einer Jahreskapazität von 6,6 Millionen Tonnen noch in diesem Jahr in Betrieb gehen. Wenn schließlich alle drei Stränge in Betrieb sind, wird die Anlage eine Jahreskapazität von 19,8 Millionen Tonnen liefern. Novatek plant, seine LNG-Exportkapazitäten bis zum Jahr 2030 auf bis zu 70 Millionen Tonnen pro Jahr auszuweiten, darunter die 19,8 Millionen Tonnen aus Arctic LNG 2.

Russland will seine LNG-Produktion insgesamt bis zum Jahr 2035 auf zwischen 80 und 140 Millionen Tonnen pro Jahr steigern, das wäre mehr als Katar und Australien. Und die angekündigte Inbetriebnahme von Arctic LNG 2 zeigt, dass das Land auf einem guten Weg dahin ist. Es ist auch bemerkenswert, dass dieser Schritt trotz aller westlichen Sanktionen gelungen ist.

Warum ist Arctic LNG 2 so wichtig für Russland?

Die Arktis verfügt über riesige Gas- und Ölreserven, von denen ein Großteil auf russischem Gebiet liegt. Nach russischen Angaben verfügt Russland in der Arktis über mehr als 35.700 Milliarden Kubikmeter Erdgas und über 2.300 Millionen Tonnen Öl und Kondensat, von denen sich der Großteil auf den Halbinseln Jamal und Gydan auf der Südseite der Karasee befindet. Laut einer Quelle bei der EU könnten diese Zahlen zu niedrig angesetzt sein, wie OilPrice.com berichtet.

Präsident Wladimir Putin vertritt seit langem die Ansicht, dass Russland beim LNG noch viel Potential hat, wenn man die enorme Präsenz des Landes auf den weltweiten Gas- und Ölmärkten zum Maßstab nimmt. Die LNG-Projekte in der Arktis sind dabei entscheidend und werden zudem den Ausbau den Nördlichen Seeweg vorantreiben. Hauptziel der arktischen Gas- und Ölproduktion wird China sein.

Gazprom hat jüngst erstmals eine Ladung LNG von seiner Anlage Portovaya an der Ostsee über den Nördlichen Seeweg verschifft. Laut Daten von Refinitiv wurde der Tanker Velikiy Novgorod am 14. August beladen. Am folgenden Tag befand er sich in der Barentssee. Die Anlage mit einer jährlichen Produktionskapazität von 1,5 Millionen Tonnen hat im vergangenen September die Produktion aufgenommen, berichtet Reuters. Bisher lieferte sie nur in die Türkei und nach Griechenland.

Schon Anfang August hatte Russland eine Naphta-Ladung über die Route verschifft. Der Nördliche Seeweg führt von Murmansk nahe der russischen Grenze zu Norwegen ostwärts zur Beringstraße bei Alaska führt. Die Route ist Teil der Nordostpassage, die bis in den Atlantik weiterreicht, und gilt seit Langem als Alternative zum Suezkanal. Der Nördliche Seeweg ist anspruchsvoll für Schiffe, könnte aber die Transportzeiten zwischen Europa und Asien deutlich verkürzen.

Die wichtige Rolle Chinas

Russland unterhält seit vielen Jahren gute Beziehungen zu China, und durch den Ukraine-Konflikt und die daraus sich ergebende multipolare Weltordnung wurden die beiden Staaten noch näher zusammengeführt. Zwar ist Russland der Juniorpartner in dieser Partnerschaft. Doch seine umfangreichen Öl- und Gasverkommen verschaffen dem Land auch weiterhin eine gewisse Macht gegenüber China.

Die LNG-Projekte in der Arktis sind für Russland auch deshalb so wichtig, weil Flüssiggas die weltweit begehrteste Form von Gas ist. Für LNG müssen nicht jahrelang Pipelines verlegt und die dazugehörige Infrastruktur aufgebaut werden. Es erfordert auch keine umfangreichen, zeitraubenden Verhandlungen über komplexe Verträge. Stattdessen kann es schnell auf dem Spotmarkt beschafft und zügig dorthin transportiert werden, wo es benötigt wird.

Wie anfällig Pipelines gegen feindliche Angriffe sind, zeigte im letzten Jahr auch die Zerstörung von Nord Stream. Doch anders als in der Ostsee verfügt Russland in der Arktis über eine starke Militärpräsenz. So lässt Russland nach Angaben seines Verteidigungsministeriums regelmäßig Flüge von strategischen Langstreckenbomber der Typen Tu-160 und Tu-95МS über der Arktis ausführen, die nukleare Raketen tragen können.

Projekte in der Arktis gegen den Dollar

"Da die Welt zunehmend auf LNG-Lieferungen angewiesen ist, weil die Nachfrage in Europa nach der Abkopplung der russischen Gaspipelines sprunghaft angestiegen ist, weiß Putin, dass der Ausbau der russischen LNG-Lieferkapazitäten geopolitisch so wichtig ist wie nie zuvor", schreibt Simon Watkins, ein ehemaliger leitender Devisenhändler bei Credit Lyonnais und der Bank of Montreal, geopolitischer Analyst und Finanzjournalist.

Russlands Gas- und Erdölvorhaben in der Arktis werden entscheidend dazu beitragen, die Vorherrschaft des Dollars auf den Energiemärkten zu untergraben. Denn Russland ist einer der weltweit größten Produzenten von Öl und Gas, während China der größte Abnehmer ist. Schon zu Beginn der arktischen LNG-Projekte sagte der Vorstandsvorsitzende von Novatek, Leonid Michelson, dass künftige Verkäufe an China in Renminbi in Betracht gezogen würden.

Die Verdrängung des Dollars aus den Energiemärkten hat zuletzt deutlich Fahrt aufgenommen. Nicht nur Russland und China, sondern auch Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate starteten Mitte August den Ölhandel in den eigenen Landeswährungen statt in Dollar. Und innerhalb der BRICS-Staaten setzt sich vor allem Brasilien dafür ein, eine gemeinsame Goldwährung einzuführen.

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