Technologie

JPMorgan startet programmierbare Zahlungen mit Blockchain

Das weltweit führende Blockchain-System von JPMorgan ermöglicht es Unternehmen, programmierte Zahlungen anzuweisen. Siemens nutzt das neue Feature bereits.
Autor
14.11.2023 12:53
Aktualisiert: 14.11.2023 12:53
Lesezeit: 3 min

Der JPM Coin von JPMorgan ist eines der bekanntesten Blockchain-Systeme im traditionellen Bankwesen. Nun wurde dem System eine neue Funktion hinzugefügt, mit der Unternehmen Überweisungen programmieren können.

Die Kunden können dabei eine Reihe von Bedingungen eingeben, und sobald diese Bedingungen erfüllt sind, werden Gelder automatisch verschoben, etwa um überfällige Zahlungen und Nachschussforderungen zu decken oder um Wechselkursunterschiede auszunutzen.

Die Siemens AG hat die neuen Möglichkeiten des Systems letzte Woche bereits genutzt. Dabei konfigurierte der Konzern seine Konten so, dass Geld automatisch überwiesen werden konnte, um potenzielle Engpässe auszugleichen, sagte Naveen Mallela, Leiter von Coin Systems bei der Blockchain-Abteilung Onyx von JPMorgan, im Interview mit Bloomberg.

Zum Potential des Systems von JPMorgan für die Siemens AG erklärte deren Group Treasurer Peter Rathgeb gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten: „Die Vorteile und Funktionen aus der Kryptowelt sind nun auch für Fiat-Währungen verfügbar, indem JP Morgan real-time Blockchain-basierte Bankkonten anbietet, kombiniert mit Programmierbarkeit.“

Peter Rathgeb zufolge wird der JPM Coin Siemens „auf die nächste Stufe der Automatisierung bringen, um nicht nur die Nutzung des working capital zu optimieren, sondern auch datengetriebene digitale Geschäftsmodelle zu ermöglichen und die Skalierbarkeit unseres Siemens-Geschäfts auf der Treasury-Seite zu unterstützen“.

Anfang des Jahres wurden neben den bereits bestehenden Dollar- auch Euro-Transaktionen für JPM Coin eingeführt, die nun auch von Siemens genutzt werden. Siemens Treasury, also diejenige Einheit im Konzern, die sich mit der Steuerung von Zahlungsströmen beschäftigt, sieht eine ganze Reihe von Anwendungsfällen für die Blockchain-basierten und programmierbaren Bankkonten von JPMorgan.

So könnte in der Zahlungsinfrastruktur im Kontext von Trades und digitalen Vermögenswerten das Erfüllungsrisiko reduziert werden, also das Risiko, dass eine oder mehrere Parteien die Bedingungen eines Vertrags nicht zum vereinbarten Zeitpunkt erfüllen.

Weitere Anwendungsfälle sind Siemens zufolge Smart Contracts (deutsch: intelligente Verträge) und Decentralized Finance, also zum Beispiel Lieferung gegen Zahlung und Token-basierte Market Maker / Devisengeschäfte, sowie und ein Rund-um-die-Uhr-Liquiditätsmanagment, was ein konzernweites Cash-Pooling über Grenzen und Banken hinweg umfasst.

Mit Hilfe von Blockchain sind Überweisungen bereits jetzt nahezu sofort und zu jeder Tageszeit möglich, anstatt wie bei traditionellen Bankgeschäften nur während der Geschäftszeiten. Die neue Funktion beim JPM Coin hingegen ermöglicht den Unternehmen, Daueraufträge nicht nur für eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Betrag einzurichten, sondern stattdessen einen Auftrag automatisch dann in Kraft treten zu lassen, wenn die vorprogrammierten Kriterien erfüllt sind – und das rund um die Uhr.

„Wenn man an das Girokonto eines Finanzinstituts denkt, gibt es nur eine begrenzte Anzahl an Konfigurationsmöglichkeiten und Regeln“, so Mallela. „Das ist es, was wir ändern wollen. Wir glauben, dass dies der erste Fall ist, in dem ein traditionelles Finanzunternehmen programmierbare Zahlungen in großem Umfang unter Verwendung bestehender Geschäftsbankengelder entwickelt.“

In den letzten Monaten gab es einen Schub an Blockchain-Aktivitäten unter Finanzinstituten. Anfang des Monats startete HSBC ein neues System zur Tokenisierung des Eigentums an physischem Gold, das sich in ihren Londoner Tresoren befindet, während Euroclear Ende Oktober eine Blockchain-Plattform für die Ausgabe traditioneller Wertpapiere einrichtete. JPMorgan hat seine erste Wertpapierabrechnung für Kunden über Blockchain in Betrieb genommen.

Allerdings ist der Einsatz von Blockchain im Mainstream noch begrenzt. JPM Coin wird verwendet, um den Gegenwert von 1 Milliarde Dollar täglich zu übertragen. Gemessen an den 10 Billionen US-Dollar-Transaktionen, die JPMorgan insgesamt bewegt, ist dies weiterhin sehr wenig.

Das 2019 eingeführte System ermöglicht es großen multinationalen Unternehmen, Dollar und Euro von und zu ihren verschiedenen JPMorgan-Konten auf der ganzen Welt zu überweisen oder Zahlungen an andere Kunden der Bank zu leisten, indem sie die Blockchain anstelle traditioneller Zahlungswege nutzen.

Laut Mallela könnte die Möglichkeit, Gelder jederzeit automatisch zu verschieben, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, im aktuellen Zinsumfeld für die Treasurer der Unternehmen interessant sein - und ihnen möglicherweise mehr Einkommen auf Einlagen ermöglichen.

„Wenn die Zinssätze nahe bei Null liegen, sind Treasurer weniger beunruhigt, aber wenn die Zinssätze 5,5 Prozent oder mehr betragen, werden all diese Möglichkeiten attraktiver“, so Mallela. „Wenn wir über digitale Währungen und tokenisierte Einlagen sprechen, war der heilige Gral immer die Möglichkeit, Zahlungen zu programmieren.“

Auch die US-Unternehmen FedEx und Cargill planen, das System von JPMorgan in den kommenden Wochen zu nutzen, sagte die Bank. JPMorgan arbeitet laut Mallela daran, die Nutzung des Zahlungssystems schrittweise auf Konten bei anderen Banken auszuweiten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO: Claude-Entwickler lockt mit Wachstum und warnt zugleich vor enormen Kosten
27.10.2026

Das Anthropic-IPO könnte zu einem der wichtigsten Börsengänge des Jahres werden. Der Claude-Entwickler meldet explosives Umsatzwachstum,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ingenieurmangel trotz Rekordarbeitslosigkeit: Warum Deutschlands Technikarbeitsmarkt gespalten ist
27.10.2026

Mehr offene Stellen, aber gleichzeitig ein neuer Höchststand bei der Arbeitslosigkeit: Deutschlands Ingenieur- und IT-Arbeitsmarkt sendet...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Temu und Shein werden teurer: EU kassiert ab November zusätzlich
27.10.2026

Ein paar günstige Produkte aus China bestellen und dabei kräftig sparen? Das könnte sich für deutsche Verbraucher bald weniger lohnen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Firma gründen in 24 Stunden: Was jetzt wirklich möglich ist – und was nicht
27.10.2026

Ein eigenes Unternehmen an nur einem Tag gründen: Das neue Bundesportal G24 soll dem behördlichen Zickzackkurs ein Ende setzen. Seit Ende...

DWN
Finanzen
Finanzen Microsoft-Aktie im Fokus: US-Konzern bietet 60.000 Mitarbeitern Abfindungen an
27.10.2026

Der US-Softwarekonzern Microsoft bietet rund 60.000 Beschäftigten in vier Ländern einen freiwilligen Abschied gegen eine Abfindung an....

DWN
Finanzen
Finanzen Micron-Technology-Aktie zwischen KI-Boom und China-Risiko: Was Anleger jetzt beachten sollten
27.10.2026

Nach heftigen Kursschwankungen steht die Micron-Aktie erneut im Mittelpunkt des Anlegerinteresses. Der Speicherchiphersteller profitiert...

DWN
Politik
Politik EZB-Zinsentscheid: Bleiben die Zinsen stabil oder deutet Lagarde schon die nächste Erhöhung an?
27.10.2026

In dieser Woche stehen zwei Zinsentscheidungen an. Am Mittwoch tagt die US-Notenbank Fed, am Donnerstag folgt der EZB-Zinsentscheid.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wolfgang Grupp junior: Audis Vier-Milliarden-Werk in den USA verschärft die Standortdebatte in Deutschland
27.10.2026

Trigema-Geschäftsführer Wolfgang Grupp junior kritisiert den Fokus auf den politischen Auftritt des Audi-Chefs in den USA. Er fragt...