Politik

Bericht: Dänemark soll Tanker mit russischem Öl blockieren

Nach Plänen der EU soll Dänemark Tanker mit russischem Öl in der Ostsee inspizieren und aufhalten, wenn sie die Sanktionen des Westens nicht einhalten. Dies berichtet die FT.
16.11.2023 11:13
Aktualisiert: 16.11.2023 11:13
Lesezeit: 3 min
Bericht: Dänemark soll Tanker mit russischem Öl blockieren
Dänische Fregatte. Nach Plänen der EU soll Dänemark offenbar Tanker mit russischem Öl in der Ostsee blockieren. (Foto: dpa) Foto: Bernd Wüstneck

Im Vorfeld von EU-Beratungen über eine Verschärfung von Russland-Sanktionen hat ein Medienbericht über angebliche Öltanker-Kontrollen in der Ostsee für Aufsehen gesorgt. Die Financial Times berichtete am Mittwoch unter Berufung auf drei Insider in Brüsse, dass Dänemark damit beauftragt werden soll, Tanker mit russischem Öl zu inspizieren und gegebenenfalls zu stoppen.

Ein solches Vorgehen durch die Europäische Union wäre äußerst gefährlich. Denn Russland würde Versuche des dänischen Militärs, in den dänischen Meeresengen in der Ostsee eine Blockade gegen russische Öltanker zu errichten, wahrscheinlich als kriegerische Handlung werten. Die EU-Kommission lehnte es ab, sich zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zu äußern, wies aber darauf hin, dass Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angekündigt habe, weitere "Maßnahmen zur Verschärfung der Ölpreisobergrenze" zu ergreifen.

EU-Diplomaten erklärten als Reaktion auf den Zeitungsbericht, dass im aktuellen Vorschlag der EU-Kommission nicht auf Tanker-Kontrollen oder Dänemark Bezug genommen werde. Auch die Regierung in Moskau erklärte, nichts von einem derartigen Vorhaben zu wissen. Sie mahnte zugleich die Einhaltung von Schifffahrtsregeln an. Stellungnahmen Dänemarks und der EU-Kommission lagen zunächst nicht vor.

Die 27 EU-Länder wollen am Freitag über ein zwölftes Sanktionspaket gegen Russland beraten. Diplomaten zufolge schlug die EU-Kommission im Vorfeld verschiedene Maßnahmen vor, darunter auch eine schärfere Umsetzung des Ölpreisdeckels. Demnach sollen Reedereien aufgefordert werden, bei russischen Öltransporten die Kosten genau aufzuschlüsseln. So solle verhindert werden, dass Reedereien den wahren Preis des transportierten Öls verschleiern können.

Russland, der weltweit zweitgrößte Ölexporteur, hat den Rohstoff trotz der Sanktionen auf den Weltmärkten verkaufen können. Schifffahrtsexperten zufolge wird der Preisdeckel im großen Stil durch gefälschte Dokumente umgangen. Verschifft wird das russische Öl mit Tankern, die in Ländern außerhalb des Westens registriert und versichert sind. Branchenkenner haben bereits vor einer "Geisterflotte" gewarnt, die aus alten Schiffen besteht und das Unfallrisiko auf See erhöht.

Mit Blick auf den Bericht der Financial Times sagten drei EU-Diplomaten, sie hätten im Kommissionsvorschlag nichts zu Öltanker-Kontrollen oder zu Dänemark gesehen. Laut dem Bericht der Zeitung ist geplant, Schiffe ohne Versicherungsschutz aus dem Westen zu identifizieren. Mit dem Hebel des Versicherungsschutzes wollen die EU, die G7 und Australien ihre Sanktionen gegen Russland durchsetzen. Demnach dürfen Schiffsversicherer Tankern nur Schutz geben, wenn der Preis des transportierten Öls 60 Dollar je Barrel nicht übersteigt.

Der Preisdeckel soll russische Einnahmen aus dem Ölhandel begrenzen und damit die finanziellen Möglichkeiten für den Ukraine-Krieg einschränken. Rund ein Drittel des per Schiff ausgeführten russischen Öls passiert auf dem Weg zu den Weltmeeren die dänischen Ostsee-Meeresengen. Ein Versuch, diese Exporte zu stoppen, könnte die Ölpreise in die Höhe treiben und zum Konflikt mit Russland führen. Experten äußerten Zweifel, ob das Vorgehen mit internationalem Seerecht vereinbar wäre.

Drei Schifffahrtsexperten erklärten, eine solche Blockade würde grundlegenden Marine-Regeln zuwider laufen - darunter dem UN-Seerechtsübereinkommen. Unter Verteidigungsanalysten war die Meinung geteilt. "Die Blockade von Handelsschiffen in den dänischen Meeresengen würde einer Kriegserklärung nahekommen", sagte der unabhängige Experte Hans Peter Michaelsen. Zudem wäre es keine leichte Aufgabe für die dänische Marine, die zwar über kleine Patrouillenboote verfüge. "Aber sie werden aussehen wie Rettungsboote neben einem Öltanker."

Dagegen geht Peter Viggo Rasmussen von der Königlichen Dänischen Verteidigungsakademie davon aus, dass sein Land eine solche Aufgabe mit Überzeugung erfüllen würde. Schließlich stehe Dänemark mit Blick auf den Ukraine-Krieg für eine harte Haltung gegenüber Russland.

Aus den russischen Ostseehäfen Primorsk und Ust-Luga sollen im November mehr als 1,5 Millionen Barrel pro Tag durch die dänischen Meerengen verschifft werden. Das entspricht rund 1,5 Prozent der weltweiten Ölversorgung. Vor Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 hatten sämtliche russische Öltransporte über die Ostsee das Ziel Europa. Seitdem ging der Großteil dieser Ausfuhren nach China, Indien, Ägypten und in die Türkei.

Für die Handelsschifffahrt gibt es im Wesentlichen zwei Routen, die zwischen Dänemark und Schweden aus der Ostsee hinaus auf die Weltmeere führen - durch den Öresund zwischen der dänischen Insel Seeland und Schweden sowie durch den Großen Belt zwischen den dänischen Inseln Fünen und Seeland. (Reuters/gu)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Verbessern Sie die Lieferketten-Transparenz

Identifizieren, scannen und übermitteln von eindeutigen Komponentendaten

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation in Frankreich und Spanien: Unerwarteter Anstieg zwingt EZB harten Wechselkurs aufrechtzuerhalten
02.03.2026

Neue Inflationsdaten aus Frankreich und Spanien sorgen für Unruhe an den Märkten. Muss die Europäische Zentralbank ihre Zinspolitik...

DWN
Politik
Politik Nahost-Krieg: Bundeswehr letzte Wahl bei der Rückholung von Deutschen
02.03.2026

Etwa 30.000 Touristen von deutschen Reiseveranstaltern hängen im Nahen Osten fest. Die Bundesregierung sieht aber in erster Linie nicht...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft ADAC: Sprit so teuer wie seit fast zwei Jahren nicht mehr
02.03.2026

Der Irankonflikt macht Öl teuer. Das bekommen auch die deutschen Autofahrer zu spüren. Bisher hält sich die Reaktion an den Zapfsäulen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen PCK-Raffinerie GmbH: Treuhandverwaltung für Rosneft Deutschland verlängert
02.03.2026

Die deutschen Töchter des russischen Staatskonzerns Rosneft stehen wegen des Ukraine-Kriegs jetzt unter Kontrolle der Bundesnetzagentur...

DWN
Finanzen
Finanzen Erdgas-Preis aktuell: Iran-Krieg lässt Erdgas-Preis nach oben schnellen
02.03.2026

Nach dem Angriff auf den Iran steigt der Erdgaspreis so stark wie lange nicht. Analysten warnen vor weiteren Preissprüngen, sollte der...

DWN
Technologie
Technologie Blackout-Vorsorge: Notstromlösung mit Solaranlagen auf Balkon oder Dach – was dabei wichtig ist
02.03.2026

Ein plötzlicher Blackout kann Haushalte und Unternehmen unvorbereitet treffen. Immer mehr Eigentümer setzen deshalb auf eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hapag-Lloyd übernimmt ZIM: Machtverschiebung in der globalen Container-Schifffahrt
02.03.2026

Hapag-Lloyd treibt mit der Übernahme von ZIM die Konzentration im globalen Containerverkehr weiter voran. Wie verschiebt diese Transaktion...

DWN
Panorama
Panorama Nahost-Krieg: Tschechien evakuiert Bürger und ergreift innenpolitische Sicherheitsmaßnahmen
02.03.2026

Tschechien schickt erste Armeeflugzeuge für Evakuierungsflüge in den Nahen Osten. In dem EU- und Nato-Mitgliedstaat selbst werden...