Finanzen

Das Notenbankenziel von 2 Prozent Inflation ist nicht die Ziellinie

Die Stimmung an den Finanzmärkten hat sich Anfang 2024 steil gedreht. Nach mehr als einem Jahr aggressiver Zinserhöhungen durch die US Federal Reserve und die Europäische Zentralbank hat sich die Diskussion inzwischen der Frage zugewandt, wann – und nicht ob – die Notenbanken die Zinsen senken werden. Ein Blick hinter die Kulissen - mit überraschenden Erkenntnissen!
Autor
avtor
18.02.2024 14:47
Lesezeit: 3 min
Das Notenbankenziel von 2 Prozent Inflation ist nicht die Ziellinie
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) - 2 Prozent Inflation sind keinesfalls die Ziellinie. (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

Die Inflation ist in den USA und im Euroraum fast so schnell wieder gefallen, wie sie gestiegen war, und sie liegt nun in der Nähe des Notenbankziels von 2 Prozent. Doch um zu ermitteln, ob die Inflation tatsächlich besiegt ist, müssen wir uns zunächst einmal bewusst machen, warum sie seinerzeit gestiegen ist. Die Erklärung mag offensichtlich erscheinen: Jeder „weiß“, dass die Inflation in 2022/23 aufgrund externer Faktoren gestiegen ist, insbesondere Störungen der Lieferketten und Energiepreiserhöhungen, die weitgehend durch die COVID-19-Pandemie und den Ukraine-Krieg bedingt waren. Doch schon ein flüchtiger Blick auf die Daten zeigt Fehler in dieser Erklärung auf.

Die Energie- und Angebotsschocks, auf die die Inflation häufig zurückgeführt wird, waren von kurzer Dauer. Die Rohölpreise fielen nach wenigen Monaten zurück auf Vorkriegsniveau, und die für die Zeit im unmittelbar nach der Pandemie charakteristischen Angebotsverknappungen verschwanden im Jahresverlauf 2023. Wären diese Erschütterungen alles gewesen, was los war, wären die Preise steil gestiegen und dann rasch wieder gesunken, wobei sich negative Inflationsraten verfestigt hätten.

Aber das ist nicht passiert. Während die Preise für Energie und einige der Waren, an denen 2022 Mangel herrschte, gesunken sind, sind die meisten anderen Preise weiter gestiegen. Insbesondere hätten die beiden Schocks die Preise für Dienstleistungen kaum beeinflussen sollen, weil Dienstleistungen überwiegend Arbeitsleistungen erfordern und daher in erster Linie von den Löhnen abhängen und nicht von den Energiepreisen. Und doch sind die Preise für Dienstleistungen stetig gestiegen.

Wenn die Energiepreise steigen, stehen die Notenbanker vor einem Problem. Der Verbraucherpreisindex kann nur stabil bleiben, wenn andere Preise – überwiegend für Dienstleistungen – fallen. Doch gibt es einen Konsens unter Ökonomen und Notenbankern, dass Lohnsenkungen schwierig sind. Diese Lohnrigidität nach unten liegt dem Argument zugrunde, dass man die Notenbanken nicht für eine durch steigende Energiepreise verursachte Inflation verantwortlich machen sollte.

Jüngste Entwicklungen stellen diese Logik infrage. In den Jahren vor der COVID-19-Pandemie stiegen die Preise für Dienstleistungen in den USA um etwa 2–3 Prozent jährlich, doch die Preise für langlebige Güter fielen im Schnitt jedes Jahr ein bisschen, was zu einer durchschnittlichen Inflationsrate von rund 2,5 Prozent führte. Diese Kombination aus stabiler, aber moderater Inflation bei den Dienstleistungen und leicht fallenden Warenpreisen setzte sich über mehrere Ölpreisanstiege (wie etwa 2008 und 2013) hinaus fort. Es ist daher unwahrscheinlich, dass der jüngste steile Anstieg der Dienstleistungspreise – die in 2022/23 um 7 Prozent stiegen – lediglich durch einen Ölpreisschock bedingt war.

Natürlich könnten die Energiepreise einen großen Anteil der Gesamtinflation im Euroraum erklären. Die Erdgaspreise in Europa sind 2022 steil gestiegen. Obwohl sie wieder gesunken sind, sind sie weiterhin mehr als doppelt so hoch wie ein Jahr vor dem Ukraine-Krieg. Das erhöht nicht nur die Heizkosten, sondern auch die Kosten für viele Industrieprozesse, für die Nahrungsmittelproduktion und für Dienstleister wie das Gastgewerbe.

Der Energiepreisschock hatte daher in Europa vermutlich eine stärkere und länger anhaltende Wirkung auf die Preise vieler Komponenten im Konsumwarenkorb, insbesondere Nahrungsmittel und bestimmte Dienstleistungen. Trotzdem sind die Energiepreise zurückgegangen – und die Dienstleistungspreise nicht im Tandem mit ihnen gesunken. Nicht einmal ein Viertel der sechs Prozentpunkte betragenden „Desinflation“ im Euroraum während des letzten Jahres ist auf Dienstleistungen zurückzuführen. In den USA beträgt die Inflation bei den Dienstleistungen derweil rund 5 Prozent.

Die Frage ist also, warum die Energie- und Warenpreise vom traditionellen Entwicklungsverlauf – erst auf, dann ab – gefolgt sind, während der Dienstleistungssektor weiterhin von Inflationsdruck geplagt wird. Eine überzeugende Erklärung bietet ein Phänomen, das die Ökonomen als „rationale Unaufmerksamkeit“ bezeichnen: Wenn die Inflation niedrig und seit langem stabil ist, haben rational Handelnde nicht das Gefühl, dass sie viel über die Preise nachdenken müssen. Daher können die Löhne und die Preise für andere Waren als Energie stabil bleiben, selbst wenn die Energiepreise moderat schwanken – so wie das bis 2019 der Fall war.

Dieses Gleichgewicht bricht zusammen, wenn die Preise für Energie oder eine andere wichtige Vorleistung steil steigen. Der Anstieg der Energiepreise im Jahr 2022 führte – zusammen mit dem wichtigen geopolitischen Ereignis, das sie auslöste – dazu, dass die Leute aufmerksam wurden. Als einige deutlich sichtbare Preise wie die für Gebrauchtwagen aufgrund einer Kombination aus steigender postpandemischer Nachfrage und Störungen der Lieferketten innerhalb weniger Monate um fast 50 Prozent in die Höhe schossen, rückte die Inflation den wirtschaftlich Tätigen stark ins Bewusstsein.

Wenn Unternehmen und Arbeitnehmer der Inflation starke Aufmerksamkeit zollen, passen sie ihre eigenen Preis- und Lohnforderungen häufiger an. Dies erklärt, warum die Inflation sich von Energie und Autos auf die Gesamtwirtschaft ausweitete. Die Notenbanken, insbesondere die EZB, erkannten diese Veränderung 2022 nur langsam, und es wurde ihnen erst spät bewusst, dass sie sich nicht länger auf die günstige Erfahrung des vergangenen Jahrzehnts stützen konnten, als andere bedeutende Verschiebungen bei den Ölpreisen nur begrenzte Auswirkungen auf die Inflation hatten.

Das 2-Prozent-Ziel lediglich für einige Monate zu erreichen wird nicht ausreichen, um zu erreichen, was die Notenbanken tatsächlich anstreben sollten: eine Wirtschaft, in der Arbeitnehmer und Produzenten die Inflation vergessen.

Die Herausforderung, vor der die Notenbanker stehen, ist nicht so sehr, die Inflation von 3 Prozent auf 2 Prozent zu drücken – die „letzte Meile“ des Desinflationsrennens –, sondern sie dort so lange zu halten, dass die Menschen aufhören, sich darüber Sorgen zu machen, dass die Preise morgen wieder steigen könnten. Das 2-Prozent-Ziel ist also keinesfalls die Ziellinie; vielmehr markiert es den Beginn eines neuen Marathons.

Copyright: Project Syndicate, 2024.

www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen So bleiben deine Online-Finanzdaten geschützt

Heutzutage wird jede deiner Aktivitäten online nachverfolgt. Es fühlt sich an, als würde immer jemand deine Einkäufe im Internet...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Daniel Gros

                                                                            ***

Daniel Gros ist Direktor des europapolitischen Instituts der Università Commerciale Luigi Bocconi.

DWN
Finanzen
Finanzen ETF oder Investmentfonds: Warum viele Anleger das falsche Produkt wählen
11.04.2026

ETF, Investmentfonds oder Rentenfonds. Viele Anleger glauben, die richtige Wahl hänge vor allem von der Rendite ab. Tatsächlich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Jobabbau: Warum Frauen besonders betroffen sind
11.04.2026

Künstliche Intelligenz verändert den Bankensektor schneller als erwartet. Tausende Jobs stehen auf der Kippe, während Unternehmen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Meta-Urteil: Datenübertragung in die USA erlaubt – es bleiben Fragen
11.04.2026

Dürfen persönliche Daten von Facebook- und Instagram-Nutzern in die USA übertragen werden? Ein aktuelles Meta-Urteil sorgt für Klarheit...

DWN
Finanzen
Finanzen MSCI stuft Griechenland als entwickelten Markt ein: Chancen und Risiken für Anleger
11.04.2026

Griechenland steht mit der Aufnahme in die MSCI-Indizes wieder stärker im Fokus internationaler Investoren und signalisiert eine neue...

DWN
Immobilien
Immobilien Senkt schnelleres Bauen wirklich die Wohnkosten? Der Bauturbo- und Maßnahmen-Check
11.04.2026

Schwarz-Rot verspricht, dass der Bauturbo und sonstige Maßnahmen, die den Bau von Immobilien beschleunigen, unweigerlich zu Preisfall auf...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Eine nervöse Erholung an der Wall Street, während der brüchige Frieden hält
10.04.2026

Zwischen Hoffen und Bangen: Entdecken Sie, welche verborgenen Marktdynamiken aktuell den Takt vorgeben und für Überraschungen sorgen.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Wenn Heilung stört: Wie Coldplasmatech einen Milliardenmarkt herausfordert
10.04.2026

Das Medizinprodukt von Coldplasmatech revolutioniert die Heilung von chronischen Wunden. Für Millionen Patienten bedeutet es Erlösung von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Nahost-Konflikt treibt Ölpreis weiter an: Nordseeöl erreicht Rekordniveau
10.04.2026

Die Eskalation in der Straße von Hormus verschärft die Lage auf den Energiemärkten und setzt Preise sowie Lieferketten weltweit unter...