Panorama

CO2-Speicherung: Norwegen wird europäisches Drehkreuz – Deutschland ändert seine Haltung

Auf der norwegischen Insel Blomoyna entsteht Europas größtes Projekt zur CO2-Abscheidung. Auch Deutschland, als größter Luftverschmutzer des Kontinents, zählt zu den Unterstützern des 2,6 Milliarden-Euro-Vorhabens – und wünscht Änderungen des Regelwerks.
01.03.2024 10:00
Aktualisiert: 01.03.2024 17:00
Lesezeit: 3 min
CO2-Speicherung: Norwegen wird europäisches Drehkreuz – Deutschland ändert seine Haltung
Qualm strömt aus dem Schornstein eines Braunkohlekraftwerks. Deutschland ändert seine Haltung zur CO2-Speicherung. (Foto: dpa) Foto: Jan Woitas

Dienstleistungen rund um die Abscheidung und Speicherung von Treibhausgasemissionen wachsen zu einem gigantischen Markt heran, Experten erwarten schon gegen Ende des kommenden Jahrzehnts eine Industrie, deren Gesamtprojektwert die 1 Billion-Dollar-Marke überschreiten könnte. Derzeit gibt es weltweit Pläne für etwa 30 groß angelegte Zentren für die Abscheidung, den Transport und die Speicherung von Kohlenstoffemissionen. Dabei mangelt es nicht an innovativen Lösungen, die vom Staubsaugerprinzip zur Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre, über Recycling-Methoden und Wiedernutzbarmachung des Gases für die Industrie bis zu Endlagermodellen reichen.

Schätzungen zufolge müssten bis zum Jahr 2050 jährlich bis zu 10 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernt werden, um die globale Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen. Auf die Länder der EU entfallen dabei 450 Millionen Tonnen. Das Projekt im Westen Norwegens wird das erste derartige Drehkreuz werden, welches tatsächlich in Betrieb geht.

Neues Großprojekt startet in Norwegen

Schon im kommenden Jahr will Norwegen auf seiner kleinen Nordseeinsel Blomoyna nordwestlich von Bergen damit beginnen, CO2-Abfall in riesige unterirdische Kavernen einzuleiten und dort endzulagern. Der Zeitplan sieht vor, bereits im kommenden Jahr damit zu beginnen, Kohlendioxid aus westeuropäischen Produktionsstätten in ein Grundwasserreservoir 2,6 Kilometer tief unter den Meeresboden zu pumpen und darüber hinaus einen neuartigen internationalen Handel mit Industrieemissionen zu etablieren. Allerdings wird das ehrgeizige Ziel, jährlich bis zu beinahe einer halbe Milliarde Tonnen CO2 dem Endlager zuführen zu können in Fachkreisen derzeit noch als wenig realistisch eingeschätzt und das mit 2,6 Milliarden Euro nicht ganz billige Projekt auf Grund von Machbarkeitsfragen als Testfall klassifiziert.

Technisch ist das Vorhaben ausgesprochen anspruchsvoll. Angefangen beim sauberen Auffangen der Schadstoffe, über deren Verflüssigung, dann Transport zunächst via eigenem, bislang ungetesteten Pipelinenetz, weiter per Schiff zum Entladeterminal auf Blomoyna, bis hin zur zuverlässigen Speicherung der in Rede stehenden enormen Mengen tief unterhalb des Meeresbodens. Allein letzteres treibt die Kosten im Vergleich zu Onshore-Lösungen um ein Vielfaches in die Höhe. Unklar ist, ob die derzeit veranschlagten Kosten überhaupt realistisch sind, nach Auffassung der Boston Consulting Group besteht durchaus die Gefahr, dass sich dieses Projekt auf Grund der bestehenden technischen Herausforderung zu einem Fass ohne Boden entwickelt.

Immerhin gelang es Norwegen in einem ersten Projekt vor gut zehn Jahren nicht, diese Technologie in zwei Erdgasanlagen erfolgreich einzusetzen. Anwendungen im kleineren Maßstab funktionieren zwar grundsätzlich - Norwegens Ölförderer Equinor presst seit Mitte der 1990er Jahre CO2 direkt am Produktionsort in der Nordsee in den Meeresboden – sind jedoch noch immer anfällig. Der nun vorgesehene Umfang übersteigt sämtliche bisher unternommenen Versuche bei weitem.

Deutschland will Energiesektor ausklammern

Auch Deutschland unterstützt das norwegische Großprojekt und wirft damit zuvor bestehende Vorbehalte über Bord. Schließlich nimmt Deutschland mittlerweile den unrühmlichen ersten Platz ein, wenn es um die größten Umweltverschmutzer der EU geht. Unangefochten noch dazu, mit mehr als 670 Millionen Tonnen Treibhausgasausstoß übertraf Deutschland im vergangenen Jahr sogar die Gesamtmenge der beiden in dieser Rangliste folgenden Länder Italien und Frankreich. Deutschland stand dem Thema CCS (Carbon Capture and Storage) lange ablehnend gegenüber, Müll zu vergraben war unter Umweltschutzgedanken stets fragwürdig.

Der Blick auf die Realität, die mit den enormen Emissionsmengen im vollkommenen Gegensatz zu den umwelt- und klimapolitischen Zielen der derzeitigen Bundesregierung steht und damit Handlungsbedarf erzwingt, dürfte nun zum Richtungswechsel geführt haben. Bezeichnend ist jedoch, dass Deutschland den bisherigen EU-Vorschlag, der eine breite Nutzung des Endlagers vorsieht, nachgebessert sehen will. So befürwortet Berlin zwar die Speicherung von Emissionen, die der Stahl-, Zement- und Düngemittelindustrie entstammen, möchte jene, welche bei der Verbrennung fossiler Energieträger entstehen, jedoch ausgenommen wissen.

Selbstverständlich spielt es in der Gesamtbilanz keine Rolle, welchen Ursprung die jeweiligen Emissionen haben. Angesichts dessen, dass Deutschland nach dem Ausstieg aus seiner über lange Jahre hinweg sauberen Energieerzeugung und der nicht gleichwertig nutzbaren erneuerbaren Alternativen nun auf absehbare Zeit nicht ohne Kohle und Erdgas auskommen wird, liegt die Vermutung nahe, dass mit diesem Schritt vor allem die unweigerliche energiepolitische Kehrtwende gerechtfertigt, den Hauptverursachern der vorhersehbare erhebliche Aufwand erspart und die ohnehin angespannte Haushaltslage nicht noch weiter belastet werden soll. Modelle zeigen, dass sich der aktuelle CO2-Preis verdoppeln bis verdreifachen müsste, damit die Einspeicherung überhaupt wirtschaftlich sinnvoll wird. Würde der EU-Plan umgesetzt werden, der ja Emissionen aus der Energieerzeugung beinhaltet, ist es nicht unrealistisch anzunehmen, hierzulande ein weiteres Sondervermögen schaffen zu müssen. Ohne erhebliche Subventionen für die Branche würde es dann angesichts des derzeitigen deutschen Energiemix nicht gehen.

Einige Unternehmen gehen ins Risiko

Vor diesem Hintergrund zeigt sich die Industrie unter dem Strich eher zurückhaltend, bislang sind nur wenige bereit, die finanziellen Risiken auf sich zu nehmen und die technischen Herausforderungen anzugehen. Hierzulande gehörte die Kassler Wintershall Dea und das Chemieunterhemen INEOS zu den Pionieren, die Anfang 2023 zum ersten Mal Kohlenstoff aus Belgien in eine dänische Lagerstätte transportierten. Derweil baut der Erdgasfernleitungsnetzbetreiber Open Grid Europe GmbH (OGE) sein CO2-Pipelinenetz erheblich aus, mehr als 100 Unternehmen haben bereits den Anschluss, über welches die CO2-Exportterminals in Wilhelmshaven, Rotterdam und Antwerpen/Zeebrügge erreichbar sind, beantragt.

Für das norwegische Großprojekt ist als Erstnutzer die deutsche Heidelberger Materials AG vorgesehen. Das Unternehmen wird Kohlenstoff aus seinem etwa 450 km entfernten Zementwerk in Brevik bei Oslo durch das dortige Netz zum Ziel in Blomoyna schicken. Norwegen selbst rechnet zwar mit einem schleppenden Beginn des operativen Betriebs, geht aber davon aus, innerhalb von zehn Jahren zum maßgeblichen Player dieser noch jungen Branche herangewachsen zu sein.

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