Finanzen

Frühjahrsgutachten 2024: Wirtschaftsweise warnen vor schwachem Wachstum in Deutschland

Deutschland steht vor einer wirtschaftlichen Erholung, aber vor einer langsamen. Die Wirtschaftsweisen äußern in ihrem Frühjahrsgutachten 2024 Bedenken wegen schwacher Nachfrage, geopolitischer Risiken und struktureller Herausforderungen.
15.05.2024 19:34
Lesezeit: 2 min

Trotz leichter Stabilisierungstendenzen lässt eine kräftige Konjunkturerholung in Deutschland weiter auf sich warten. Der Sachverständigenrat (SVR) zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung prognostiziert für das Jahr 2024 lediglich ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,2 Prozent. Er erwarte eine geringfügige Steigerung auf 0,9 Prozent im Jahr 2025.

Die Inflation soll von 2,4 Prozent im Jahr 2024 auf 2,1 Prozent im nächsten Jahr sinken. Diese vorsichtige Erholung wird laut Frühjahresgutachten 2024 von einer weiterhin schwachen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und anhaltenden geopolitischen Risiken überschattet. „Die privaten Haushalte konsumieren aktuell noch zurückhaltend, die Industrie und die Baubranche verzeichnen nur geringfügige neue Aufträge“, erklärt Martin Werding, Mitglied des SVR.

Als Reaktion auf das Frühjahresgutachten des SVR fordert die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) Impulse für nachhaltiges Wachstum. „Die Stimmung der Unternehmen bleibt gedrückt. Die Betriebe haben nicht nur mit konjunkturellem Gegenwind, sondern auch mit strukturellen Herausforderungen zu kämpfen, wie hohen Energiekosten und Schwierigkeiten, Personal zu finden“, sagte Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer der DIHK. Er betonte die Notwendigkeit von Maßnahmen, die direkt bei den Unternehmen ansetzen, um die Wirtschaft wieder auf einen langfristigen, robusten Wachstumspfad zu bringen.

Exporte und Weltwirtschaft als Wachstumsmotor

„Im laufenden und im kommenden Jahr werden die deutschen Exporte vom steigenden Welthandel profitieren. Allerdings sehen sich die exportorientierten Unternehmen mit einem scharfen Wettbewerb, steigenden Arbeitskosten und weiterhin hohen Energiepreisen konfrontiert“, sagt Veronika Grimm, ein weiteres Mitglied des SVR. Eine potenzielle Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank könnte die Finanzierungsbedingungen verbessern und private Investitionen ankurbeln, wobei erste positive Effekte frühestens 2025 erwartet werden.

Die geopolitische Lage, insbesondere der anhaltende Krieg in der Ukraine und die Spannungen im Nahen Osten, stellen erhebliche Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung dar. Eine Eskalation könnte die Energiepreise weiter in die Höhe treiben und die ohnehin fragile wirtschaftliche Erholung Deutschlands gefährden.

Arbeitsmarkt und strukturelle Herausforderungen

Der Arbeitsmarkt zeigt ebenfalls Schwächen: Die Demografie und sinkende durchschnittliche Arbeitszeiten verschärfen die Lage. „Unternehmen fällt es zunehmend schwer, offene Stellen zu besetzen, gleichzeitig halten sie trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten an ihren Mitarbeitern fest“, betont Achim Truger, ein weiteres Ratsmitglied. Die restriktive Fiskalpolitik und die Unsicherheiten in der Haushalts- und Wirtschaftspolitik trüben die mittelfristigen Aussichten.

Hauptgeschäftsführer der DIHK, Wansleben, merkt an, dass erhebliche Investitionen in die Modernisierung der Infrastruktur nötig sind, besonders im Bereich des Güterverkehrs. „Eine Verlagerung nennenswerter Gütermengen auf die Schiene und das Binnenschiff ist nur langfristig möglich. Der Straßengüterverkehr wird auch in Zukunft die Hauptlast tragen müssen“, erklärt Wansleben. Er fordert, dass neben der Elektrifizierung auch alternative Energien berücksichtigt werden müssen, um nicht die bereits hohen Belastungen durch Steuern weiter zu erhöhen.

Zukunftsaussichten und Herausforderungen

Die mittelfristigen Wachstumsaussichten der deutschen Wirtschaft sind gedämpft, mit einem erwarteten Potenzialwachstum von nur 0,5 Prozent im Jahr 2024 und weiter sinkend bis 2029. Dies stellt die Wirtschaftspolitik vor große Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf die Gestaltung effektiver Maßnahmen zur Stärkung der Konjunktur und der Bewältigung struktureller Schwächen.

In einer Zeit globaler Unsicherheiten und struktureller Herausforderungen bleibt die Erholung der deutschen Wirtschaft dem aktuellen Frühjahrsgutachten zufolge eine langsame und vorsichtige Angelegenheit, geprägt von der Notwendigkeit politischer Weitsicht und wirtschaftlicher Anpassungen.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Farhad Salmanian

Zum Autor:

Farhad Salmanian arbeitet bei den DWN als Online-Redakteur. Er widmet sich den Ressorts Politik und Wirtschaft Deutschlands sowie der EU. Er war bereits unter anderem für die Sender BBC und Radio Free Europe tätig und bringt mehrsprachige Rundfunkexpertise sowie vertiefte Kenntnisse in Analyse, Medienbeobachtung und Recherche mit.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft „Ein Albtraum für den Handel“: EU kontert Trumps Strafzoll-Drohungen
19.01.2026

Donald Trump will mit Strafzöllen Druck auf Europa ausüben – doch kann er sich dabei überhaupt einzelne EU-Staaten herauspicken?...

DWN
Finanzen
Finanzen Novo Nordisk-Aktie fällt kräftig: Was sind die Gründe – und ist das die Chance zum Einstieg?
19.01.2026

Die Novo Nordisk-Aktie startet nach einer starken Aufwärtsrally überraschend schwächer in die neue Börsenwoche. Hinter dem Rücksetzer...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Anleihemarkt in Alarmbereitschaft: Aus Sicht eines Top-Ökonoms wächst das Risiko für Investoren
19.01.2026

Ein dänischer Star-Ökonom schlägt in den USA Alarm: Die Mischung aus aggressiver Finanzpolitik, politischem Druck auf die Notenbank und...

DWN
Finanzen
Finanzen Experten an den US-Börsen: Goldpreis zu hoch – weg aus den USA, kaufen Sie diese Aktien
19.01.2026

Geopolitische Schocks, politische Unberechenbarkeit und dennoch: Die Börsen laufen weiter. Während Gold auf Rekordniveau polarisiert,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft IWF sieht Deutschland 2026 stärker wachsen – Optimismus für Wirtschaft
19.01.2026

Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet damit, dass die deutsche Wirtschaft 2026 stärker wächst als andere G7-Staaten. Damit...

DWN
Panorama
Panorama Putins Angst vor Journalisten: Der Fall eines norwegischen Mediums
19.01.2026

Fünf Journalisten im norwegischen Grenzort Kirkenes geraten ins Visier des Kreml: Russland erklärt ihr Medium zur „unerwünschten...

DWN
Politik
Politik Elektroauto-Kaufprämie: Schneider lockt mit bis zu 6.000 Euro Förderung
19.01.2026

Die Bundesregierung fördert den Kauf oder das Leasing von Elektroautos wieder mit bis zu 6.000 Euro. Umweltminister Carsten Schneider...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Start-up-Finanzierung 2025 steigt wieder – Bayern überholt Berlin
19.01.2026

Deutsche Start-ups profitieren 2025 von einem leichteren Zugang zu Investorengeldern. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft EY...