Politik

Der Bankier der Armen: Muhammad Yunus regiert Bangladesch übergangsweise

Nach den blutigen Unruhen in Bangladesch übernimmt der Vater der Mikrokredite das Ruder. Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus wird als Chef der Übergangsregierung vereidigt. Kommt das Land zur Ruhe?
09.08.2024 05:00
Lesezeit: 2 min

Nach wochenlangen Unruhen in Bangladesch mit vielen Toten und der Flucht der autoritären Ministerpräsidentin Sheikh Hasina soll der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus seinem Heimatland wieder Ruhe bringen. Kurz nach seiner Rückkehr von einem Aufenthalt in Frankreich wurde der auch als "Bankier der Armen" bekannte 84-Jährige mit dem Rückhalt des mächtigen Militärs als Übergangsregierungschef vereidigt. Yunus soll so lange an der Macht bleiben, bis es Neuwahlen gibt. Wann diese stattfinden, war zunächst unklar. Er ist der Wunschkandidat der Teilnehmer an den Massenprotesten gegen die Regierung.

Hoffnung in Hauptstadt Dhaka und große Erwartungen an einen Neubeginn

Die Zeremonie im Bangabhaban, der offiziellen Residenz des Staatspräsidenten Mohammed Shahabuddin in der Hauptstadt Dhaka, begann am späten Abend mit einer Schweigeminute zum Gedenken an die Getöteten bei den Unruhen. Anschließend las ein Imam aus dem Koran vor. Neben Yunus nahm der Präsident 13 ernannten Mitgliedern des künftigen Übergangskabinetts den Eid ab - zwei davon sind Anführer der Studentenproteste. Weitere drei Kabinettsmitglieder sollten später ihren Eid ablegen. Geladen waren unter anderem Militärs, Regierungsbeamte und weitere Mitglieder der Protestbewegung. Aus der Partei der Ex-Regierungschefin, der Awami-Liga, war niemand anwesend, wie es aus Kreisen um den Präsidenten hieß.

Auf dem Wirtschaftsfachmann Yunus - ein entschiedener Kritiker Hasinas - liegen die Hoffnungen, das Land mit seinen mehr als 170 Millionen Einwohnern aus der Krise führen zu können. Bangladesch könne das Versprechen einer Wiedergeburt erfüllen, meinte Yunus nach seiner Ankunft am Flughafen der Hauptstadt, wo ihn Armeechef Waker-uz-Zaman sowie Anführer der Studentenproteste empfangen hatten. Es gebe die Hoffnung, dass die Jugend das Land aufbauen könne. "Bangladesch kann ein wunderbares Land sein." Seinen Landsleuten rief er zu, die Nation müsse vor Gewalt bewahrt werden.

Die Übergangsregierung habe eine Möglichkeit, Bangladesch wieder in Richtung echte Demokratie zu führen, sagt der Experte Thomas Kean von der regierungsunabhängigen Crisis Group. Er erwarte, dass Yunus politische und wirtschaftliche Reformen umsetzen möchte. Dies könnte allerdings schwierig werden, wenn die Bangladesh Nationalist Party - die zweite große Partei neben der Awami-Liga Hasinas - auf schnelle Neuwahlen dringe.

Blutige Proteste in Bangladesh halten seit Tagen an - mehr als 400 Tote sind zu beklagen

Die langjährige Regierungschefin war am Montag nach den Massenprotesten und tödlichen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften zurückgetreten und mit einem Militärhubschrauber zunächst nach Indien geflohen. Bei den Protesten seit Juli starben örtlichen Medien zufolge mehr als 400 Menschen.

Nach der Flucht Hasinas wurde die Entscheidung für Yunus bei einem Treffen des Präsidenten mit Vertretern der Protestbewegung und des Militärs getroffen. Die Streitkräfte hatten Beobachtern zufolge zuletzt de facto die Macht in dem südasiatischen Land inne.

Auch nach dem Rücktritt der Regierungschefin und den Plänen für eine Übergangsregierung kam es Berichten zufolge weiter vereinzelt zu Gewalt. Es habe erneut Tote gegeben, die meisten seien Anhänger Hasinas, gewesen, hieß es. Auch wurden etliche Polizeistationen niedergebrannt. Gleichzeitig übernahmen Studenten einige Aufgaben der Polizei. An mehreren Kreuzungen in der Hauptstadt regelten sie etwa den Verkehr. Andere säuberten Wände von Graffitis, die gegen die frühere Regierung gerichtet waren.

Muhammad Yunus bekam als Erfinder der Mikrokredite sogar den Friedensnobelpreis

Yunus ist der Erfinder der Mikrokredite. Mit seiner in den 80er Jahren gegründeten Grameen-Bank vergab er kleine Darlehen an arme Menschen, die andernfalls keine normalen Bankkredite erhalten hätten, damit sie sich selbstständig machen können. Überall auf der Welt fand er Nachahmer: Als Yunus im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis erhielt, gab es Kleinkreditgeber in mehr als 100 Ländern.

Auch bei den Protesten spielte das Thema Armut eine wichtige Rolle. Trotz eines wirtschaftlichen Aufschwungs unter Hasina - das Land hat die zweitgrößte Textilindustrie der Welt - haben viele Menschen Mühe, über die Runden zu kommen: Die Arbeitslosigkeit und Inflation sind hoch. Aufgrund einer geplanten, kontroversen Quotenregelung im Staatsdienst fürchteten viele Demonstranten, dass der Zugang zu den begehrten Jobs in Gefahr war, was die Proteste auslöste. Das Oberste Gericht drehte die Regelung zwar weitgehend zurück, doch dauerten die Proteste gegen die Regierung an.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gestiegene Betriebskosten: Wachsender Druck auf Produktionsbetriebe

Die deutsche Wirtschaft steht im Jahr 2026 vor enormen Herausforderungen, welche die Gewinnspannen der Betriebe spürbar verringern. Laut...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: US-Aktien schließen uneinheitlich, während sich die Rendite 10-jähriger Anleihen 5,2 Prozent nähert
24.09.2026

Erfahren Sie, welche Kräfte die Wall Street aktuell in Atem halten und was das für Ihre Anlagen bedeutet.

DWN
Politik
Politik Debatte im Bundestag: Neuer Anlauf für umstrittene Widerspruchsregelung bei Organspenden
24.09.2026

Tausende schwerkranke Patienten warten dringend auf ein Spenderorgan wie eine Niere oder eine Leber. Um die Zahl der Transplantationen zu...

DWN
Politik
Politik Tiefe Gräben beim Staatsvertrauen: Wie die Bürger das politische System bewerten
24.09.2026

Während eine breite Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland nach wie vor auf die Qualität der Demokratie vertraut, offenbart eine neue...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Audi China-Modelle: Diese Elektroautos will Audi in Deutschland stoppen
24.09.2026

Audi entwickelt Elektroautos eigens für China, doch plötzlich stehen sie bei Händlern in Deutschland. Was wie ein Erfolg der eigenen...

DWN
Politik
Politik EuGH-Urteil zu Energiepreisen: Grundsatzentscheidung stärkt Rechte der Verbraucher und widerspricht dem BGH
24.09.2026

Jahrelang zu hohe Beträge für Wärme gezahlt? Nach einer Grundsatzentscheidung des Europäischen Gerichtshofs verjähren...

DWN
Technologie
Technologie Rückgang bei Industrierobotern: Deutschland droht im weltweiten Wettlauf den Anschluss zu verlieren
24.09.2026

Trotz seiner führenden Rolle bei der industriellen Automatisierung in Europa gerät der Standort Deutschland im globalen Vergleich ins...

DWN
Politik
Politik Atempause beim Tanken vorbei? Spritpreise steigen wieder an
24.09.2026

Autofahrer müssen nach einer kurzen Verschnaufpause an den Zapfsäulen wieder mit höheren Ausgaben rechnen. Obwohl Benzin und Diesel im...

DWN
Technologie
Technologie Experten schlagen Alarm: Forderungen nach grundlegendem Umdenken bei KI-Konzernen
24.09.2026

Angesichts potenziell unkontrollierbarer Gefahren durch Künstliche Intelligenz dringen Fachleute auf neue Regeln für die führenden...