Politik

Syrien: Abu Mohammed al-Dschulani – der Mann an der Spitze der Rebellen-Offensive

Abu Mohammed al-Dschulani, einst ein prominenter Extremist mit Verbindungen zu Al-Kaida, hat sich zu einem kontroversen Akteur im syrischen Bürgerkrieg gewandelt. Heute steht er an der Spitze der Rebellenoffensive gegen das Regime von Baschar al-Assad und wird von manchen als „Lokalheld“ gefeiert. Doch wer ist der 42-jährige Anführer der islamistischen Gruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS)?
07.12.2024 12:29
Aktualisiert: 08.12.2024 12:29
Lesezeit: 2 min

Vom Extremisten zum Anführer der HTS

Die Rebellenallianz, die Al-Dschulani anführt, erzielt derzeit rasante Gebietsgewinne in Syrien. Ihr Ziel ist es, das Assad-Regime zu stürzen. Doch Al-Dschulanis Vergangenheit wirft einen langen Schatten: Die USA haben seit Jahren ein Kopfgeld von zehn Millionen US-Dollar auf ihn ausgesetzt. In den letzten Jahren hat der HTS-Anführer jedoch einen bemerkenswerten Imagewandel vollzogen. Vom international geächteten Extremisten versucht er sich als gemäßigter und strategisch denkender Anführer zu positionieren. Sein wachsender Zuspruch in Teilen der Bevölkerung zeigt, wie effektiv dieser Wandel wirkt – insbesondere inmitten der Erfolge der Rebellenallianz gegen die Assad-Truppen.

Al-Dschulani, bürgerlich Ahmed Hussein al-Scharaa, begann seine militante Karriere 2003 im Irak, wo er sich extremistischen Gruppen anschloss, um gegen US-Truppen zu kämpfen. Dort war er Teil der frühen Al-Kaida-Strukturen, aus denen später der sogenannte Islamische Staat (IS) hervorging. Mit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs 2011 kehrte Al-Dschulani nach Syrien zurück, um die Al-Nusra-Front zu führen, einen syrischen Ableger von Al-Kaida. Doch 2014 trennte er sich sowohl vom IS als auch von Al-Kaida. Er konzentrierte sich fortan auf den Kampf innerhalb Syriens und wandte sich gegen andere extremistische Gruppen im Nordwesten des Landes. Seitdem hat sich die Al-Nusra-Front mehrfach neu positioniert und umbenannt. Heute ist sie als Haiat Tahrir al-Scham bekannt und verfolgt einen klaren Fokus: die Befreiung Syriens.

Ein Wandel im Bürgerkrieg

Laut dem Syrien-Experten Orwa Ajjoub ist Al-Dschulani „sehr daran interessiert, zu herrschen“. Unter seiner Führung hat HTS eine alternative Regierungsstruktur im Nordwesten Syriens etabliert. Diese Region wird von Oppositionskräften wie HTS kontrolliert, während Assad weiterhin zwei Drittel des Landes beherrscht – unterstützt von Russland und dem Iran.

Obwohl die USA und die EU HTS weiterhin als Terrororganisation einstufen, hat sich Al-Dschulani bemüht, sein internationales Ansehen zu verbessern. Beobachter sehen ihn zunehmend als „Sicherheitsgaranten“, der den Westen aktuell nicht direkt bedroht. Der Experte Ajjoub bestätigt: „Für Al-Dschulani sind der Islamische Staat und Al-Kaida Geschichte.“

Vorteile für die Türkei und die Region

Auch für die Türkei bietet Al-Dschulanis Stabilisierung der von HTS kontrollierten Gebiete Vorteile. Ankara erhofft sich, syrische Flüchtlinge in ihre Heimat zurückschicken zu können. Al-Dschulanis entschlossene Bekämpfung von IS- und Al-Kaida-Zellen trägt dazu bei, eine relative Stabilität in der Region aufrechtzuerhalten.

In einem Interview mit CNN betonte Al-Dschulani seinen Plan, in Syrien ein auf Institutionen basierendes Regierungssystem zu etablieren. Dabei wolle er keine „Herrschaft von Einzelpersonen oder persönliche Launen“ zulassen. Kritiker wie Riad Kahwadschi, Gründer des Militärinstituts INEGMA, sehen jedoch in seinem Wandel vor allem Opportunismus: Al-Dschulani inszeniere sich als „nationalistische Figur“ und rufe zur Koexistenz mit Minderheiten auf.

Vom umstrittenen Führer zum „Lokalhelden“

Trotz seines Wandels bleibt Al-Dschulani eine umstrittene Figur. Noch vor einem Jahr gab es regelmäßige Proteste gegen seine Herrschaft, bei denen ihm willkürliche Verhaftungen und das Vorgehen gegen politische Gegner vorgeworfen wurden. Doch mit Beginn der Rebellenoffensive hat sich das Blatt gewendet.

Experten berichten, dass Al-Dschulani durch den militärischen Erfolg die Unterstützung vieler Menschen gewinnen konnte. „Jetzt ist nicht die Zeit für Demonstrationen, sondern zum Kämpfen“, lautet der Tenor in Idlib. Diese Entwicklung hat Al-Dschulani in einen „lokalen Helden“ verwandelt, der für viele Menschen sogar über die Grenzen Syriens hinaus an Bedeutung gewinnt.

Syrien-Krieg: Ein Jahrzehnt des Konflikts

Der syrische Bürgerkrieg begann 2011 mit Protesten gegen die Assad-Regierung. Die brutale Reaktion der Sicherheitskräfte führte zu einer Eskalation, die Hunderttausende Menschen das Leben kostete. Heute ist das Land in verschiedene Einflusszonen zersplittert.

Al-Dschulani ist dabei eine zentrale Figur des Konflikts geblieben – ein Anführer, dessen Transformation und Ambitionen Syriens Zukunft maßgeblich beeinflussen könnten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB-Leitzinsen: Die Zinswende kommt anders als erwartet
10.10.2026

Erst schien die nächste Zinserhöhung der EZB fast sicher, jetzt rudern die Finanzmärkte zurück. Trotz hartnäckiger Inflation und...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Anleger wägen SpaceX-Schritt ab, während die Wall Street boomt
09.10.2026

Wie ein überraschender Deal die Kräfteverhältnisse an der Börse nachhaltig verschiebt.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Finanz Informatik: Der unsichtbare Riese hinter der Sparkassen-Digitalisierung
09.10.2026

Vom Online-Banking bis zu Wertpapiergeschäften – die Finanz Informatik digitalisiert 338 Sparkassen und betreut rund 114 Millionen...

DWN
Politik
Politik Brüssel schlägt vor: weniger Kommissare, weniger Vetos, mehr Schutzklauseln und 15 Jahre Kontrolle neuer Mitglieder
09.10.2026

Die Europäische Kommission will in den bisherigen Mitgliedstaaten Unterstützung für die Erweiterung gewinnen, da dort Sorgen über die...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Sechs Gründe, warum die Micron-Aktie zum Kauf einlädt
09.10.2026

Das Problem besteht nicht darin, einen Grund für den Kauf zu finden, sondern sich zu vergewissern, dass man davon nicht bereits zu viel im...

DWN
Politik
Politik Per Haftbefehl gesucht: Mehr als 148.000 offene Haftbefehle in Deutschland
09.10.2026

Warum bleiben Tausende Haftbefehle in Deutschland offen? Welche Rolle spielen Ersatzfreiheitsstrafen und die Staatsangehörigkeit dabei?

DWN
Unternehmen
Unternehmen Entstehung eines Mega-Reeders stockt: Israel hat ZIM-Übernahme noch nicht genehmigt
09.10.2026

Hapag-Lloyd will mit der Übernahme von ZIM einen der größten Deals seiner Geschichte abschließen. Doch Israel hat dem 4,2 Milliarden...

DWN
Politik
Politik DWN-Podcast Folge 46: Die Woche im Rückblick – KW 41
09.10.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...