Politik

Wenn Europa falsch reagiert, wird Trump zur echten Gefahr für die NATO

Donald Trump ist zurück – und mit ihm die Zweifel an der Zukunft der NATO. Ex-Sicherheitsberater John Bolton warnt: Nicht Trump allein bedroht das Bündnis, sondern auch Europas überhastete Reaktionen.
20.05.2025 19:00
Lesezeit: 4 min

„Wähler wollten nicht Trump, sondern etwas anderes“

Trumps Kurs, der bereits zur Schwächung der transatlantischen Allianz, zu einem Handelskrieg und zu Erschütterungen der amerikanischen Demokratie geführt hat – markiert er das Ende einer Weltordnung, die über Generationen hinweg Frieden und Wohlstand sicherte? Oder ist alles nur eine Episode?

John Bolton – während Trumps erster Amtszeit Nationaler Sicherheitsberater, eine der mächtigsten Positionen im amerikanischen Machtgefüge – ist überzeugt: Es ist Letzteres.

„Zweifellos hat Donald Trump bereits großen Schaden angerichtet – und er wird weitermachen“, sagt Bolton. „Aber vieles davon wird sich rückgängig machen lassen, sobald ein neuer Präsident im Amt ist. Trump ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, die höchstens 15 bis 20 Prozent der Wählerschaft repräsentiert.“

Warum also wurde Trump wiedergewählt?

„Weil die Wähler in meinen Augen etwas anderes wollten als Kamala Harris – und weil sie sich Sorgen um Einwanderung und Inflation machten. Nicht, weil sie eine NATO-feindliche Politik und Handelskriege wollten“, so Bolton.

In diesen Punkten sieht er keine breite Unterstützung für Trump in der Bevölkerung. „Es gibt seit jeher isolationistische Strömungen in den USA. Doch wir haben sie bisher unter Kontrolle gehalten – und das wird wieder gelingen.“

„Die Welt endet nicht mit Trump“

Boltons Botschaft an die internationale Gemeinschaft ist klar: „Ich verstehe, dass Trumps Verhalten beunruhigend ist – aber das gilt auch für die Mehrheit der Amerikaner. Diese Episode wird vorbeigehen.“

„Die Welt endet nicht mit Donald Trump. Mit jedem Tag, der vergeht, rückt sein Abgang näher.“

2018 hatte Trump Bolton zum Nationalen Sicherheitsberater ernannt – einer Position, die bereits unter Reagan und Bush junior zu Boltons Aufgabenfeld gehörte. Als Trump ihn 2019 entließ, wurde Bolton zu einem der schärfsten Kritiker des Präsidenten.

Er beschreibt die Arbeit mit Trump als „Flipperspiel“: „Keine Prozesse, keine Konzentration, er springt zwischen Meinungen hin und her – und er weiß bemerkenswert wenig über die Welt.“

Er habe angenommen, Trump werde sich unter dem Druck des Amtes disziplinieren. „Doch das war ein Irrtum.“

„Trump glaubt, der Klügste zu sein – und lernt nichts“

Trump stelle sich in der Öffentlichkeit oft als Experte dar – und das sei keine Pose, so Bolton: „Er glaubt wirklich, der Klügste zu sein. Gleichzeitig ist er unfähig, andere Perspektiven einzunehmen. Er denkt nicht über Konsequenzen nach, erkennt keine Zusammenhänge, hat keine Strategie – nur den Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen.“

Als Sicherheitsberater hatte Bolton Zugang zu den geheimsten Informationen der US-Regierung. Doch bei Briefings sprach Trump mehr als seine Berater. „Er weiß fast nichts über die Welt – er ist erschreckend ungebildet.“

„Dieses Mal ist Trump besser vorbereitet“

Trump sei nun besser vorbereitet auf die Ausübung der Macht, meint Bolton: „Bei seinem Amtsantritt 2016 wusste niemand aus seinem Umfeld, wie man regiert. Dieses Mal läuft alles ganz anders.“

Dennoch sieht Bolton auch bremsende Faktoren:

  1. Das momentane hohe Tempo werde nicht anhalten – „Trump ist zwar manisch, aber diese Aktivität wird abnehmen“.
  2. Trumps Einsatz von Notverordnungen – etwa bei Zöllen – sei rechtlich angreifbar. „Er überschreitet seine Befugnisse.“
  3. Trump sei bereits jetzt eine „lame duck“, da er nicht erneut kandidieren könne. Innerhalb der Partei nehme die Unterstützung ab. „Seine Zustimmungswerte sinken, Parteifreunde werden auf Distanz gehen.“

„System wird standhalten“

Ist es nicht naiv, sich auf Institutionen wie Gerichte und Kongress zu verlassen – genau jene, die Trump unter Druck setzt?

„Es ist möglich, dass er den Supreme Court ignoriert. Ich bin enttäuscht über die Nachgiebigkeit in beiden Parteien. Aber sie werden aufwachen – da bin ich sicher.“

Das System werde halten, glaubt Bolton: „Es wird unter Druck geraten – aber unsere Demokratie hat schon größere Krisen überstanden. Panik ist fehl am Platz.“

Warnung an Europa: Keine Überreaktionen

Bolton widerspricht damit Stimmen wie Jake Sullivan, Bidens bisherigem Sicherheitsberater, der vor irreparablen Schäden in den Beziehungen zwischen Europa und den USA gewarnt hatte.

Boltons Warnung richtet sich an Europas politische Führung: „Trump ist nicht das Ende der Welt – es sei denn, unsere Partner machen ihn dazu. Alles hängt davon ab, wie Europa und die NATO reagieren.“

Er kritisiert Äußerungen westlicher Regierungschefs: Bundeskanzler Friedrich Merz wolle „Unabhängigkeit von den USA“, EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas rufe nach einer neuen Führung der freien Welt, Kanadas Premier Carney erklärte das Ende enger transatlantischer Bindungen.

„Wenn Merz, Kallas und Carney so reden, ist das gefährlich. Sie liegen falsch. Solche Aussagen liefern Trump nur einen Vorwand, sich abzuwenden.“

„Europa darf keine Gegenmaßnahmen im Handelskrieg ergreifen“

Auch im Handelsstreit rät Bolton zur Vorsicht: EU-Kommissionschefin von der Leyen drohte kürzlich mit milliardenschweren Gegenzöllen, falls kein Deal mit den USA zustande kommt.

Bolton warnt: „Zölle sind eine versteckte Steuer für die eigenen Bürger. Europa sollte Trump nicht spiegeln – das wäre ein Fehler. Besser wäre es, ihn im Konflikt mit China als Verbündeten zu gewinnen und so zu mäßigen.“

NATO-Zweifel: Droht Trump mit Abwendung von Europa?

Seit seiner ersten Amtszeit stellt Trump infrage, ob die USA Bündnispartner militärisch schützen, die nicht genug ins eigene Militär investieren. Zugleich pflegte er bilaterale Kontakte zu Putin.

Im Zentrum steht Artikel 5 des NATO-Vertrags – der Angriff auf ein Mitglied gilt als Angriff auf alle.

Bolton: „Wenn das angegriffene Land genug fürs Militär ausgibt, wird die USA helfen – so hat es Trump gesagt.“

Glaubt er ihm?

„Ja.“

Würde Trump wirklich US-Soldaten für Europa opfern?

„Ja, das glaube ich. Und ich glaube nicht, dass Putin ein NATO-Land angreifen will oder kann – sein Militär ist stark geschwächt.“

Europa bleibt abhängig

Trotz aller Aufrüstungspläne – Bolton glaubt nicht, dass Europa ohne die USA auskommt.

„Man kann alles ersetzen – theoretisch. Aber die USA liefern die Infrastruktur und das Rückgrat der NATO. Logistik, Aufklärung – das ist nicht ersetzbar.“

Selbst wenn Europa zusammenarbeitet – Bolton sieht keine Beweise, dass es langfristig allein bestehen kann.

„Ablenken statt provozieren“

Sein Rat an Europa lautet daher: „Tut alles, um Trump von einem NATO-Austritt abzuhalten – lenkt ihn ab, haltet ihn bei Laune. Und wenn er abtritt, können wir die Schäden beheben.“

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