Wirtschaft

Politökonom Mark Blyth: Inflation bleibt – weil sich die Welt strukturell verändert

Die Inflation ist nicht mehr temporär – sie ist strukturell. Politökonom Mark Blyth erklärt, warum Zinsen versagen, Angebotspolitik gefragt ist und Deutschland besonders gefährdet ist.
21.07.2025 15:10
Lesezeit: 2 min

Politökonom Mark Blyth befürchtet strukturelle Inflation

Vergessen Sie die Zeit der stabilen Preise: Die niedrige Inflation vor der Pandemie war ein historischer Ausnahmezustand. Der neue Normalzustand heißt strukturelle Teuerung – und sie wird nicht durch Geldpolitik gebändigt. Zu diesem Schluss kommt der Politökonom Mark Blyth von der Brown University in New York.

Er argumentiert, dass nicht übermäßige Geldmengen oder staatliche Ausgaben, sondern anhaltende Angebotsschocks für den Preisdruck verantwortlich sind. Diese entstehen durch eine Mischung aus geopolitischen Umbrüchen, Klimakrisen und einer Rückabwicklung der Globalisierung. Gemeinsam mit dem Ökonomen Nicolò Fraccaroli arbeitet Blyth derzeit am Buch „Inflation: Ein Leitfaden für Nutzer und Verlierer“.

Neue Ära der Angebotsschocks

Die Inflation der 1970er-Jahre wird laut Blyth oft falsch verstanden. Damals wie heute seien es mehrere überlagerte Angebotsschocks gewesen – etwa Ölkrisen, der Vietnamkrieg und verändertes Konsumverhalten durch den Eintritt neuer gesellschaftlicher Gruppen in den Arbeitsmarkt –, die den Preisanstieg antrieben. Auch die jüngsten Preiswellen während der Pandemie seien nicht durch Geldtransfers ausgelöst worden. Vielmehr habe der Zusammenbruch globaler Lieferketten den Auslöser geliefert. Die Inflation sei in nahezu allen Ländern gestiegen – unabhängig von der Fiskalpolitik. Das zeige, dass klassische geldmengenbasierte Erklärungen nicht mehr greifen.

Laut Blyth war das „Inflationswunder“ zwischen 1987 und 2007 historisch einmalig. Möglich wurde es durch stabile Energiepreise, billige Importe aus China und ein massives globales Arbeitskräfteangebot. Doch diese Ära sei vorbei: Handelskonflikte, Reindustrialisierung und geopolitische Fragmentierung erzeugten heute anhaltenden Aufwärtsdruck auf die Preise. Trumps US-Zölle bezeichnet Blyth als „politisch konstruierten Angebotsschock“. Die Welt müsse sich auf dauerhaft höhere Preisniveaus einstellen.

Strukturelle Inflation? Deutschland unter Druck

Für Deutschland hat dieser Wandel tiefgreifende Folgen. Die exportabhängige Volkswirtschaft profitiert traditionell von globalen Lieferketten und stabilem Welthandel. Strukturveränderungen wie Deglobalisierung, geopolitische Spannungen und protektionistische Maßnahmen setzen die deutsche Industrie unter Druck – besonders in den Bereichen Maschinenbau, Chemie und Automobil. Gleichzeitig belastet die Inflation besonders einkommensschwache Haushalte. Die Gefahr einer dauerhaften Spaltung zwischen Inflationsgewinnern und -verlierern nimmt zu.

Mehr als nur Geldpolitik

Besonders kritisch sieht Blyth die Rolle der Zentralbanken. Höhere Zinsen hätten zuletzt kaum Wirkung gezeigt, die Inflation sei vor allem durch die Stabilisierung der Energieversorgung zurückgegangen – ein Erfolg der Angebotspolitik, nicht der Geldpolitik. Zugleich belaste eine restriktive Zinspolitik die unteren Einkommensgruppen überproportional. Reiche Haushalte würden durch höhere Sparzinsen sogar profitieren. „Inflation ist ein Verteilungskampf“, sagt Blyth.

Er plädiert für neue politische Instrumente: staatlich organisierte Vorräte, stärkere Lieferketten, gezielte Preiskontrollen und direkte Entlastungen statt Zinswaffen. Als Beispiel nennt er Spanien, wo kostenlose Nahverkehrstickets eingeführt wurden. Auch die automatische Inflationsanpassung der Löhne in Belgien oder temporäre Preisdeckel in Frankreich und Schottland seien Belege für kreative Lösungsansätze – wenn auch mit unterschiedlichen Erfolgen. Blyth warnt vor dogmatischen Ansätzen. Preiskontrollen funktionierten in vielen Bereichen längst – etwa in der Pharma- und Finanzwirtschaft. Entscheidend sei, die Instrumente intelligent und differenziert einzusetzen. „Die Welt hat sich verändert – jetzt muss sich auch die Wirtschaftspolitik verändern“, so sein Fazit.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Die Ökonomie der App-Stores: Welche Branchen das größte Wachstum im mobilen Sektor verzeichnen

Das rasante Wachstum mobiler Apps ist eines der prägenden Merkmale der heutigen digitalen Wirtschaft. Menschen kaufen darüber ein,...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Russische Atomtechnik in Deutschland: Was hinter der umstrittenen Kooperation in Lingen steckt
25.07.2026

Die Genehmigung für eine Brennelementefertigung mit russischer Technologie in Niedersachsen wirft weitreichende Fragen auf. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen KI und Geldpolitik: Warum die Fed vor einem Zinsdilemma steht
25.07.2026

Künstliche Intelligenz soll die Produktivität steigern und die Inflation bremsen. Doch ausgerechnet der milliardenschwere KI-Boom könnte...

DWN
Politik
Politik Milliardäre besteuern: Die Buchwert-Falle
25.07.2026

Berlin streitet über das Erbe und das Geld der Reichsten. Doch die vermeintliche Lösung des Fiskus entpuppt sich als Sprengsatz für die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Renault Clio im Test: Fast nicht wiederzuerkennen, aber deutlich teurer
25.07.2026

Der neue Clio ist größer, eleganter, technologisch fortschrittlicher und auch teurer als früher. In der bestausgestatteten Version...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dieselknappheit: Der Welt geht der Treibstoff aus
25.07.2026

Nicht nur Rohöl wird zum geopolitischen Druckmittel. Zerstörte Raffinerien, leere Lager und neue Drohungen der Huthi gefährden zunehmend...

DWN
Finanzen
Finanzen Kreditkarten vor dem Aus: Mastercard plant den radikalen Umbau
25.07.2026

Kreditkartennummern könnten beim Onlinekauf schon bald der Vergangenheit angehören. Mastercard will Europas digitale Zahlungen bis 2030...

DWN
Panorama
Panorama Sinkende Geburtenrate: Wie Smartphones die Menschheit schrumpfen lassen
25.07.2026

Je stärker sich Smartphones verbreiten, desto weniger Kinder werden geboren. Eine neue Untersuchung zeigt, wie digitale Kontakte...

DWN
Immobilien
Immobilien Neues Heizungsgesetz: Was das Gebäudemodernisierungsgesetz für Eigentümer und Mieter bedeutet
25.07.2026

Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz hat eines der umstrittensten Gesetzesvorhaben der jüngeren deutschen Geschichte...