Panorama

Digital erschöpft: Warum Freizeit kaum noch offline stattfindet

Ob Restaurantbuchung, Streaming, Social Media oder News: Ein Großteil der Freizeit der Deutschen spielt sich mittlerweile online ab. Doch obwohl wir ständig vernetzt sind, bleibt eines zunehmend auf der Strecke – die echte, unbeschwerte Freizeit. Der digitale Alltag frisst nicht nur Zeit, sondern offenbar auch das Gefühl von Erholung.
05.08.2025 14:17
Lesezeit: 3 min

Viele Deutsche verbringen sehr viel Zeit an Smartphone und im Internet, obwohl sie viel lieber zum Beispiel Freunde treffen oder Zeit mit dem Partner verbringen würden. Das geht aus der repräsentativen Studie „Freizeit-Monitor 2025“ hervor, die die Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg veröffentlicht hat.

„Das Internet ist allgegenwärtig in allen Lebensphasen und mittlerweile auf Platz eins angekommen. Es wird zur Ablenkung, zur Berieselung genutzt“, sagte Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der repräsentativen Untersuchung, der Deutschen Presse-Agentur.

Unter der Dominanz der Medien würden aber viele andere Aktivitäten leiden, so der 54-Jährige. Und er hat eine Antwort auf die Frage, warum die Schere zwischen Wunsch und Realität so groß ist: „Weil wir einfach uns nicht mehr die Zeit nehmen, Dinge in der Freizeit zu tun, die uns an sich mehr Freude bereiten würden.“

Online im Alltag

So gaben 98 Prozent der mehr als 3.000 im Juni online befragten Menschen an, dass sie das Internet mindestens einmal in der Woche nutzen. Vor 15 Jahren waren die Nutzungszahlen gerade einmal halb so hoch: 2010 gehörte das Internet bei nur 51 Prozent der Befragten zu den regelmäßigen Freizeitaktivitäten.

Sehr regelmäßig gehören aktuell auch „Fernsehen“ schauen und „Musik hören“ (je 83 Prozent), Tablet, PC oder Laptop nutzen sowie am „Smartphone spielen, surfen, chatten“ (je 79 Prozent) zu den Aktivitäten der Menschen. Es waren Mehrfachnennungen möglich.

Erst an sechster Stelle kommt etwas, für das man keine Internetverbindung braucht: „seinen Gedanken nachgehen“. 73 Prozent der Befragten machen das immerhin mindestens einmal pro Woche. Offline-Aktivitäten wie über Wichtiges reden, „Zeit mit dem Partner verbringen“, Kaffee trinken und Kuchen essen oder einfach mal „Faulenzen“ geben immerhin etwa zwei Drittel der Befragten als regelmäßige Freizeitaktivität an. Eine Konstante sei das Lesen eines Buches: Rund ein Drittel der Befragten nimmt nach wie vor mindestens einmal in der Woche ein Buch zur Hand.

Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren übrigens rund vier Prozent der 16- bis 74-Jährigen im Jahr 2024 noch nie im Internet. Das entspreche knapp 2,8 Millionen Menschen. Je älter die Menschen, desto mehr Offliner gibt es. Deutschland liegt mit vier Prozent Offlinern knapp unter dem EU-Durchschnitt von fünf Prozent.

Offline am meisten Spaß

Die Menschen wurden gleichzeitig auch gefragt, was ihnen am meisten Spaß in ihrer Freizeit macht. Wer nun denkt, dass diese Rangfolge der Liste der regelmäßigen Freizeitaktivitäten ähnelt, täuscht sich. Denn statt online steht ausschließlich offline ganz oben auf dem Freizeit-Wunschzettel vieler Deutschen.

Fast drei Viertel der Befragten verbringen am liebsten Zeit mit ihrem Partner (74 Prozent). Den zweithöchsten Spaßfaktor hat für viele die körperliche Nähe: 70 Prozent geben Erotik und Sex an. Hoch im Kurs stehen auch spontane Aktivitäten und „Ausschlafen“ (je 68 Prozent). In der Rangliste folgen Hobby, Zeit in der Natur und mit Tieren, essen gehen, gemeinsame Aktivitäten mit den Kindern und Ausgehen mit Freuden.

„Also all das, was eben nicht bei den häufigsten Freizeitaktivitäten auftaucht, denn die sind ja ganz klar medial geprägt“, sagte Reinhardt weiter. Smartphone, Internet, Fernsehen und Co. tauchen dagegen erst im mittleren unteren Spaßfaktor-Zufriedenheitsranking auf. „Da merken wir: Wir sind auch in der Freizeit mittlerweile Getriebene und geben uns oft eher mit dem zufrieden, was einfach und unkompliziert ist.“

Das sei aber oft nicht unbedingt das, was die Menschen eigentlich wollen. Reinhardt riet deshalb, die eigene Freizeit am besten ganz traditionell für Erholung, Kontakt zu anderen und gut tuenden Dingen, zu nutzen.

Sport spielt eine wachsende Rolle

Die überraschendste Erkenntnis des „Freizeit-Monitors“ sei gewesen, dass der Sport eine Renaissance erlebe. „Mehr als die Hälfte der Deutschen ist wenigstens einmal pro Woche sportlich aktiv. Vom Joggen und Fitnessstudio bis hin zum Spaziergang - das hat alles zugenommen. Da merken wir wirklich, dass die Deutschen Sport wieder ein Stück weit für sich entdeckt haben.“ 2010 gaben nur 31 Prozent Sport als regelmäßige Aktivität an, 2025 waren es 51 Prozent.

Balance zwischen online und offline ist wichtig

Ein Trick zu mehr Zufriedenheit im Alltag sei Ausgewogenheit, sagte Reinhardt weiter: „Dass man eine gute Balance findet zwischen online und offline, zwischen Aktivität und Passivität, zwischen Individualität und Gemeinschaft.“ Aktuell gelinge das dem „Freizeit-Monitor“ zufolge eher Frauen als Männern und eher Älteren als Jüngeren. Sie würden ihre Freizeit insgesamt etwas emotionaler oder positiver erleben.

Wenn dieser Spagat generell besser gelinge, sei die Gesellschaft auf dem absolut richtigen Weg. „Dann ist die Freizeit auch wieder deutlich zufriedenstellender für die Bundesbürger.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Europäischer Medtech ist günstig, Goldrückgang ist vorübergehend
27.09.2026

Die Wall Street glänzt nahe seinen Rekordhöhen, doch unter der Oberfläche brodelt es. Während Künstliche Intelligenz die...

DWN
Politik
Politik Kanada und EU: Von der Leyens Plan könnte den Binnenmarkt verändern
27.09.2026

Kanada soll enger an die Europäische Union rücken als je zuvor. Ursula von der Leyen bringt dafür sogar eine "assoziierte...

DWN
Politik
Politik Gelockerter Kündigungsschutz für Hochverdiener: Was Arbeitgeber für 2027 wissen sollten
27.09.2026

Die Bundesregierung plant eine Reform des Kündigungsschutzes, in der Hochverdiener leichter kündbar werden sollen. Arbeitgeber können...

DWN
Panorama
Panorama Auswandern nach Andalusien: „In meinem Herzen habe ich zwei Seelen“
27.09.2026

Jens Halbroth und seine Frau Claudia suchten jahrelang nach einem neuen Lebensmittelpunkt. Sie reisten mit Motorrad und Wohnmobil durch...

DWN
Finanzen
Finanzen Weltweite Schulden mit Gold tilgen? Dann müsste es 400.000 Dollar kosten
27.09.2026

Die Goldpreise erreichen 2026 Rekordstände. Doch was wäre, wenn Staaten ihre Schulden theoretisch mit ihren Goldreserven decken wollten?...

DWN
Technologie
Technologie KI und Burnout: Warum ausgerechnet Entlastung krank machen kann
27.09.2026

KI soll Beschäftigte entlasten, Routinearbeit übernehmen und Unternehmen produktiver machen. Doch ausgerechnet die neue Effizienz schafft...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeitsmarkttrend „Boomerang Hiring“ – erst gekündigt, dann zurückgeholt
27.09.2026

Die Wiedereinstellung ehemaliger Arbeitnehmer wird auch in Deutschland zum wachsenden Trend auf dem Arbeitsmarkt: Wie Arbeitgeber mit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Horacio Pagani im Porträt: Seine Autos sind verkauft, bevor die Öffentlichkeit sie sieht
27.09.2026

Horacio Pagani baut keine Autos für den Massenmarkt. Im vergangenen Jahr sollen es gerade einmal rund 50 gewesen sein, das günstigste...