Wenn digitale Tools überfordern: Warum Unternehmen eigene Spielregeln brauchen
Während Audio-, Video- und Textkanäle in rasantem Tempo wachsen, versprechen „unified communications“-Technologien, Ordnung in dieses digitale Durcheinander zu bringen. Doch wahre Wirkung entfaltet sich erst dann, wenn klare Regeln und gute Gewohnheiten den Lärm in einen harmonischen Austausch von Informationen, Emotionen und Ideen verwandeln. Fast ein Jahrzehnt lang habe ich als Journalist im Ressort Wirtschaft und Technologie die Welt digitaler Innovationen erkundet – von ERP-Systemen über elektronischen Dokumentenfluss bis zur Cloud. Ein Thema, das großes Interesse weckte, war die Idee der „unified communications“ (UC). Dieses Konzept verbindet verschiedene Kanäle – Sprache, Bild, Text – zu einem integrierten Kommunikationsökosystem.
Ein Beispiel: Hania bei ABC nutzt Microsoft Teams. Sie verschickt eine Nachricht im Gruppenchat, organisiert eine Videokonferenz mit Teams in London, New York und Przywidz bei Danzig und teilt ihren Bildschirm mit einer Präsentation. Sie nimmt gleichzeitig einen Anruf von einem Kunden entgegen, ohne das Meeting zu unterbrechen. Das Team bearbeitet in Echtzeit ein Angebot, und Hania versendet die Zusammenfassung per E-Mail, integriert in die Plattform. UC spart Zeit, synchronisiert Daten und verbessert die Zusammenarbeit.
Seit der Pandemie alles anders
Vor einigen Jahren erschien integrierte Kommunikation als Schlüssel zu mehr Harmonie in der digitalen Arbeitswelt. Hersteller, Anbieter und Nutzer von UC-Plattformen priesen sie als Heilmittel gegen Kommunikationswirrwarr. Man versprach stetig bessere, intuitivere Versionen, fast magisch in ihrer Fähigkeit, Chaos zu ordnen. Doch die Jahre vergingen – und die Klagen über Arbeitskommunikation nahmen zu. Warum? Die Ursachen sind vielfältig: Die Pandemie stellte das Berufsleben auf den Kopf. Remote- und Hybridarbeit wurden zum Standard. Das revolutionierte die Bürointeraktionen und erweiterte das klassische Dreigestirn aus Telefon, SMS und E-Mail um eine Flut neuer Kanäle – Slack, Teams, Zoom, WhatsApp, interne Digital-Signage-Tafeln. Auch die hochentwickelten UC-Tools geraten in dieser Vielfalt ins Stocken. Überraschend: Selbst künstliche Intelligenz ändert daran wenig. Obwohl dieser fast magische Assistent wertvolle Hilfe bietet, wirken die Entwickler neuer UC-Versionen wenig kreativ, als sei der Erfindergeist erlahmt.
Vielleicht liegt die Schuld aber gar nicht bei den Ingenieuren? Im Rausch der digitalen Innovation übersieht man leicht: Kommunikation definieren nicht nur Werkzeuge, sondern menschliche Gewohnheiten, die sich hartnäckig der neuen Zeit verweigern. Das Kernproblem steckt in uns – im Mangel klarer Regeln, in zu viel Impulsivität und zu wenig Abstimmung, sagt Todd Rogers, Professor an der Harvard Kennedy School, Experte für Verhaltenspsychologie und Kommunikation. Effektive Kommunikation ist mehr als Informationsaustausch – sie ist der „Kleber“, der Organisationen zusammenhält, Vertrauen schafft und Kooperation ermöglicht. In Zeiten von Remote-Arbeit und Tools wie Slack, Teams oder WhatsApp wird sie wichtiger denn je. Doch viele Führungskräfte versäumen es, klare Standards zu setzen. Die Folge: Frust, Burnout, ineffiziente Einarbeitung neuer Mitarbeiter und Zeitverluste, die Produktivität zerstören.
Digitalisierung allein reicht nicht
Einige Szenen aus dem Alltag: Ein Manager verschickt vor einem wichtigen Termin eine ausführliche Notiz – niemand liest sie, sie geht in der Flut von Benachrichtigungen unter. Ein Kollege verpasst ein dringendes Zoom-Meeting, weil die Einladung über Slack kam, das er kaum nutzt. Der CEO verzögert die Freigabe eines Berichts, weil in sechs Seiten kein klares Summary steht. Ein Bereichsleiter verbringt Stunden damit, fünf widersprüchliche Abteilungsberichte zusammenzuführen. Solche alltäglichen Reibungen zeigen: Fehlende Regeln machen Zusammenarbeit zum Kampf mit dem Chaos. KI-gestütztes Schreiben verschärft das Problem. Mit der wachsenden Zahl von Nachrichten – von Mensch und Maschine – steigt der Bedarf nach einfachen Normen. Wie also können Führungskräfte wieder Ordnung schaffen und Kommunikation zur Antriebskraft machen?
Ein zentrales Problem sind unterschiedliche Erwartungen an Reaktionszeiten. Rogers’ Forschung zum „E-Mail-Urgency Bias“ zeigt: Empfänger fühlen sich oft zu schnellerer Antwort gedrängt, als Absender erwarten. Umgekehrt bleiben entscheidende Nachrichten wochenlang unbeantwortet. Beide Extreme erzeugen Spannungen und reißen Teams aus dem Takt. Klare Regeln für Reaktionszeiten helfen. Ein Team könnte festlegen: Mails werden binnen 24 Stunden beantwortet, Slack- oder Teams-Nachrichten innerhalb weniger Stunden. Ebenso wichtig: Absender zu informieren, wenn schnelle Antwort nicht möglich ist. Das spart Frust und Stillstand. Führungskräfte sollten zudem definieren, wann Mitarbeiter erreichbar sein müssen. Ohne Regeln verschwimmen Grenzen zwischen Job und Privatleben – Burnout droht. Einige Firmen setzen „stille Stunden“ durch, verschicken automatische Hinweise oder nutzen „Später senden“-Funktionen. Solche Praktiken fördern eine Kultur, die Produktivität mit Fürsorge verbindet.
Ein Akt des Zusammenhalts
Ein CEO eines Produktionsunternehmens, den Rogers beriet, klagte, dass Updates chaotisch über alle Plattformen verteilt würden. Er musste mühsam Kanäle durchsuchen – Übersehenes, Verzögerungen, Zeitverlust. Ein verbreitetes Problem bei Führungskräften. Unterschiedliche Vorlieben für Kommunikationswege sind normal. Doch ohne Einheitlichkeit entstehen teure Ineffizienzen. Sinnvoll wäre: E-Mails für formelle Berichte, Slack für schnelle Updates, Zoom für Brainstormings. Klare Zuordnungen sparen Zeit und verhindern Fehler.
In Writing for Busy Readers empfehlen Todd Rogers und Jessica Lasky-Fink Regeln für Schreiben an gestresste Leser. Leitidee: „Mach das Lesen leicht.“ In einer Welt der Informationsflut sind Kürze und Klarheit Tugenden. Blaise Pascal gestand: „Entschuldigen Sie, dass dieser Brief so lang ist – ich hätte ihn kürzer geschrieben, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte.“ Studien bestätigen es: In einem Experiment erhielten 7.000 Führungskräfte eine Umfrage – einmal in 129 Wörtern, einmal in 49. Die kürzere Version verdoppelte die Antworten. Doch Kürze gilt nicht überall. In einer UN-Struktur galten 6.500 Wörter als Standard. Kürzere Berichte wurden als weniger seriös eingestuft. So entstehen Bürokratien, die Länge belohnen, Zeit verschwenden und Ressourcen verschlingen. Routiniers im Papierkrieg genießen die Flut an Worten, um ihre Bedeutung zu demonstrieren.
Doch auch hier gibt es ein Gegenmittel: Führungskräfte sollten Kürze öffentlich belohnen und signalisieren, dass Substanz nicht an Umfang hängt. Würde ich heute wieder über neue Technologien schreiben, würde ich den Enthusiasmus der UC-Anbieter dämpfen. Werkzeuge allein lösen nichts. Entscheidend sind Organisation und Logistik – zu klären, was sofortige Antwort braucht und was warten kann, sowie prägnant zu schreiben. Das sind nicht nur praktische Schritte, sondern die Basis einer Kultur, in der Informationen klar sind und Sender wie Empfänger Respekt erfahren. Sagen wir es deutlich: Wir brauchen klare Regeln – für Reaktionszeiten, für Kanalzuordnungen, für Verständlichkeit. Wenn Führungskräfte und Teams das annehmen, wird Kommunikation kein Chaos mehr sein, sondern Methode für bessere Zusammenarbeit.
Kommunikationschaos: Konkrete Handlungsempfehlungen für Unternehmen
Um Kommunikationschaos nachhaltig zu vermeiden, sollten Führungskräfte verbindliche Standards etablieren. Erstens: Klare Kanalzuordnung – definieren Sie, welche Plattform wofür genutzt wird (z. B. E-Mail für Berichte, Chat für kurze Abstimmungen, Videokonferenzen für Brainstormings). Zweitens: Reaktionszeiten festlegen – vereinbaren Sie verbindliche Antwortfristen, etwa 24 Stunden für E-Mails und zwei Stunden für Chat-Nachrichten. Drittens: Informationshygiene fördern – kürzere, prägnante Nachrichten und aussagekräftige Betreffzeilen steigern die Lesebereitschaft. Viertens: Erreichbarkeitsregeln einführen, inklusive „Stillen Stunden“, um Überlastung zu vermeiden. Schließlich: Regeln sichtbar machen und einüben – in Team-Meetings vorstellen, dokumentieren und regelmäßig überprüfen. So wird aus guter Absicht ein wirksames System.
7 Regeln für klare Kommunikation im Unternehmen
- Kanäle klar zuordnen: Legen Sie fest, wofür E-Mail, Chat und Videokonferenzen genutzt werden.
- Verbindliche Reaktionszeiten: Definieren Sie, wann Antworten erwartet werden (z. B. E-Mail 24 Stunden, Chat 2 Stunden).
- Prioritäten sichtbar machen: Verwenden Sie eindeutige Kennzeichnungen wie „Dringend“ oder „Info“.
- Kürze und Klarheit belohnen: Fördern Sie prägnante Betreffzeilen und kurze Nachrichten.
- Erreichbarkeitsfenster festlegen: Regeln Sie, wann Mitarbeiter verfügbar sein müssen, und definieren Sie „stille Stunden“.
- Automatisierung sinnvoll einsetzen: Tools wie „Später senden“ oder Statusanzeigen helfen, Unterbrechungen zu reduzieren.
- Regeln kommunizieren und überprüfen: Führen Sie Standards offiziell ein und evaluieren Sie ihre Wirksamkeit regelmäßig.
Todd Rogers hat recht: Kommunikation ist nicht nur Sprache – sie ist der Weg, wie wir gemeinsam die Welt gestalten.

