Wirtschaft

Trumps Zolloffensive: Gefahr für das globale Handelssystem

Mit seiner aggressiven Zollpolitik stellt US-Präsident Donald Trump die Grundlagen des internationalen Handels infrage. Unter dem Motto wirtschaftlicher Selbstbestimmung setzt er auf Abschottung statt Kooperation – und bringt damit das regelbasierte Welthandelssystem ins Wanken. Beobachter warnen vor einem globalen Wirtschaftskonflikt mit weitreichenden Folgen.
07.10.2025 11:43
Lesezeit: 3 min
Trumps Zolloffensive: Gefahr für das globale Handelssystem
Ein Transparent mit einer Karikatur von US-Präsident Trump hängt an einer Straße, um gegen Trumps Zollpolitik gegenüber Südkorea und die inhaftierung südkoreanischer Arbeiter zu protestieren. Auf dem Schild steht "Illegale Verhaftung und Inhaftierung von südkoreanischen Arbeitern" (Foto: dpa).

Trumps bricht mit Welthandelsregeln

Das Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) nennt es einen „Epochenumbruch“. „Mit der aggressiven Zollpolitik brechen die USA die Welthandelsregeln, die unter ihrer Führung in der Nachkriegszeit aufgestellt und weiterentwickelt wurden“, heißt es in einer Analyse. Die Welthandelsorganisation (WTO), die die Regeln überwachen soll, scheint machtlos. „Dies ist der bisher schwerwiegendste Angriff auf die Grundprinzipien der WTO“, schreibt Assistenzprofessor Bruno Caprettini von der Universität St. Gallen.

US-Zölle nach den WTO-Regeln illegal?

Für die Jura-Professorin Krista Nadakavukaren Schefer von der Universität Basel ist klar: Die Zölle brechen Regeln der WTO. Sie sagt: „Es scheint mir, als wolle er (Trump) einfach zeigen, dass er ohne irgendwelche Grenzen - und ganz besonders ohne das Völkerrecht - agieren kann und agieren wird.“

Das Argument der nationalen Sicherheit hatte Trump schon in seiner ersten Amtszeit bemüht, als er Zölle auf Stahl und Aluminium erhob. Ein WTO-Schiedsgericht hat dies zurückgewiesen (Fall DS564). Zölle, weil die USA nach Trumps Lesart von Handelspartnern jahrelang über den Tisch gezogen wurden, oder wegen einer Politik, die ihm nicht passt - etwa im Fall Brasilien oder Kanada - hätten da kaum eine Chance auf Bestand.

WTO: Handelsmöglichkeiten bei Regelbruch

Mitgliedsländer können den Streitschlichtungsmechanismus (DSB) anrufen. Ein Land, das sich wegen neuer Handelshürden im Nachteil sieht, kann den Fall vor den DSB bringen, Schlichter beurteilen das. Bislang haben Mitgliedsländer deren Urteile akzeptiert. Sie haben dann Zölle oder andere ungerechtfertigte Hemmnisse abgebaut oder mussten Gegenzölle in Kauf nehmen.

Das System liegt allerdings teils brach, weil die USA seit 2016 - vor Trumps erster Amtszeit - die Ernennung neuer Experten für das DSB-Berufungsgremium blockieren. Sie verlangen DSB-Reformen. Dadurch bleiben Streitfälle ungelöst. Denn: Wer mit einem Urteil nicht einverstanden ist, geht in Berufung, das geht aber ins Leere, weil niemand darüber befinden kann. Das haben die USA bei der Niederlage im Stahl- und Aluminium-Streitfall DS564 gemacht.

Ausbleiben einer DSB-Reform

Weil dieser Streitpunkt im Kontext wachsender Rivalität zwischen westlichen Demokratien und autokratischen Staaten wie Russland oder China zu sehen ist, unter anderem in Handelsfragen. Das Vertrauen unter den WTO-Mitgliedern ist erschüttert, der freie Welthandel für viele nicht mehr der Königsweg.

Länder verlegen ihre Lieferketten in befreundete Staaten oder erschweren den Handel mit Spitzentechnologien, Protektionismus ist wieder in Mode. Die einen monieren intransparente Subventionen wie in China, die anderen die Subventionen etwa durch das US-Konjunkturprogramm für saubere Energie (IRA) oder den Green Deal der EU, um Europa bis 2050 klimaneutral zu machen.

Was kann die WTO sonst tun?

Wenig. China und Kanada haben den DSB zwar wegen der neuen US-Zölle angerufen. Aber die USA könnten ein Urteil der Streitschlichter sowieso wieder ignorieren, wenn sie in Berufung gehen, die nicht gehört werden kann. Gut 30 WTO-Mitglieder haben sich auf einen anderen Berufungsmechanismus zur Lösung von Problemfällen (MPIA) geeinigt, aber der ist freiwillig. Die EU und China sind dabei, nicht aber die USA. Was sie von der WTO halten, zeigen sie auch konkret: Bislang haben sie ihre Beiträge für 2024 noch nicht bezahlt.

Was beinhaltet regelbasiertem Welthandel?

Es geht darum, wer was wie an wen exportieren kann, unter welchen Bedingungen. Ab 1948 galten die Regeln des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt), das 1995 in die WTO überging. Sie hat heute 166 Mitgliedsstaaten, die 98 Prozent des Handels weltweit abwickeln.

Ihre Mitglieder vereinbaren einheitliche Regeln für technische Normen, die Öffnung von Märkten, den Schutz geistigen Eigentums, den Abbau von Bürokratie und in jüngerer Zeit auch soziale, ökologische und Klima-Anliegen. Mit Zöllen kann ein Land seine Wirtschaft nur in beim WTO-Eintritt festgelegten Rahmen schützen. Änderungen sind nur unter strikten Regeln erlaubt.

Wie geht es weiter?

Einen radikalen Vorschlag machen die Wirtschaftsprofessoren Henrik Horn und Petros Mavroidis in einem Beitrag für das europäische Analyseinstitut Centre for Economic Policy Research (CEPR): „Die beste Option für die WTO und für die Weltwirtschaft wäre, dass die USA ihre WTO-Verpflichtungen einhalten. Dies scheint jedoch unwahrscheinlich“, schreiben sie. „Wir sind daher der Ansicht, dass es aus Sicht der WTO am besten wäre, wenn die USA aus der Organisation austreten würden.“

Das Ifo-Institut rät der EU, sich unabhängiger vom US-Markt zu machen, etwa durch eine Vertiefung des EU-Binnenmarktes. „Eine stärkere Integration könnte nicht nur Teile der Verluste im US-Handel kompensieren, sondern auch die europäische Widerstandsfähigkeit in einer zunehmend volatilen und fragmentierten Weltwirtschaft stärken“, schreibt es.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Textilrecycling: Wie eine schwedische Gründerin die Branche unter Druck setzt
12.12.2025

Ein junges schwedisches Unternehmen behauptet, die nachhaltigste Lösung für das Textilrecycling gefunden zu haben. Die Methode nutzt CO2,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Shein, Temu & Co. betroffen: EU erhöht Kosten für Billigpakete aus Drittstaaten
12.12.2025

Um die Flut günstiger Online-Pakete aus Ländern wie China einzudämmen, beschließt die EU eine neue Importabgabe. Ab Juli 2026 sollen...

DWN
Politik
Politik Regierung reagiert auf Cyberangriffe: Russlands Botschafter einbestellt
12.12.2025

Nach einer Reihe hybrider Angriffe, darunter Falschnachrichten, manipulierte Videos und eine Hacker-Attacke, hat die Bundesregierung...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Flix bestellt 65 neue Fernzüge: Ausbau ab 2028 geplant
12.12.2025

Flix will das Fernverkehrsangebot deutlich ausbauen: Das Unternehmen hat beim spanischen Hersteller Talgo bis zu 65 neue Züge geordert....

DWN
Politik
Politik Regierung startet Onlineportal für Bürgerfeedback
12.12.2025

Die Bundesregierung will Bürger und Unternehmen stärker in die Verwaltungsarbeit einbeziehen. Über das neue Portal „Einfach machen“...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU setzt auf Kreislaufwirtschaft: Mehr Rohstoffe aus Schrottautos
12.12.2025

Die EU will die Wiederverwertung von Fahrzeugen deutlich verbessern. Unterhändler des Europäischen Parlaments und der Mitgliedsstaaten...

DWN
Immobilien
Immobilien Hausbrände verhüten: Wie Sie sich vor Feuer schützen
12.12.2025

Jährlich gibt es in Deutschland um die 200.000 Haus- und Wohnungsbrände. Eine verheerende Zahl, insbesondere wenn man bedenkt, dass die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Insolvenzen in Deutschland steigen weiter um 5,7 Prozent
12.12.2025

Die Pleitewelle in Deutschland reißt nicht ab: Im November stieg die Zahl der Firmeninsolvenzen im Vergleich zum Vorjahr um 5,7 Prozent,...