Politik

Peter Vesterbacka: Wenn Deutschland wie Estland wäre, hätte es 600 Einhörner

Europa gilt zunehmend als unentschlossen, überreguliert und kraftlos – Begriffe, die sich in den vergangenen Jahren eingebürgert haben, wenn es um zentrale Themen wie den Krieg in der Ukraine oder die Revolution der generativen Künstlichen Intelligenz geht. Immer häufiger wird der Kontinent als wirtschaftlich und politisch träge beschrieben, unfähig, seine Zukunft selbst zu gestalten.
25.10.2025 16:03
Lesezeit: 5 min
Peter Vesterbacka: Wenn Deutschland wie Estland wäre, hätte es 600 Einhörner
Der erfolgreiche finnische Investor Peter Vesterbacka warnt: Europas größter Feind sei die eigene Mentalität. (Foto: dpa) Foto: Adam Warzawa

Deutschlands müsste hunderte Einhörner haben

Überall in Europa wird diskutiert, wie der Kontinent seine Relevanz zurückgewinnen und verhindern kann, am Rand der globalen Entwicklungen zu verharren. Selbst die Veröffentlichung des Berichts des ehemaligen italienischen Premierministers Mario Draghi im vergangenen Jahr, der gedacht war als Leitstern für ein global orientiertes Europa, hat an dieser Wahrnehmung wenig geändert. Draghi selbst erklärte im September, dass die Europäische Union im Tempo der Veränderungen hinter den USA und China zurückbleibt. Besonders deutlich zeigt sich das bei den großen KI-Wettläufen: Praktisch alle führenden Modelle generativer KI wurden entweder in den Vereinigten Staaten oder in China entwickelt.

Fragt man nach den Gründen, verweisen viele Gründer und Wagniskapitalgeber auf die bekannten Hindernisse: überbordende Bürokratie, eine zersplitterte Marktstruktur und den Mangel an Kapital. Doch Peter Vesterbacka, General Partner des finnischen Risikokapitalfonds FinestLove VC und früherer Geschäftsführer des Spieleunternehmens Rovio, das den Welterfolg Angry Birds schuf, sieht die Ursachen anders.

„Das größte Problem Europas ist die Mentalität“

Der bekannte finnische Unternehmer und Investor, in der Start-up-Welt als „Mighty Eagle“ bekannt, nennt die oft zitierten Hindernisse im Interview mit unseren Kollegen von Verso Zinios lediglich „Ausreden“. „Natürlich kann so etwas bremsen, deshalb braucht es gutes Regulieren“, sagte Vesterbacka auf der Konferenz Startup Fair. „Aber wir wollen auch nicht Amerika sein, wo das Fehlen von Regulierung zu verrückten Dingen führt. Zum Beispiel zu Donald Trump.“

Die eigentliche Schwäche Europas sei die geistige Haltung. Als positives Beispiel verweist Vesterbacka auf die Erfolge seines eigenen Landes: „Wir Finnen haben das Betriebssystem Linux und das Datenbanksystem MySQL entwickelt.“ Europa, sagt er, habe auch eine starke Computerspielindustrie hervorgebracht, an der Rovio selbst beteiligt war. Als weiteres Erfolgsmodell nennt er Estland, ein Land mit nur 1,4 Millionen Einwohnern, aber einer außergewöhnlich hohen Dichte an Technologieunternehmen. Dort kommt ein Einhorn auf 137.000 Menschen. Kurz zum Hintergrung: Ein „Einhorn“ (englisch: unicorn) ist ein Begriff aus der Startup- und Finanzwelt. Er bezeichnet ein junges, nicht börsennotiertes Unternehmen, das mit mindestens einer Milliarde US-Dollar bewertet wird.

Zwar stoße die estnische Zählweise gelegentlich auf Kritik, dennoch ist das Verhältnis beachtlich. „Wenn Deutschland so erfolgreich wäre wie Estland, hätte es über 600 Einhörner. Aber es hat keine. Nicht einmal annähernd“, sagt Vesterbacka.

Von „Slush“ bis Silicon Valley: Europas Denkblockade

Neben seinen Investitionen ist Vesterbacka einer der Mitbegründer der jährlich in Helsinki stattfindenden Start-up-Konferenz „Slush“. Die Konferenz gibt es seit 2008. In Erinnerung an die Anfänge erzählt er von einem Vortrag im Jahr 2007 an der Aalto-Universität, wo er über seine Arbeit bei Hewlett-Packard und seine Erfahrungen mit Start-ups sprach. „Ich fragte damals die rund 600 Studierenden im Saal, wer von ihnen ein eigenes Unternehmen gründen oder in einem Start-up arbeiten möchte. Nur drei Hände gingen hoch. Alle anderen wollten zu Nokia, Kone oder Wärtsilä. Daran ist nichts Falsches, aaber wenn jeder nur den Status quo bewahren will, entsteht kein Fortschritt.“ Diese Erfahrung war der Auslöser für Slush. Ziel war, das Denken der jungen Menschen zu verändern und Unternehmergeist zu fördern. Heute gilt Slush als die größte Start-up-Konferenz der Welt, organisiert hauptsächlich von Studierenden und jungen Absolventen. Die Veranstaltung bringt jährlich rund 13.000 Teilnehmer, 4.200 Start-ups und 2.200 Investoren zusammen.

Vesterbacka äußert sich kritisch über andere europäische Tech-Konferenzen wie den Web Summit, der jedes Jahr in Lissabon stattfindet. „Man sagt mir dann, Lissabon sei das Silicon Valley Europas. Ich kenne Lissabon und das Silicon Valley. Wo sind denn all die jungen Portugiesen? Wissen Sie, wo sie sind?“ „Nicht in Portugal“, lautet seine eigene Antwort. „Richtig“, sagt er. „Lissabon und Florida sind schöne, warme Orte. Aber es sind Orte, wohin Menschen gehen, um zu sterben.“ Slush, so Vesterbacka, stehe im Gegensatz zu den vielen Kopien des Silicon Valley. „Unser Event ist völlig anders. Es findet im November statt, wenn es in Finnland kalt, dunkel und matschig ist, also genau das Gegenteil vom Silicon Valley. Und das ist gut so. Es ist besser, weil es anders ist.“

Von Insulin zu KI: Europas Suche nach dem „Pen-Moment“

Auf die Frage, welche Rolle Europa im Wettlauf um generative KI spielen könne, antwortet Vesterbacka, dass es dafür bereits zu spät sei. „Die eigentliche Frage ist nur noch, ob die USA oder China gewinnen werden“, sagt er. Der einzige ernstzunehmende europäische Kandidat sei das französische Start-up Mistral. Ganz hoffnungslos sei die Lage dennoch nicht. Er verweist auf das schwedische Unternehmen Lovable, das auf bestehenden Sprachmodellen aufbaut und Werkzeuge entwickelt, die automatisch Programmcode schreiben. Lovable gilt derzeit als eines der am schnellsten wachsenden Start-ups weltweit.

Vesterbacka zieht einen historischen Vergleich: „Erinnern wir uns an den Markt für Insulin. Früher wetteiferten die Pharmaunternehmen darum, wer das reinste Insulin herstellen kann. Sie kämpften um jedes Hundertstel Prozent Reinheit, doch die Rendite wurde immer geringer. Dann kamen die Dänen und erfanden den Insulin-Pen. Und plötzlich war alles einfacher.“ Dasselbe könne in der KI passieren. „Irgendwann wird das Spiel durch den ‚Pen‘ entschieden. Deshalb müssen wir uns auf die Entwicklung dieses ‚Pens‘ konzentrieren.“ Der wichtigste Punkt sei nicht die Technologie selbst, sondern ihr praktischer Nutzen. „Als wir bei Rovio arbeiteten, sagten wir immer: Wir sind keine Technologiefirma, sondern ein Unterhaltungsunternehmen. Unser Geschäft war es, gute Erlebnisse für unsere Nutzer zu schaffen – natürlich mithilfe von Technologie.“

Europa braucht Kapital und Dringlichkeit

Nach Ansicht Vesterbackas ist die wichtigste Reform, die Europa anstreben muss, die Schaffung eines integrierten Kapitalmarktes. „So müssen Unternehmen nicht in den USA an die Börse gehen. Europa braucht einen funktionierenden Exit-Markt, damit Gewinne und Kapital hierbleiben.“

Der Investor beklagt auch den Mangel an Eile und Bewusstsein für die historische Lage. Das gelte sowohl für technologische als auch für geopolitische Fragen. „Nur die Länder, die an Russland grenzen, spüren die Dringlichkeit. Wir wissen, dass Russland irgendwann angreift – das ist nur eine Frage der Zeit. Russland ist die Quelle allen Übels. Aber nicht alle Menschen begreifen das.“ Trotz dieser Warnung bleibt Vesterbacka optimistisch. „Europa wird gewinnen: wegen der Art, wie wir unsere Gesellschaft gestalten. Unsere Werte wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind schwer zu kopieren. Autoritäre Systeme wie China oder auch die USA werden langfristig scheitern, weil sie Wissenschaft und Bildung verachten.“

Bei seinen Reisen in die USA habe ihn vor allem die gesellschaftliche Entwicklung seit der Rückkehr Donald Trumps schockiert. „Viele Menschen dort wollen das Land verlassen, weil sie sich wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft nicht mehr sicher fühlen. Sie können nicht mehr sagen, was sie denken. Was ist das für ein Amerika?“, fragt er. Besonders erschütternd sei die Diskussion über Impfungen. „In Florida werden sie mit Sklaverei verglichen. Wenn solche Dinge geschehen, sterben Menschen tatsächlich daran.“

Europas Einhörner liegen in der Mentalität

Peter Vesterbacka steht für eine seltene Stimme aus dem europäischen Norden – pragmatisch, direkt und selbstkritisch. Seine Botschaft ist klar: Europa verliert nicht, weil es zu klein oder zu arm wäre, sondern weil es sich selbst bremst.

Um wieder mehr Einhörner hervorzubringen, braucht Europa weniger Selbstzweifel und mehr Mut. Nicht Gesetze, sondern Denkweisen müssen sich ändern. Estland, sagt Vesterbacka, habe gezeigt, dass Innovation keine Frage der Größe ist, sondern der Haltung.

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