Rekordstände überall. Ist jetzt der Moment für defensive Sektoren
Irgendwann ist die Party vorbei. Es stellt sich die Frage, ob eine Stütze in stabileren Sektoren gesucht werden sollte. Angenommen, es steht überschüssiges Kapital zur Verfügung, das heute investiert werden soll. Schnell entsteht der Eindruck, dass alles auf Rekordniveaus liegt. Neue Höhen erreichen Aktienindizes, Krypto und Gold. Doch wohin mit dem Geld? Dabei darf nicht übersehen werden, dass in diesem Jahr 80 Prozent der Rendite des S&P 500 dem Technologiesektor zu verdanken sind. Immer weniger Indexwerte liegen seit Jahresbeginn im Plus.
Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Fokus, wie es den sogenannten „langweiligen“ Sektoren ergeht, die sich in trüberen Zeiten bewähren. Dies geschieht unter der Annahme, dass Rekorde nicht endlos weiterlaufen und Anleger derzeit heraufziehende Risiken ausblenden. Wenn es nicht rundläuft, suchen Investoren typischerweise Zuflucht bei Arzneien, Strom, Lebensmitteln und Haushaltswaren. Die Nachfrage nach diesen Gütern bleibt auch dann bestehen, wenn Konsumenten andere Anschaffungen aufschieben.
Gesundheit, Versorger und Basiskonsum
Sollten die Zeiten schwieriger werden, wird im Durchschnitt nicht so stark gespart, dass freiwillig oder gezwungenermaßen auf die eigene Gesundheit verzichtet wird. Zumindest wird versucht, sich innerhalb funktionaler Grenzen zu halten. Die Marktkapitalisierung der Gesundheitswerte im S&P 500 ist binnen eines Monats um gut sieben Prozent gestiegen. Investoren kaufen wieder Aktien des Herstellers von Abnehm-Medikamenten Eli Lilly & Co. Dessen Wert legte binnen eines Monats um 12 Prozent zu. Die Aktie des Gesundheitsriesen Johnson & Johnson verteuerte sich in diesem Jahr um ein Drittel.
Der US-Versorgersektor gewann in den vergangenen sechs Monaten 15 Prozent. Die Theorie hinter diesem Sektor besagt, dass derartige Unternehmen berechenbarer und sicherer sind. Dies bestätigt die Tatsache, dass Versorger nahezu alle Haushalte und Unternehmen mit Strom, Gas und Wasser beliefern. Häufig handelt es sich um streng regulierte Firmen, die historisch für hohe Stabilität stehen. Kunden denken in der Regel zuerst an die Begleichung der Rechnungen. Erst dann lassen sich die übrigen Möglichkeiten und Annehmlichkeiten des modernen Lebens nutzen. Unter den Versorgeraktien fallen die Gewinne der Branchenführer besonders auf. In den USA stiegen etwa NextEra Energy und Constellation Energy, die größten Unternehmen des Sektors, binnen eines Monats jeweils um 20 Prozent.
Bei den Basiskonsumgütern standen in den vergangenen Wochen die Kursanstiege von Walmart, Coca-Cola und PepsiCo im Vordergrund.
Kommt jetzt die Stunde der Nachzügler?
Auf Jahressicht liegen US-Gesundheitsaktien weiterhin um gut zwei Prozent niedriger. Basiskonsumwerte stehen bei der Rendite um null. Die Gewinne über fünf Jahre waren vergleichsweise moderat. Basiskonsum legte in diesem Zeitraum um 36 Prozent zu. Gesundheitswerte kamen auf 43 Prozent. Solche Renditen sind nicht beeindruckend. Der US-Technologiesektor verzeichnete im selben Zeitraum ein Plus von 204 Prozent. Gleichzeitig eröffnet dies Raum für Recherche. Große Unternehmen aus defensiven Sektoren verschwinden in der Regel nicht einfach. Die Hoffnung lautet, dass ihre stagnierenden Bewertungen den Einstieg zu relativ vernünftigen Preisen erlauben. Zudem steigt das Interesse an diesen Unternehmen häufig gerade in besonders turbulenten Phasen.
„Die vergangenen sechs Monate leben wir in einem Umfeld, das von der Realität abgekoppelt ist, in dem der Markt nur steigt, während die Nachrichten immer schlechter werden“, sagte Alex Shaloff, Chief Investment Officer bei Bernstein Private Wealth Management, dem Wall Street Journal. Zahlreiche Investoren reduzierten laut seiner Einschätzung hinter der glänzenden Fassade der US-Technologiewerte tatsächlich die Exponierung gegenüber konjunktursensiblen Unternehmen. „Die Stärke der Mega-Tech-Konzerne hat die immer offensichtlicheren Schwächezeichen in weiten Teilen der Realwirtschaft überdeckt. Versuche, diese Schwächen auszunutzen, haben sich in den letzten Wochen verstärkt“, berichtet das Wall Street Journal unter Verweis auf die Manager des US-Finanzfonds Unlimited Funds.
Auch GammaRoad Capital Partners warnt: „Die Liste der Sorgen wird tatsächlich länger. In einem solchen Umfeld ist mit höherer Volatilität zu rechnen.“
Kurse von Regionalbanken, Einzelhändlern, Bauunternehmen und Fluggesellschaften tendierten zuletzt abwärts. Diese Sektoren profitieren üblicherweise in Phasen soliden Wachstums. Globale Handelskonflikte treten konstant zutage. Unerwartete Insolvenzen des Autozulieferers First Brands und des Kfz-Kreditgebers Tricolor waren teilweise verantwortlich für einen Teil dieser Spannungen.
Anleger sorgen sich nun, dass die Rekordstände an den Börsen, tatsächlich angetrieben durch massive Kursgewinne weniger großer Tech-Konzerne, potenziell wichtige Marktschwächen überdeckt haben. So verlor die Aktie des Hauptkreditgebers von First Brands, Jefferies Financial, binnen eines Monats ein Fünftel. Kein Wunder, dass vielerorts der jüngste Kakerlaken-Vergleich von JPMorgan-Chef Jamie Dimon zitiert wird. Mit Bezug auf die genannten Pleiten sagte er: „Wenn man eine Kakerlake sieht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es noch mehr gibt.“
Vielleicht sind Versorgeraktien gar nicht so langweilig
Eine zusätzliche Warnung erfordert eine etwas andere Betrachtung des US-Versorgersektors. Dessen Aktien sind im Zuge der KI-Euphorie derzeit womöglich heißer als die Titel der Technologieanbieter selbst. Seit 2023 ist der Sektor #Utilities im S&P 500 der drittprofitabelste. Anleger verbuchten 43 Prozent Plus. Historisch war die Logik oft umgekehrt. Der Sektor legte im Jahr 2000 beim Platzen der Dotcom-Blase 52 Prozent zu. Er übertraf den S&P 500 auch in den Krisenjahren 2007 und 2008. Jetzt steigt er gemeinsam mit dem Bullenmarkt. Gewinner in diesem Segment sind Stromversorger, insbesondere unabhängige Erzeuger wie NRG Energy mit 86 Prozent Plus seit Jahresbeginn, sowie Constellation Energy und Vistra.
Versorger lassen sich als Wette auf den Erfolg der künstlichen Intelligenz selbst verstehen. Energiekonzerne in diesem Sektor profitieren vom stromhungrigen Ausbau der KI-Technologien. Gleichzeitig unterliegen auch diese Unternehmen durch KI befeuerten Spekulationen. Läuft in diesem Segment nicht alles glatt, könnten Investoren die Bewertungen der Firmen in diesem überhitzten Sektor rasch neu kalibrieren. In diesen Bereich fließt derzeit viel „heißes Geld“. Diese Ströme können sich jedoch früher oder später umkehren.
Anleger müssen damit rechnen, dass die Fahrt an den Märkten zeitweise sehr holprig ist. Manchmal verliert das Börsenfahrzeug auf diesen Schlaglöchern sogar einen Reifen. In den letzten Jahren folgten auf Kursrückgänge regelmäßig Käufe auf niedrigeren Niveaus. Schnäppchenjäger nutzten die Gelegenheit zum Einstieg. Mit immer entschlosseneren Discount-Jägern ist der US-Aktienmarkt, dessen Schicksal und Dynamik zunehmend von einem einzigen Sektor geprägt wird, fast immun gegen ernsthafte und lang anhaltende Korrekturen.
Derzeit läuft die Quartalsberichtssaison der US-Unternehmen. Es ist möglich, dass gute Ergebnisse die Kritik an der Rally erneut zum Schweigen bringen. Die Geschichte neigt stark zur Wiederholung. Auch wenn die wirtschaftliche Zyklik offenkundig nicht abgeschafft wurde, können weniger spektakuläre Branchen wie Pharma, Energie und Basiskonsum langfristig solide Stützen bieten, insbesondere wenn die Einstiegsbewertung günstig ist.
KI-Hype verdeckt Risiken
Für Anleger eröffnet die Rotation in Defensive Aktien Chancen. Gesundheitswerte profitieren von demografischen Trends und Preissetzungsmacht in Nischen. Versorger bieten planbare Cashflows und profitieren indirekt von Rechenzentrums- und Netzausbau. Basiskonsumgüter liefern Stabilität in schwächeren Konjunkturphasen. Gleichzeitig bleibt eine hohe Abhängigkeit der Indizes von globalen Tech-Schwergewichten bestehen. Ein selektiver Ansatz, kombiniert mit Risikomanagement über Qualitätsanleihen und Liquiditätspuffer, gewinnt an Bedeutung.
Rekorde dominieren die Schlagzeilen. Dennoch sprechen Marktenge, Konzentration der Gewinne und wachsende Störgeräusche für Breitstellung und Defensive. Sektoren wie Gesundheit, Versorger und Basiskonsum sind keine Renditeraketen, aber sie stabilisieren Portfolios, wenn der Zyklus dreht. Wer Bewertungen prüft, Qualität priorisiert und Klumpenrisiken reduziert, ist für den nächsten Abschwung besser positioniert.

