Der Preis des Erfolgs: Warum über Geld zu sprechen, noch immer tabu ist
Großer Ehrgeiz, eiserne Disziplin und unbändiger Siegeswille – diese Eigenschaften prägen die Karrieren von Kristel Mets, Geschäftsführerin des Einzelhändlers Rimi Eesti, und Tarmo Hõbe, Direktor des Einkaufszentrums T1 in Tallinn. Beide haben gelernt, ins Ungewisse zu springen und erfolgreich zu schwimmen – und mit wachsender Verantwortung stieg auch ihr Einkommen. Über Gehälter zu sprechen, gilt in vielen Ländern als Tabu. Es ist peinlich, sowohl über geringe Löhne als auch über fünfstellige Monatsgehälter zu reden. Dabei spiegeln hohe Managergehälter nicht nur Erfolg, sondern auch Verantwortung, Risiken und Rückschläge wider.
Die Wirtschaftszeitung Äripäev befragte 15 Führungskräfte zu ihren Karriere- und Einkommenswegen – die meisten lehnten ab. Zu privat, vertraglich verboten oder aus Angst vor gesellschaftlicher Kritik, erklärten sie. Kristel Mets und Tarmo Hõbe machten hingegen kein Geheimnis daraus.
Kristel Mets: Vom Tomatenfeld zur Unternehmensspitze
„Sieg oder nichts“, sagt Mets über ihre Haltung. Die heutige Rimi-Chefin arbeitete sich mit unerschütterlichem Selbstvertrauen an die Spitze – zunächst beim Alkoholkonzern Altia, später bei Rimi. Früher feierte sie ihre Erfolge mit Champagner von Dom Pérignon, bevor sie den Alkohol ganz aufgab. Rückblickend meint sie dennoch: Sie hätte ambitionierter sein sollen. Schon als Jugendliche verdiente sie ihr erstes Geld, indem sie auf dem Land Pflanzen goss und Hühner fütterte – bezahlt von den eigenen Eltern. Der Lohn war so ansehnlich, dass sie extra den Bus nahm, um die Arbeit gewissenhaft zu erledigen. Später, während des Sommers, arbeitete sie in einer Gärtnerei und verdiente 150 Rubel – damals genug, um die gesamte Summe zu verfeiern.
Nach der Schule bekam sie ein Kind und gründete mit einer Freundin einen kleinen Lebensmittelladen. Estland war gerade unabhängig geworden, die Zeit war chaotisch. Einen Kredit erhielten sie von einem Bekannten, der ihnen buchstäblich ein Bündel Bargeld aus dem Tresor reichte – mit dem Vertrauen, sie würden es zurückzahlen. Das Geschäft lief, doch die Arbeit war zu hart. Sie verkauften den Laden mit Gewinn und suchten neue Wege.
Aufstieg durch Zielstrebigkeit und Selbstbewusstsein
Mets entschied sich für den Handel. Als 1996 das Kaufhaus Stockmann in Tallinn eröffnete, begann sie dort als Dekorateurin und studierte nebenbei Marketing. Sie lernte, wie man durch clevere Präsentation Produkte verkauft, ohne die Preise zu senken. „Ich merkte, wie leicht Menschen in ihren Kaufentscheidungen – im positiven Sinn – beeinflussbar sind“, sagt sie. Ihr Monatsgehalt lag zwischen 5000 und 10 000 estnischen Kronen (nach historischem Kurs etwa 320 bis 640 Euro, Quelle: Eesti Pank, Stand 2006).
Doch sie wollte mehr: eine Führungsposition im Marketing. Bei Stockmann war das unmöglich, also suchte sie gezielt ein Unternehmen, das die Rolle noch nicht besetzt hatte – und überzeugte dort mit Eigeninitiative. Zwar blieb der große Gehaltssprung aus, doch Dienstwagen, bezahlte Telefonkosten und ein neuer Titel kompensierten das. Als das Unternehmen schloss, wechselte Mets zur Snackfirma Latfood, die Taffel-Chips vertrieb. Dort verdiente sie 12 000–15 000 Kronen monatlich (ca. 770 bis 960 Euro) und studierte parallel Betriebswirtschaft. Bald jedoch erkannte sie: Wer CEO werden will, braucht Vertriebserfahrung. 2006 wechselte sie zur Tabakfirma Gallaher und startete mit 18.000 Kronen (rund 1.150 Euro) – fast doppelt so viel wie der damalige Landesdurchschnitt.
Später übernahm sie Führungsverantwortung im Alkoholvertrieb von Altia (heute Anora). 2007 verlangte sie ein Jahresgehalt von 1 Million Kronen (rund 63.900 Euro), also das Siebenfache des Durchschnitts. „Ich habe mir selbst ein Preisschild angehängt“, sagt sie. Elf Jahre lang leitete sie das Geschäft in Lettland und Estland – ein Aufstieg, der sie zu einer der bekanntesten Managerinnen des Baltikums machte. Trotzdem urteilt sie streng über sich selbst: „Ich habe zu kleine Ziele gesetzt. Ich war zu bequem, um weiterzugehen.“ 2018 verließ Mets Altia. Ihr letztes Gehalt: 8.000 Euro plus Boni. Ein gutes Vergütungssystem müsse laut ihr so attraktiv sein, dass man auch bei lukrativen Angeboten bleibt. Bonuszahlungen über ein Monatsgehalt hinaus hält sie für angemessen – und fordert, dass Führungskräfte selbstbewusst Gehaltserhöhungen einfordern: „Niemand kommt und bietet sie von selbst an.“
Karriere mit neuen Prioritäten
Nach einem Abstecher zur slowenischen Handelsgruppe Studio Moderna (Betreiberin von Topshop) wechselte sie schließlich zu Breden Kids, einem estnischen Kinderbekleidungshersteller. Dort verdiente sie rund 6.000 Euro – deutlich weniger, doch sie wollte mehr Lebenszeit. „Als CEO bist du 24 Stunden im Dienst. Irgendwann fragst du dich, ob du nicht auch mal von neun bis fünf arbeiten darfst.“ Seit zwei Jahren führt Mets Rimi Eesti.
Sie verrät keine genaue Zahl, betont aber: Das Gehalt liege über 8.000 Euro, dazu kommen kurz- und langfristige Boni. Sie trägt Verantwortung für über 2000 Mitarbeiter und für die Einhaltung aller Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften. „Jeder kann Führungskraft werden, der es wirklich will. Es gibt keine unüberwindbaren Hürden.“
Tarmo Hõbe: Vom Sportplatz zum Retter großer Unternehmen
Disziplin und Ehrgeiz begleiten Tarmo Hõbe seit seiner Kindheit. In der südestnischen Stadt Valga lief er mit seinem Vater jeden Morgen vor der Schule Runden – eine Routine, die er bis heute beibehält. Mit 16 gehörte er zur Nachwuchsnationalmannschaft, entschied sich aber gegen eine Sportkarriere: „Ich wollte einfach so weit wie möglich aus Valga weg – und hatte genug trainiert.“ Seine ersten Rubel verdiente er beim Rübenhacken, das Geld floss in einen Kassettenrekorder. Während des Studiums arbeitete er als Sicherheitsmann bei ESS Security, einer Firma von Unternehmer Urmas Sõõrumaa. Später zahlte sich diese Erfahrung aus, als ihn der heutige Piletilevi-Chef Sven Nuutmann als Verkaufs- und Marketingleiter zu USS Security holte. Anfang der 2000er-Jahre fand Hõbe seine Leidenschaft für Veranstaltungsmanagement – zunächst bei Mobec, wo er vom Regalbefüller zum HoReCa-Projektleiter aufstieg.
„Ich tue immer mehr, als man erwartet. Ich suche nach Möglichkeiten, Dinge besser zu machen“, sagt er. Bald wechselte er zur Sportartikelkette Sportland, einem der begehrtesten Arbeitgeber des Landes. Trotz hunderter Bewerber setzte er sich mit 23 Jahren durch. 2005 verdiente er dort 15.000 Kronen (etwa 960 Euro) – knapp über dem damaligen Durchschnitt. Nach sieben Jahren in Marketing und Vertrieb zog es ihn weiter: Erst nach Madrid, dann zurück zu Sõõrumaa, bevor er 2013 als Geschäftsführer die Leitung der Saku Suurhall, Estlands größter Veranstaltungshalle, übernahm. Das Monatsgehalt lag bei rund 3.500 Euro, später bei 5.000 Euro. Die Halle stand kurz vor der Insolvenz, doch Hõbe sanierte sie und führte sie zurück in die Gewinnzone. „Ich brauche Herausforderungen, bei denen mir das Wasser bis zum Hals steht“, sagt er.
2020 folgte die nächste Bewährungsprobe: das angeschlagene Einkaufszentrum T1 Mall of Tallinn. Der Fall erinnerte ihn an die schwierigen Jahre der Suurhall – nur in größerem Maßstab. Drei Jahre später hat Hõbe das Zentrum wiederbelebt: Wo einst gähnende Leere herrschte, herrscht heute reger Betrieb. Wie viel er verdient, verrät er nicht. Doch er betont, dass Gehälter im Wettbewerb mit dem Markt stehen müssen. „Das Gehalt ist Hygiene – wichtig, aber kein langfristiger Antrieb. Mich motiviert, wenn die Herausforderung zu meiner Ideologie passt.“
Deutschland: Offenheit über Managergehälter bleibt ein Tabuthema
Die Geschichten von Kristel Mets und Tarmo Hõbe zeigen, wie sehr Managergehälter von Verantwortung, Einsatz und persönlicher Opferbereitschaft abhängen – nicht nur in Estland, sondern überall. Auch in Deutschland wird über das Einkommen von Spitzenkräften meist hinter verschlossenen Türen gesprochen. Dabei könnte mehr Transparenz zu einer ehrlicheren Diskussion über Leistung, Gleichstellung und Verantwortung beitragen.


