Topanalyst bewertet die attraktivsten Rüstungsaktien
Investoren weltweit haben in den vergangenen Jahren verstärkt Aktien aus der Rüstungsindustrie gekauft, was deutliche Kurssteigerungen ausgelöst hat. Die zentrale Frage lautet nun, ob dieser Trend zu weit gegangen ist oder ob weiteres Potenzial besteht.
Fragt man Ronald Epstein, Senior Aktienanalyst bei Bank of America, fällt seine Antwort eindeutig aus. Er ist überzeugt, dass sich für Anleger weiterhin Chancen bieten, sofern sie die Branche differenziert betrachten. Ronald Epstein betont, dass besonders die Nachfrage nach Raketen und Munition global stark steigt. Unternehmen innerhalb dieser Lieferketten hätten daher ein spürbares Wachstumspotenzial, was auch die Bewertung vieler Rüstungsaktien beeinflusst. Er beobachtet die Luftfahrt und Verteidigungsindustrie seit fast 25 Jahren und analysiert mehr als 40 internationale Konzerne. Zurzeit sieht er vor allem drei US-Aktien, die in seinen Augen besonders gut positioniert sind.
Wachsende Verteidigungsbudgets in den USA und Europa
Die Einschätzung des Experten erfolgt vor dem Hintergrund der sicherheitspolitischen Lage. Die Ukrainekrise und das Bestreben der USA, nicht länger Hauptgarant der europäischen Verteidigung zu sein, haben die europäischen Staaten dazu veranlasst, ihre militärischen Kapazitäten deutlich auszubauen.
Europa erhöht ihre Verteidigungsausgaben, und die Nato strebt an, fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung zu investieren. In den USA setzt Präsident Donald Trump mit seinem Gesetzespaket One Big Beautiful Bill ebenfalls auf massive Investitionen. Nach Analyse von Ronald Epstein dürfte diese Dynamik global weiter anhalten. Die US-Verteidigungsausgaben nähern sich der Marke von 1000 Milliarden Dollar. Er geht davon aus, dass die Ausgaben in den kommenden Jahren jährlich um fünf bis sechs Prozent steigen. Auch Europa dürfte die Budgets weiter erhöhen.
Northrop Grumman profitiert von strategischen Erneuerungen
Eine der stärksten Aktien in diesem Umfeld ist nach Einschätzung von Ronald Epstein der US-Konzern Northrop Grumman. Das Unternehmen ist eng in die Modernisierung der amerikanischen Nukleartriade eingebunden, die aus landgestützten Interkontinentalraketen, U-Boot gestützten ballistischen Raketen und strategischen Langstreckenbombern besteht. Northrop liefert zentrale Elemente dieser Struktur. Northrop Grummans Sentinel System soll die mehr als 50 Jahre alten Minuteman Raketen ersetzen. Gleichzeitig entwickelt der Konzern das B 21 Raider Bombenflugzeug der sechsten Generation. Dieses Modell soll in Zukunft die B 2 Flugzeuge des US-Luftwaffenarsenals ablösen. Beide Programme zählen zu den zentralen Pfeilern der amerikanischen strategischen Verteidigung.
Ein weiterer Wettbewerb betrifft die Entwicklung eines neuen Jägerflugzeugs für die US Marine. Unter dem Projektnamen F/A XX konkurrieren Northrop und Boeing um einen Auftrag mit jahrzehntelanger Relevanz. Ronald Epstein sieht Northrop in einer starken Position, da das Unternehmen die Marine seit Langem beliefert. Zugleich habe Boeing erst kürzlich den Auftrag für das F 47 Kampfflugzeug erhalten. Northrop verfügt zudem über große Erfahrung mit unbemannten Systemen. Der Konzern hatte vor zwölf Jahren den Raketenantriebsspezialisten Orbital ATK übernommen, dessen Motoren in einem Großteil aller US-Raketen verbaut sind. Die steigende Nachfrage nach Raketen stärkt diese Position. Als Kursziel nennt Ronald Epstein 685 Dollar.
Boeing bietet langfristiges Erholungspotenzial
Für mittel bis langfristige Investoren hebt Ronald Epstein Boeing hervor. Der Konzern befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel und arbeitet daran, operative Prozesse zu stabilisieren. Boeing hat schwere Probleme hinter sich, sieht aber Fortschritte, die nach Einschätzung des Analysten die Grundlage für eine langfristige Erholung bilden. Der Konzern zählt zu den weltweit größten Herstellern ziviler Verkehrsflugzeuge. Gleichzeitig produziert Boeing militärische Systeme und Raketen. Die Nachfrage nach Flugreisen ist hoch, was das zivile Geschäft stärkt. Auch im Verteidigungssegment bieten Militärverträge Chancen. Diese Faktoren wirken sich auf die Bewertung einzelner Rüstungsaktien aus.
Die Sicherheit der Flugzeuge bleibt jedoch ein zentrales Risiko. Schwere Unfälle der vergangenen Jahre haben das Vertrauen belastet und zu starken Kursverlusten geführt. Der Wettbewerb ist zudem intensiv. Airbus drängt im zivilen Markt, während Lockheed Martin und Northrop Grumman im militärischen Bereich große Rivalen darstellen. Nach Einschätzung von Ronald Epstein hat das neue Management die richtige Strategie eingeschlagen. Prozesse wurden überprüft und Prioritäten neu gesetzt, um Boeing wieder zu stabilisieren. Sein Kursziel liegt bei 270 Dollar.
RTX Corporation profitiert vom akuten Bedarf an Rüstungsgütern
Auf kürzere Sicht sieht Ronald Epstein großes Chancenpotenzial bei RTX Corporation. Das Unternehmen gehört zu den führenden Luftfahrt und Verteidigungsproduzenten weltweit und stellt Patriot Systeme, Tomahawk Marschflugkörper, Radartechnologien und Triebwerke für zivile sowie militärische Flugzeuge her.
Die Nachfrage nach Raketen und Munition ist derzeit besonders hoch. RTX profitiert davon, da das Unternehmen sowohl im Verteidigungsbereich als auch im zivilen Flugzeugmarkt stark vertreten ist. Die hohe Nachfrage nach Flugzeugen unterstützt das zivile Segment, während die geopolitische Lage das Verteidigungsgeschäft stärkt. Ein zentraler Treiber ist die intensive Nachfrage nach Patriotsystemen. Diese Kombination aus zivilem und militärischem Geschäft macht RTX widerstandsfähig gegenüber Marktschwankungen. Langfristige Wartungsverträge ergänzen das Angebot. Für die Aktie nennt Ronald Epstein ein Kursziel von 225 Dollar.
Europas strategische Abhängigkeiten bleiben bestehen
Ronald Epstein berichtet zudem von der Paris Air Show, bei der viele europäische Staaten den Wunsch äußerten, ihre Verteidigungsindustrie unabhängiger zu gestalten. Europa strebt nach mehr Eigenständigkeit, doch zentrale Fähigkeiten lassen sich nicht kurzfristig aufbauen. Deshalb bleibt die Abhängigkeit von US-Ausrüstung vorerst bestehen.
Ein besonders großer Mangel besteht im Bereich moderner Kampfflugzeuge. Die Entwicklung eines europäischen Modells der nächsten Generation liegt nach Einschätzung des Analysten rund 20 Jahre in der Zukunft. Bis dahin werden die Staaten weiterhin US-Systeme kaufen. Dies begünstigt Unternehmen wie Northrop Grumman und beeinflusst langfristig die Bewertung zahlreicher Rüstungsaktien.
Deutschlands Rolle im wachsenden europäischen Rüstungsmarkt
Ronald Epsteins Analyse zeigt, dass die Nachfrage nach Rüstungsgütern weltweit steigt und Europa seine Unabhängigkeit nur langsam ausbauen kann. Für Deutschland entsteht die Aufgabe, die eigene Industrie zu stärken und die Modernisierung der Bundeswehr zuverlässig zu finanzieren. Der Trend zeigt, dass Investoren verstärkt auf Rüstungsaktien mit stabilen Kapazitäten setzen. Entscheidend wird sein, ob Deutschland seine industrielle Basis schnell genug ausbauen kann, um künftig eine führende Rolle im europäischen Verteidigungsmarkt einzunehmen und mehr Wertschöpfung im eigenen Land zu halten.

