Grönland im Fokus der US-Sicherheitspolitik
Donald Trump hat in der Nacht zum Montag erneut betont, die Vereinigten Staaten benötigten Grönland aus Gründen der nationalen Sicherheit. Nach Einschätzung von Sicherheitsexperten ist diese Aussage nicht mehr als politische Rhetorik abzutun, sondern Ausdruck einer grundlegenden strategischen Neuorientierung Washingtons. Das berichten unsere Kollegen von Børsen.
Rasmus Brun Pedersen, der an der Universität Aarhus zur sicherheitspolitischen Rolle kleiner Staaten in der neuen Weltordnung forscht, warnt vor einer Unterschätzung der Lage. Vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen in Venezuela müsse jedem klar sein, dass die Situation rund um Grönland von erheblicher Tragweite sei. Die erneute Warnung des US-Präsidenten falle nicht zufällig zeitlich mit dem militärischen Eingreifen der USA in Venezuela zusammen, bei dem Präsident Nicolás Maduro seines Amtes enthoben wurde. Auch wenn es sich aus US-Sicht um unterschiedliche Fälle handele, ordnet Pedersen beide Vorgänge einer gemeinsamen strategischen Logik unter. Die Vereinigten Staaten hätten den Anspruch formuliert, ihre unmittelbaren Einflusszonen auszuweiten und stärker zu kontrollieren. Diese Doktrin bilde inzwischen das Rückgrat der amerikanischen Sicherheitspolitik. Grönland sei dabei eine zentrale strategische Komponente.
Zwei Szenarien für eine stärkere US-Kontrolle über Grönland
Der politische und mediale Druck auf Grönland nimmt spürbar zu. Zuletzt sorgte ein von der US-Podcasterin Katie Miller auf der Plattform X verbreitetes Bild Grönlands in den Farben der amerikanischen Flagge für Aufmerksamkeit. Zuvor hatte Trump den Gouverneur von Louisiana, Jeff Landry, zum Sondergesandten für Grönland ernannt. Dessen Auftrag lautet, die Bevölkerung von den Vorteilen einer engeren Anbindung an die USA zu überzeugen. Nach Einschätzung von Rasmus Brun Pedersen zeichnen sich zwei mögliche Entwicklungspfade ab. Der erste wäre eine direkte Übernahme Grönlands, im äußersten Fall auch unter Einsatz militärischer Mittel. Ein solches Vorgehen würde für die USA jedoch deutlich höhere politische und strategische Kosten verursachen als in Venezuela. Es käme zu einer offenen Konfrontation mit europäischen Staaten und zu einem Bruch mit einem zentralen NATO-Partner, nämlich Dänemark. Pedersen hält dieses Szenario für weniger wahrscheinlich, schließt es jedoch nicht aus.
Auch Jesper Willaing Zeuthen von der Universität Aalborg, der zur sicherheitspolitischen Beziehung zwischen Grönland und den USA forscht, mahnt zur Vorsicht. Zwar gehe kaum jemand ernsthaft von einer Invasion aus, doch habe Trump in der internationalen Politik wiederholt gängige Logiken außer Kraft gesetzt. Deshalb könne derzeit kein Szenario vollständig ausgeschlossen werden.
Freie Assoziierung als realistischer Hebel und Folgen für Deutschland
Deutlich wahrscheinlicher erscheint beiden Experten ein schrittweiser Ansatz über eine sogenannte freie Assoziierungsvereinbarung. Ein solches Modell würde Grönland formal nicht zu einem Teil der USA machen, könnte aber weitreichende praktische Konsequenzen haben. Denkbar wäre, dass die USA zentrale staatliche Aufgaben übernehmen, während das amerikanische Militär weitgehende Bewegungsfreiheit erhält. Zugleich könnte Washington Zugriff auf Rohstoffe im grönländischen Untergrund erlangen, während Grönland seine formale Eigenständigkeit behält. Ein ähnliches Modell wird von den USA bereits in Teilen des Pazifikraums angewendet und wurde auch im Zusammenhang mit Grönland in der Vergangenheit diskutiert. In Washington werde zudem über eine Konstruktion nach dem Vorbild Alaskas gesprochen. Dabei fließen Einnahmen aus der Rohstoffförderung in einen Fonds, aus dem ein Teil der Erlöse an die lokale Bevölkerung zurückgegeben wird. Konkrete Ausgestaltungen existieren bislang jedoch nicht. Jesper Willaing Zeuthen sieht ebenfalls die größten Erfolgsaussichten in Verhandlungen. Viele der strategischen Interessen der USA in Grönland seien faktisch bereits heute abgesichert. Zusätzliche Zugeständnisse könnten daher auch innerhalb des bestehenden Verbundes mit Dänemark erfolgen, ohne das Reichsgemeinschaftsmodell aufzulösen.
Für Deutschland ergibt sich daraus ein sensibles sicherheitspolitisches Umfeld. Als zentrale europäische Wirtschaftsmacht und enger Partner sowohl der USA als auch Dänemarks ist Berlin mittelbar betroffen. Sollte sich der geopolitische Druck auf Grönland weiter erhöhen, wäre Deutschland in EU und NATO gefordert, deeskalierend zu wirken und eine geschlossene europäische Position zu unterstützen. Direkte Einflussmöglichkeiten bestehen jedoch kaum, was die Abhängigkeit Europas von amerikanischen Sicherheitsentscheidungen erneut verdeutlicht. Beide Experten betonen, dass Dänemark derzeit nur begrenzten Handlungsspielraum besitzt. Es gehe darum, Zeit zu gewinnen, Eskalationen zu vermeiden und sicherzustellen, dass Verhandlungen über Grönland ausschließlich im Rahmen der Reichsgemeinschaft geführt werden. Eine strukturierte und bewusst langwierige diplomatische Linie könne helfen, die Lage zu stabilisieren.
Dass Trump zuletzt an Bord der Air Force One ankündigte, sich in wenigen Wochen erneut mit Grönland zu befassen, verleiht der Debatte zusätzliche Brisanz. Offizielle Pläne liegen zwar nicht vor, doch die Nennung konkreter Zeiträume nährt nach Einschätzung von Pedersen den Verdacht, dass in Washington bereits eine weitergehende Strategie vorbereitet wird.


