Sprechen wir über deutsches und amerikanisches Wachstum
Die Debatte über die unterschiedliche wirtschaftliche Dynamik in Europa und den USA reißt nicht ab. Immer häufiger stellt sich die Frage, ob die Vereinigten Staaten strukturelle Vorteile nutzen, während Europa mit falschen wirtschaftspolitischen Prioritäten ringt.
Die jüngsten Konjunkturdaten aus Deutschland liefern zumindest ein vorsichtig positives Signal. Nach zwei Jahren des wirtschaftlichen Abschwungs hat sich die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr knapp aus der Rezession gelöst. Erste statistische Schätzungen zeigen, dass das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 um 0,2 Prozent gewachsen ist. Damit endet eine Phase anhaltender Stagnation, wenn auch auf niedrigem Niveau.
Getragen wurde das Wachstum vor allem vom privaten und staatlichen Konsum. Investitionen und der Außenhandel wirkten hingegen weiterhin bremsend. Die Zahlen verdeutlichen, dass sich die wirtschaftliche Erholung bislang auf wenige Säulen stützt und strukturelle Schwächen fortbestehen.
Privater und staatlicher Konsum als Stütze
Der private Konsum der Haushalte legte preisbereinigt um 1,4 Prozent zu und war damit der wichtigste Wachstumstreiber. Zwar gaben die Haushalte etwas weniger für touristische Dienstleistungen aus, zugleich stieg jedoch der Absatz von Neuwagen. Für die deutsche Automobilindustrie ist dies ein wichtiges Signal nach mehreren schwierigen Jahren.
Auch der Staat erhöhte seine Ausgaben deutlich. Der staatliche Konsum wuchs um 1,5 Prozent. Nach Angaben der Statistiker wirkten sich vor allem höhere Ausgaben für das Gesundheitswesen sowie steigende Löhne im öffentlichen Dienst positiv auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung aus.
Dämpfend wirkten dagegen die Investitionen. Diese gingen im Jahresdurchschnitt erneut zurück. Staatliche Investitionen, insbesondere im Verteidigungsbereich, konnten den Rückgang der unternehmerischen Investitionstätigkeit nicht ausgleichen.
Außenhandel belastet das Wachstum
Zusätzlichen Gegenwind erhielt die deutsche Wirtschaft durch den Außenhandel. Der Nettoexport verringerte das Bruttoinlandsprodukt, da die Exporte von Waren und Dienstleistungen bereits das dritte Jahr in Folge sanken, diesmal um 0,3 Prozent.
Besonders deutlich fiel der Rückgang bei den Warenexporten aus. Geringere Ausfuhren von Autos, Maschinen und chemischen Produkten belasteten die Exportbilanz. Gleichzeitig stiegen die Warenimporte kräftig um 5,1 Prozent, was den negativen Effekt verstärkte.
Im Dienstleistungsverkehr zeigte sich ein gemischtes Bild. Die Exporte von Dienstleistungen nahmen um 1,1 Prozent zu, während die Importe lediglich um 0,2 Prozent wuchsen. Insgesamt reichte dies jedoch nicht aus, um den negativen Beitrag des Außenhandels auszugleichen.
USA mit kräftigem Wachstum, aber unvollständigen Daten
Ein vollständiger Vergleich mit den Vereinigten Staaten ist derzeit nur eingeschränkt möglich. Die endgültigen Daten zur Wirtschaftsleistung des vergangenen Jahres liegen noch nicht vor. Das amerikanische Bureau of Economic Analysis wird erst in Kürze eine aktualisierte Schätzung für das dritte Quartal 2025 veröffentlichen, einschließlich revidierter Branchenzahlen und Unternehmensgewinne.
Grund für die verzögerte Veröffentlichung ist der zeitweise Stillstand der US-Regierung im vergangenen Jahr. Dennoch geben die zuletzt verfügbaren Daten einen Eindruck von der wirtschaftlichen Dynamik in den USA. Im dritten Quartal wuchs das US-Bruttoinlandsprodukt auf Jahresbasis um 4,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Es war die stärkste Wachstumsrate seit zwei Jahren. Maßgeblich dazu beigetragen hat der private Konsum der Haushalte.
Konsum und Nettoexport als Wachstumstreiber
Der private Konsum steuerte nach Angaben der BEA insgesamt 2,4 Prozentpunkte zum Wachstum bei. Davon entfielen 0,7 Prozentpunkte auf den Warenkonsum. Deutlich stärker fiel der Beitrag der Dienstleistungen aus, die mit 1,7 Prozentpunkten zur Wirtschaftsleistung beitrugen.
Innerhalb des Dienstleistungssektors hatte der Konsum von Gesundheitsleistungen mit knapp 0,8 Prozentpunkten den größten Einfluss. Die steigenden Ausgaben in diesem Bereich prägen zunehmend die amerikanische Wachstumsstruktur.
Neben dem Konsum leistete auch der Nettoexport einen erheblichen Beitrag. Er erhöhte das Wachstum um 1,6 Prozentpunkte. Die staatlichen Ausgaben steuerten weitere 0,4 Prozentpunkte bei, während Investitionen insgesamt keinen positiven Effekt hatten.
Internationale Prognosen und strukturelle Unterschiede
Der Internationale Währungsfonds rechnet für die Eurozone mit einem Wachstum von 1,3 Prozent, für Deutschland mit 1,1 Prozent und für die USA mit 2,4 Prozent. Alle Prognosen wurden zuletzt leicht nach oben revidiert. Dennoch bleibt der Abstand zwischen den Wachstumsraten deutlich.
Vor diesem Hintergrund wird erneut diskutiert, ob die Vereinigten Staaten über strukturelle Vorteile verfügen, die Europa bislang nicht nutzt. Eine abschließende Bewertung ist jedoch erst möglich, wenn auch für die USA vollständige Jahresdaten vorliegen. Bis dahin lassen sich drei Aspekte identifizieren, die für die aktuelle Wachstumsdebatte von zentraler Bedeutung sind und sowohl Chancen als auch Risiken verdeutlichen.
Investitionen in künstliche Intelligenz als Sonderfaktor
Ein besonders auffälliger Befund stammt von der OECD. Zwar wuchs das US-Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr um 1,1 Prozent. Ohne die massiven Investitionen in künstliche Intelligenz hätte sich die Wirtschaftsleistung jedoch um 0,1 Prozent verringert.
Die Investitionen in KI-Projekte waren damit entscheidend für die positive Wachstumsbilanz. Gleichzeitig mehren sich Zweifel an der Nachhaltigkeit dieses Modells. Beobachter weisen darauf hin, dass enorme Mittel in Technologien fließen, deren Weg zur Profitabilität bislang unklar ist. Die Sorge vor einer möglichen Überhitzung nimmt zu. KI-Investitionen haben die Konjunktur gestützt, bergen aber zugleich das Risiko, dass ein zentraler Wachstumstreiber an Stabilität verliert.
Gesundheitsausgaben prägen die Wachstumsstruktur
Ein weiterer zentraler Punkt ist der starke Anstieg der Gesundheitsausgaben. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz weist darauf hin, dass neue Arbeitsplätze in den USA nahezu ausschließlich im Gesundheitssektor entstehen. Ein Wachstum, das sich auf diesen Bereich konzentriert, gilt jedoch nicht als Ausdruck einer ausgewogenen Wirtschaftsentwicklung.
Gleichzeitig zeigt sich, dass Gesundheitsausgaben in beiden Ländern eine tragende Rolle spielen. In Deutschland war der Anstieg der öffentlichen Ausgaben laut Destatis vor allem darauf zurückzuführen, dass die Sozialversicherungsträger mehr Mittel für Krankenhäuser, medizinische Versorgung, Arzneimittel und Pflege aufwenden mussten.
In den USA stiegen die privaten Ausgaben der Haushalte für ambulante und stationäre Gesundheitsleistungen sowie für Pflegeeinrichtungen. Ein Teil des Anstiegs wird darauf zurückgeführt, dass Behandlungen vorgezogen wurden, aus Sorge vor künftigen Preissteigerungen.
Fiskalische Impulse und Reformbedarf in Deutschland
Der Blick nach vorn richtet sich erneut auf Deutschland. Für das laufende Jahr erwarten Ökonomen eine spürbare Belebung. Wirksam werden sollen die umfangreichen, mehrjährigen fiskalischen Programme für Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung, die im vergangenen Jahr beschlossen wurden.
Ein erheblicher Teil der Mittel dürfte im Inland verbleiben und die wirtschaftliche Aktivität stützen. Dennoch bleibt das Umfeld anspruchsvoll. Dienstleistungen gelten weiterhin als stabiler Faktor, während das verarbeitende Gewerbe strukturell unter Druck steht.
Zusätzliche Impulse sollen Entlastungen bei den Energiekosten sowie ein neues Förderprogramm in Höhe von drei Milliarden Euro für den Kauf von Elektroautos liefern. Für eine nachhaltige Erholung reichen diese Maßnahmen jedoch nicht aus.
Strukturelle Probleme als deutsche Kernaufgabe
Ökonomen betonen, dass die wirtschaftlichen Schwächen Deutschlands struktureller Natur sind. Hohe Energiekosten nach der Abkehr von russischen Lieferungen und die zunehmende Konkurrenz aus China in Schlüsselindustrien wie Automobilbau und Maschinenbau werden nicht kurzfristig verschwinden.
Für Deutschland ergibt sich daraus eine klare wirtschaftspolitische Aufgabe. Kurzfristige Wachstumsimpulse können die Konjunktur stabilisieren, ersetzen jedoch keine tiefgreifenden Reformen. Der Vergleich mit den USA zeigt, dass Wachstum derzeit stark von Sonderfaktoren abhängt. Entscheidend wird sein, ob es Deutschland gelingt, seine industrielle Basis zu stärken und die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.


