Löhne steigen: Was der Gehaltsboom auf dem Balkan für Deutschland bedeuten kann
Die Höhe des Gehalts ist in Deutschland ein Tabuthema. Doch das ändert sich zunehmend, spätestens mit dem EU-Entgelttransparenzgesetz, das bis zum 7. Juni 2026 in nationales Recht umgesetzt werden muss, kommt mehr Licht in Gehaltsstrukturen: Unternehmen sollen künftig in Stellenanzeigen Gehaltsspannen nennen, Bewerber dürfen nicht mehr nach dem bisherigen Einkommen gefragt werden. Und Beschäftigte erhalten Auskunftsrechte über Vergleichsgehälter im Unternehmen.
Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten, dass die Einkommen in Deutschland kräftig zulegen: Laut Stepstone-Gehaltsreport 2026, basierend auf über 1,3 Millionen Gehaltsangaben, ist das Bruttomediangehalt in Deutschland auf 53.900 Euro gestiegen – 8.100 Euro mehr als 2025. Wie die aktuellen Recherchen von DWN-Redakteurin Mirell Bellmann ergeben haben, verdienen Ärzte besonders gut (über 100.000 Euro Jahresgehalt), gefolgt von Ingenieurwesen und IT. Deutlich niedrigere Löhne gibt es etwa in der Lebensmittelproduktion, im Büromanagement und im Verkauf sowie im Handwerk. Auffällig bleibt zudem das Ost-West-Gefälle: Im Osten (außer Berlin) liegt der Median bei 48.750 Euro, im Westen Deutschlands bei 56.250 Euro.
Damit stellt sich auch hierzulande die Frage, die in anderen Teilen Europas längst akut ist: Steigt mit den Löhnen automatisch auch der Wohlstand? Oder kommen am Ende vor allem steigende Preise? Genau diese Dynamik zeigt sich derzeit besonders stark in Südosteuropa, wie ein aktueller Bericht von Petra Sovdat verdeutlicht. Sie ist Finanzredakteurin beim slowenischen DWN-Partnerportal Finance.
Die Löhne auf dem Balkan sind explodiert: Was das für die Preise bedeutet
Die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens gehören im Jahr 2025 zu den weltweiten Spitzenreitern bei Lohnsteigerungen. Was bedeutet das für die Wettbewerbsfähigkeit der Region? Leben die Menschen nach den Lohnerhöhungen tatsächlich besser? Oder sind Slowenien und seine Nachbarländer bereits in eine Lohn-Preis-Inflationsspirale geraten? Und welche Produkte und Dienstleistungen könnten dadurch auch für Verbraucher in Deutschland und Mitteleuropa teurer werden?
Boomende Bruttolöhne in Bosnien und Herzegowina
Das Wachstum des durchschnittlichen Bruttolohns in Bosnien und Herzegowina (BiH) war im vergangenen Jahr eines der höchsten weltweit: Nach Angaben des staatlichen Statistikamts lag der durchschnittliche Oktoberlohn – das ist der letzte offizielle Wert – um ganze 16,7 Prozent über dem Oktoberlohn des Jahres 2024. Unter den größten Steigerungen der Durchschnittslöhne, die das Portal Trading Economics erfasst, findet sich fast der gesamte Balkan – einschließlich Slowenien (auch Deutschland wird hier erfasst mit einer durchschnittlichen Lohnsteigerung von zuletzt 2,7 Prozent).
Dieses sprunghafte Lohnwachstum hat den Lebensstandard der Menschen nicht wesentlich verbessert, aber neue Probleme geschaffen, die die Länder in eine Lohn-Inflations-Spirale treiben könnten. Wird diese vor allem die Verbraucher treffen – und warum? Und wie sehr wird die Situation zusätzlich durch politische Entscheidungen verschärft?
Der grundlegende, technisch nüchterne Grund für das starke Lohnwachstum in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens ist überall derselbe: die Erhöhung des Mindestlohns, die anschließend die gesamten Lohnskalen nach oben zieht. In BiH war dieser Sprung besonders ausgeprägt – vor allem in der Föderation, wo die Regierung den Mindestlohn zum 1. Januar 2025 von 310 auf 500 Euro anhob – ein Plus von mehr als 61 Prozent. In der Republika Srpska stieg der Mindestlohn um 48 Prozent, in Serbien um 13,7 Prozent, in Nordmazedonien und Kroatien um gut acht Prozent. In Slowenien erhöhte sich der Mindestlohn für das Jahr 2025 um 1,2 Prozent. Und in Deutschland liegt der Mindestlohn seit 1. Januar 2026 bei 13,90 Euro (pro Arbeitsstunde) – gegenüber dem Vorjahr 2025 ein Anstieg um 8,4 Prozent.
Serbien, Kroatien & Co.: Auch für 2026 sind weitere Mindestlohnerhöhungen angekündigt
In Serbien kündigte die Regierung bereits im vergangenen Herbst eine zusätzliche Erhöhung um 10,1 Prozent auf 551 Euro netto an. In der Föderation BiH wird der Mindestlohn in diesem Jahr um 2,7 Prozent indexiert, in der Republika Srpska wächst der Netto-Mindestlohn um 10 Prozent für Tätigkeiten, die weniger als einen mittleren Bildungsabschluss erfordern; für qualifiziertere Stellen steigt er um vier bis 11,5 Prozent bei Universitätsabschluss (der geringste Anstieg gilt für höhere Fachschulen).
Kroatien erhöht den Brutto-Mindestlohn in diesem Jahr auf 1.050 Euro brutto – gut acht Prozent mehr als im Vorjahr. In Nordmazedonien ist die Entscheidung noch nicht gefallen, die Regierung hat aber angekündigt, den Mindestlohn ab März anzuheben.
Warum sind die Löhne so stark gestiegen, obwohl die Arbeitslosigkeit hoch ist?
Die Gründe für die starken Mindestlohnerhöhungen, die anschließend auch andere Löhne nach oben gezogen haben, liegen vor allem in den gestiegenen Lebenshaltungskosten, also der Inflation: Zunächst ausgelöst durch die Pandemie, später verstärkt durch den Krieg in der Ukraine. Schuld daran waren weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer. Doch das ist nicht der einzige Faktor – es gibt auch strukturelle Ursachen, von schwacher demografischer Politik bis hin zu kurzfristigem politischen Populismus.
Seit einigen Jahren heißt es, der Arbeitsmarkt liege „in den Händen der Arbeitnehmer“, weil es zu wenig Personal gibt. Doch die meisten Balkanländer – mit Ausnahme von Slowenien und Kroatien – kämpfen trotz Arbeitskräftemangel gleichzeitig mit einer hohen Arbeitslosigkeit. Der regionale Durchschnitt liegt bei gut zehn Prozent.
Die Weltbank bezeichnet dies in ihrem regionalen Herbstbericht als Paradox des Arbeitsmarkts: eine Mischung aus demografischem Rückgang und Überalterung, Abwanderung – besonders junger und qualifizierter Fachkräfte –, schwachen Qualifikationen, niedriger Erwerbsbeteiligung, saisonalem Personalbedarf und großen regionalen Unterschieden.
Neben dem Mindestlohn-Paradoxon erhalten Arbeitnehmer dadurch deutlich mehr Verhandlungsmacht: Arbeitgeber müssen Löhne erhöhen, um Menschen zu halten und neue zu gewinnen – auch Rückkehrer aus dem Ausland. Das gilt für einfache Tätigkeiten, Bau, Produktion, Gastronomie genauso wie für hochqualifizierte Fachkräfte in IT, Gesundheit und Ingenieurwesen.
Hinzu kommt eine Stärkung sowohl der Löhne als auch der Beschäftigtenzahlen im öffentlichen Sektor der Staaten (auch in Slowenien) – ohne dass dies gleichzeitig zu besseren oder schnelleren Dienstleistungen geführt hätte.
Höhere Löhne auf dem Balkan – höhere Preise auch für Deutschland?
BiH, Serbien, Nordmazedonien und Kroatien sind wichtige Lieferländer – insbesondere für Rohstoffe, Energieträger, Metalle, Lebensmittel und Dienstleistungen, etwa im Tourismus. Höhere Kosten bei Produzenten und Dienstleistern, denen keine Produktivitätssteigerungen folgen, reduzieren in Kombination mit einer Aufwertung von Währungen die Wettbewerbsfähigkeit und können zu höheren Preisen führen – über steigende Importkosten und Preisdruck entlang der Lieferketten.
Gerade für Deutschland ist das relevant, weil Preisimpulse selten an Grenzen Halt machen: Wenn Vorprodukte, Energiekomponenten, Nahrungsmittel oder industrielle Zwischenwaren teurer werden, trifft das am Ende häufig auch deutsche Unternehmen – entweder direkt über Einkaufs- und Beschaffungskosten oder indirekt über höhere Verbraucherpreise.
Ein weiterer Faktor: Unternehmen haben es auf westlichen Märkten schwerer, höhere Kosten einfach durch Preiserhöhungen weiterzugeben, weil dort mehr Konkurrenz herrscht. Das erhöht den Druck auf Margen – oder führt zeitverzögert doch zu steigenden Preisen, wenn Spielräume fehlen.
In der slowenischen Perspektive umfassen die Importe aus der Region etwa fünf bis zehn Prozent des gesamten Importvolumens, sind aber deutlich wichtiger in der Energieversorgung und etwa bei Lebensmitteln.
Wo könnten Preiserhöhungen auftreten? Aus BiH werden etwa Strom (aus der Abrechnung mit dem Kohlekraftwerk Ugljevik), Maschinen und Ausrüstung, Aluminium- und Chemieprodukte, Möbel und Holz importiert. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Importen aus Serbien; aus Nordmazedonien kommen zusätzlich pharmazeutische Produkte. Auch Kroatien spielt bei pharmazeutischen Erzeugnissen eine Rolle – und für Verbraucher besonders bei Preisen für (touristische) Dienstleistungen. Aus allen Ländern des ehemaligen gemeinsamen Staates werden zudem Lebensmittel importiert, die sich bereits bisher überdurchschnittlich verteuert haben.
Leben die Menschen durch höhere Löhne wirklich besser?
Der Lohnanstieg hat einen Teil der seit der Pandemie verlorenen Kaufkraft ausgeglichen. Auch das im Vergleich zum europäischen Durchschnitt höhere Wirtschaftswachstum in Ländern südlich von Kroatien hat es Unternehmen erleichtert, einen Teil der steigenden Lohnkosten zu tragen.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Menschen deutlich besser leben – und auch nicht, dass die Unternehmen die höheren Kosten „leicht“ verkraftet hätten.
Das zeigt schon die Differenz zwischen nominalem und realem Lohnwachstum: Das reale Wachstum fällt deutlich niedriger aus. Trotz einer Beruhigung der Inflation im vergangenen Jahr lag sie in den Balkanländern weiterhin klar über dem Zielwert von zwei Prozent im Euroraum. Die durchschnittlichen jährlichen Inflationsraten bewegten sich zwischen drei und fünf Prozent.
Wenn man nur den Lohnanstieg im vergangenen Jahr betrachtet, könnte man sagen: Der Wohlstand ist gewachsen. Doch man darf die massiven Preisschübe seit der Pandemie nicht vergessen – sie lagen bei über 30 Prozent, während sich die Löhne damals nicht entsprechend anpassten – oder zumindest nicht vollständig. Auch im vergangenen Jahr verteuerten sich Lebensmittel und Dienstleistungen weiterhin stark, während niedrigere Energiepreise sich kaum in den Preisen vieler Produkte widerspiegelten.
Zudem misst die offizielle Inflation einen Warenkorb, der die Lebensrealität vieler Familien nicht widerspiegelt: Lebensmittel, Energieträger, Medikamente, Kinderprodukte und Mieten sind in der Praxis oft stärker gestiegen als es die durchschnittliche Inflationsrate nahelegt.
Hinzu kommt die Verschlechterung der Immobilienerschwinglichkeit: Seit Ende 2020 bis Ende des vergangenen Jahres sind die Preise für Wohnimmobilien in der Region – laut statistischen Ämtern und Medien – stark gestiegen, je nach Land um 40 bis 80 Prozent nominal (in besonders beliebten Städten noch mehr), also schneller als die Inflation. Hauptgrund für den Preisanstieg ist ein Mangel an Wohnraum in Regionen mit hohem Zuzug, vor allem aufgrund bürokratischer Hürden beim Neubau.
Ein weiterer Punkt: Durchschnittslöhne verschleiern die Realität der Mehrheit. Hohe Einkommen in IT, öffentlichem Sektor, Exportindustrien und in Hauptstädten ziehen den Durchschnitt nach oben. Die Medianlöhne liegen häufig 20 bis 35 Prozent unter dem Durchschnitt. In Serbien, BiH und Nordmazedonien verdient mehr als die Hälfte der Beschäftigten weniger als 700 oder 800 Euro netto – was kaum für die grundlegenden Lebenshaltungskosten reicht. Die Unterschiede zwischen Hauptstädten und ländlichen Regionen sind massiv; dort war das reale Lohnwachstum deutlich geringer oder sogar negativ, gemessen an den gestiegenen Lebenshaltungskosten seit der Zeit vor der Pandemie.
Droht eine Lohn-Inflations-Spirale?
Man kann also sagen: Importierte Inflation hat die Löhne nach oben getrieben – und der Fachkräftemangel treibt sie weiter. Höhere Arbeitskosten können wiederum in höhere Preise übersetzt werden, was die Inflation erneut anheizt. Das könnte dann neue Forderungen nach Lohnerhöhungen auslösen.
Die zentrale Bedingung für eine Spirale ist ein Umfeld mit Inflation und eine Lohnentwicklung, die deutlich schneller steigt als die Produktivität. Wie sieht es in der Region mit der Produktivität aus? Nach Angaben lokaler Statistikämter war das kumulierte Wachstum der Arbeitsproduktivität im Zeitraum 2021–2025 in den genannten Ländern relativ gering im Vergleich zur starken nominalen Lohnentwicklung. Das kumulierte reale Produktivitätswachstum lag zwischen fünf und 18 Prozent, also durchschnittlich zwischen zwei und vier Prozent pro Jahr.
Das bedeutet: Die Lohnkosten sind stark gestiegen, was die Wettbewerbsfähigkeit im Export verringert und den Preisdruck erhöht.
Politischer Druck auf höhere Mindestlöhne – ohne Folgenabschätzung?
Daten aus der Vergangenheit sollten auch bei Entscheidungen für die Zukunft berücksichtigt werden – besonders in einer vorwahlpolitisch aufgeladenen Atmosphäre. Auch der slowenische Arbeitsminister Luka Mesec hat sich mit einem Vorschlag eingebracht: eine Erhöhung des Mindestlohns in Slowenien um 16 Prozent, auf knapp 1.500 Euro brutto beziehungsweise 1.000 Euro netto. Die gesamte Koalition hat diesen Kurs unterstützt.
Berechnungen dazu, welche Auswirkungen diese Mindestlohnerhöhung auf einen erneuten Preisauftrieb haben könnte, liegen von Mesec nicht vor.
Wie reagierte Bosnien und Herzegowina? Arbeitgeberbeiträge wurden gesenkt
„Niemand ist gegen höhere Löhne. Aber wir sind gegen eine so hohe Belastung der Arbeitskosten!“ – das klingt auch für deutsche Unternehmen vertraut. Nach dem enormen Mindestlohnsprung in der Föderation BiH meldeten sich Anfang des vergangenen Jahres Arbeitgeber und Ökonomen zu Wort. Sie warnten vor sinkender Wettbewerbsfähigkeit und kritisierten: Trotz höherer Abgaben bekämen sie keine besseren staatlichen Dienstleistungen, etwa im Gesundheitswesen. „Wir haben lieber niedrigere Steuern als Subventionen!“
Die Regierung der Föderation BiH senkte nach Protesten zum 1. Juli 2025 die Gesamtquote der Lohnabgaben deutlich – von rund 41,5 auf 36 Prozent. Gesenkt wurden Arbeitgeberbeiträge zur Grundkrankenversicherung sowie zur Renten- und Invalidenversicherung, die Arbeitnehmerbeiträge blieben unverändert. Trotz dieser Entlastung blieb der gesamte Arbeitskostenblock wegen des stark erhöhten Mindestlohns höher.
Und was passiert in Deutschland?
Steigende Einkommen wirken zunächst wie eine Entlastung für Beschäftigte – in Deutschland ebenso wie in Südosteuropa. Doch die Beispiele vom Balkan zeigen, wie schnell ein kräftiger Mindestlohn-Schub neue Probleme auslösen kann, wenn Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit nicht Schritt halten. Dann steigen nicht nur Arbeitskosten, sondern häufig auch Preise – etwa über Lieferketten, Dienstleistungen oder Lebensmittel.
Deutschland steht parallel vor einer neuen Phase der Gehaltstransparenz, die Verhandlungen verändern dürfte. Entscheidend bleibt am Ende die Balance zwischen fairer Bezahlung, tragfähigen Unternehmensmargen und stabilen Preisen für Verbraucher.


