US-Banken gelten derzeit als besonders aussichtsreich
Große US-Banken haben den breiten Aktienmarkt in den vergangenen zwei Jahren deutlich hinter sich gelassen. Eine robuste US-Konjunktur, regulatorische Entlastungen sowie eine zunehmende Zahl an Unternehmensübernahmen und Börsengängen stützen die Erwartung weiter steigender Erträge. Belastungsfaktoren bleiben Inflationsrisiken und geopolitische Unsicherheiten.
Dennoch sprechen die jüngsten Quartalszahlen für eine anhaltend solide Ertragslage im US-Bankensektor. Mitte Januar legten sechs große Institute ihre Ergebnisse für das vierte Quartal vor. Vier Banken steigerten ihren Nettogewinn gegenüber dem Vorjahr. Bank of America, Goldman Sachs, Morgan Stanley und Wells Fargo übertrafen zudem die durchschnittlichen Analystenerwartungen.
Citigroup blieb unter den Prognosen. Ausschlaggebend war ein buchhalterischer Verlust im Zusammenhang mit dem Verkauf des Russland-Geschäfts. Bereinigt um diesen Effekt hätte auch hier ein Gewinnanstieg zu Buche gestanden. Auch JP Morgan verfehlte die Markterwartungen.
Kreditrisiken aus übernommenem Kartenportfolio
Das schwächere Abschneiden von JP Morgan ist vor allem auf höhere Vorsorgen für mögliche Kreditausfälle zurückzuführen. Betroffen ist ein Portfolio kurzfristiger Konsumentenkredite im Zusammenhang mit den Apple-Kreditkarten, das von Goldman Sachs übernommen wird.
Die ausstehenden Kreditsalden dieses Portfolios belaufen sich auf mehr als 20 Milliarden Dollar. Die vollständige Übertragung kann sich über bis zu zwei Jahre erstrecken, dennoch hat JP Morgan bereits Rückstellungen in Höhe von 2,2 Milliarden Dollar gebildet.
Zusätzliche Unsicherheit entstand durch politische Signale aus Washington. Präsident Donald Trump kündigte kurz nach Bekanntgabe der Transaktion an, für ein Jahr einen Zinsdeckel von 10 Prozent prüfen zu wollen. Da der durchschnittliche Kreditzins in den USA laut Federal Reserve derzeit bei 23 Prozent liegt, hätte ein solcher Schritt erhebliche Folgen für Kreditkartenanbieter und Banken.
Bislang ist der Vorschlag nicht umgesetzt. Voraussetzung wäre entweder ein Beschluss des Kongresses oder eine entsprechende Anordnung des Präsidenten. Ein Zinsdeckel würde vor allem hoch verschuldete US-Haushalte entlasten und ist international kein Sonderfall.
Internationale Erfahrungen mit Zinsobergrenzen
Finnland führte während der Pandemie eine Obergrenze von 10 Prozent für Konsumentenkredite ein. Heute liegt die maximale Verzinsung dort bei 20 Prozent. Die Schweiz senkte zum Jahreswechsel die Zinsobergrenze für Konsumentenkredite auf 10 Prozent und für Kreditkarten auf 12 Prozent.
In Schweden gilt ein Zinslimit in Höhe des Referenzzinssatzes zuzüglich 40 Prozent. Zudem sind Zinsen für unbesicherte Kredite dort nicht mehr steuerlich absetzbar. JP Morgan war bereits vor der Übernahme Marktführer im US-Kreditkartengeschäft.
Zum Jahresende beliefen sich die ausstehenden Kreditkartenforderungen des Instituts auf 240 Milliarden Dollar, was einem Marktanteil von rund 17 Prozent entspricht. Auch Citigroup, Bank of America und Wells Fargo verfügen über umfangreiche Kreditkartenportfolios.
Banken sehen stabile Konjunktur mit Vorbehalten
Mit Blick auf das laufende Jahr äußern sich die Institute überwiegend zuversichtlich. Bank of America rechnet mit anhaltendem Wirtschaftswachstum in den USA. JP-Morgan-Chef Jamie Dimon bezeichnet die US-Wirtschaft als widerstandsfähig, verweist jedoch auf erhöhte Risiken durch geopolitische Spannungen und mögliche Inflationsimpulse.
Morgan Stanley sieht 2026 als Beginn einer Phase, in der Finanz- und Geldpolitik unterstützend wirken könnten. Gleichzeitig betonen mehrere Banken die wachsende Unsicherheit des globalen Umfelds als potenziellen Belastungsfaktor.
Citigroup verfolgt nach einer umfassenden Restrukturierung das Ziel, in diesem Jahr eine Rendite auf das materielle Eigenkapital von 10 bis 11 Prozent zu erreichen. Im Vorjahr lag dieser Wert, bereinigt um die Verluste aus dem Russland-Geschäft, bei 9 Prozent.
Wells Fargo hebt seine Zielspanne für die Eigenkapitalrendite auf 17 bis 18 Prozent an, nach 15 Prozent im Vorjahr. Niedrigere regulatorische Kapitalanforderungen dürften US-Banken zusätzlich gegenüber europäischen Instituten begünstigen.
Investmentbanking gewinnt wieder an Bedeutung
Marktbeobachter rechnen damit, dass veränderte Kapitalregeln die Eigenkapitalrenditen US-amerikanischer Banken weiter erhöhen. Gleichzeitig verbessert sich das Umfeld für Beratungsgeschäfte und Unternehmensübernahmen spürbar.
Goldman Sachs verfügt aktuell über die umfangreichste Pipeline potenzieller Transaktionen seit vier Jahren. Auch Morgan Stanley spricht von einer stabilen Nachfrage nach M&A-Beratung und verweist auf zusätzliche Chancen durch ein wieder geöffnetes Börsenfenster für Neuemissionen. Sollten sich diese Trends fortsetzen, dürfte das Investmentbanking 2026 einen wesentlichen Ergebnistreiber darstellen.
Davon profitieren insbesondere Goldman Sachs und Morgan Stanley, aber auch Institute mit einem hohen Anteil an Kapitalmarkt- und Vermögensverwaltungsgeschäften. JP Morgan erzielte im vergangenen Jahr rund 70 Prozent seines Gewinns in diesen Segmenten. Bei Wells Fargo, Bank of America und Citigroup lag der entsprechende Anteil zwischen 26 und 43 Prozent.
Bewertung und Einordnung für deutsche Anleger
Die sechs großen US-Banken werden derzeit im Durchschnitt mit dem 16-Fachen des Vorjahresgewinns bewertet. Für das laufende Jahr liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 14. Alle Institute sollen ihre Ergebnisse weiter steigern.
Goldman Sachs und Morgan Stanley weisen mit einem KGV von etwas über 16 die höchsten Bewertungen auf. JP Morgan liegt bei 14, während Wells Fargo, Bank of America und Citigroup als stärker universal ausgerichtete Banken mit einem KGV von 11 bis 12 gehandelt werden.
Für deutsche Anleger verdeutlicht dies den strukturellen Renditevorteil des US-Bankensektors. Während europäische Institute weiterhin unter hohen regulatorischen Anforderungen leiden, profitieren US-Banken von höherer Ertragsdynamik, flexibleren Kapitalregeln und einer aktiveren Kapitalmarktlandschaft.


