Politik

Nahrungsmittel-Preise außer Kontrolle: Spekulanten ruinieren den Markt

Wieder sind extreme Preisanstiege bei Lebensmitteln zu beobachten. Ein Umstand, der nicht allein auf den Klimawandel geschoben werden kann, erklärt Jan Urhahn von Oxfam. Lebensmittelspekulation führen zu volatilen Preisen und gefährden in erster Linie die Ärmsten der Armen.
14.09.2012 23:28
Lesezeit: 3 min

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Aktuell sind wieder Preisanstiege für Nahrungsmittel zu verzeichnen. Woher kann man wissen, ob das mit den Lebensmittelspekulationen zusammenhängt?

Jan Urhahn: Es gibt eine Reihe von Ursachen, die dazu führen können, dass bestimmte Preise gepusht werden oder fallen. Wenn die Preise aber innerhalb kürzester Zeit explodieren, liegt die Vermutung nahe, dass die Spekulation mit Nahrungsmitteln eine Ursache dafür sein kann. Man kann das natürlich nicht hundertprozentig sagen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum sind Spekulationen mit Lebensmitteln so gefährlich Länder der Dritten Welt und wie wirken sich diese aus?

Jan Urhahn: Spekulationen mit Nahrungsmitteln führen dazu, dass bestimmte Trends verstärkt werden und neue Trends überhaupt gesetzt werden und so die Preise insgesamt volatiler werden.

Wir hier in Europa geben ungefähr 10 bis 15 Prozent unseres Einkommens für Essen aus. Das heißt, wenn hier Preise für Grundnahrungsmittel für eine kurze Zeit ansteigen sollten, können wir relativ gut damit umgehen. Wenn man aber in einem Land ist, in dem die Menschen 60 bis 85 Prozent ihres Einkommens aufwenden, um sich mit Lebensmitteln versorgen zu können, können die natürlich Preissprünge nur sehr schlecht oder eben gar nicht auffangen.

Das kann zum einen bedeuten, dass Leute tatsächlich nicht genug zum Essen haben, sie also hungern. Zum anderen kann es auch dazu führen, dass sie nicht am Essen, sondern an anderen Dingen sparen. Sie sparen dann beispielsweise an Geld für Schulbesuche oder der Gesundheitsversorgung.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie können Finanzgeschäfte mit Agrarrohstoffen Preise dermaßen beeinflussen, dass eine Blase entsteht?

Jan Urhahn: Es gibt verschiedene Möglichkeiten wie mit Grundnahrungsmitteln spekuliert wird. Das, was am meisten stattfindet, ist der Handel mit Indexfonds. Es wird ein Index gebildet, in diesem Index sind verschiedene Rohstoffe. Nicht nur Grundnahrungsmittel, sondern auch andere Rohstoffe wie Öl oder Gas. Die wetten dann auf steigende Preise. Der Markt wird dann von Akteuren, die auf steigende Preise setzen, geflutet, was dazu beiträgt, dass die Preise ansteigen. Nichtsdestotrotz gibt es auch Akteure, die nicht in diesen Indexfonds handeln. Das sind dann zum Beispiel Hedgefonds, die nicht nur auf steigende Preise setzen, sondern die versuchen bestimmte volatile Marktsituationen auszugleichen.

Die globalen und regionalen realen Märkte mit Nahrungsmitteln sind relativ unübersichtlich. Es gibt nicht einen globalen Markt, an dem die Nahrungsmittel physisch, also an einem Spotmarkt, gehandelt werden, sondern man braucht eine gewisse Benchmark, einen Referenzpunkt - und das sind für viele vor allem die lokalen Märkte und die Preise an den wahren Terminbörsen.

In vielen Verträgen der realen Märkte wird direkte Referenzen zu den Futures-Preisen angegeben. Das heißt, es steht schon in den Verträgen fest, dass man sich an den Preisen an den Futures-Märkten orientiert. So übertragen sich die virtuell gehandelten Preise auf die realen Märkte.

Die Entstehung von Blasen ist vor allem auf die Finanzialisierung der Rohstoffmärkte zurückzuführen. Die ursprüngliche Aufgabe der wahren Terminmärkte war es, Händler oder auch Produzenten gegen steigende oder fallende Preise abzusichern. Das ist nicht mehr gegeben, weil sich die Akteurskonstellation komplett geändert hat. Vor einigen Jahren war es noch so, dass zwischen 30 und 40 Prozent der Akteure Spekulanten waren, die dafür gesorgt haben, dass der Markt liquide ist. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Mittlerweile sind je nach Markt 60 bis 80 Prozent der Akteure Spekulanten, die in diesem Markt tätig sind, weil sie ihr Portfolio diversifizieren wollen. Sie orientieren sich zudem nicht an den Fundamentaldaten des Marktes: Angebot und Nachfrage.

Stattdessen orientieren sie sich am Profit. Das sind Akteure, die sich mit dem Markt und den Rohstoffen wenig auskennen. Sie analysieren vielleicht bestimmte Preistrends der Vergangenheit und schließen dann daraus auf mögliche Preisentwicklungen in der Zukunft. Die Aktivitäten dieser Finanzakteure an den Agrarterminmärkten folgen nur bestimmten Erwartungen, die auf bestimmten Entwicklungen basieren, haben aber nichts mit den Fundamentaldaten zu tun.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Auch deutsche Finanzinsitute wie die Deutsche Bank oder die Allianz sind in Lebensmittelsepkulation verwickelt. Viele Organisationen begrüßten deshalb den Schritt der Deutschen Bank, in diesem Jahr keine neuen börsengehandelten Anlageprodukte aufzulegen. Wie sehen Sie diesen Schritt?

Jan Urhahn: Wir waren natürlich nicht in direkter Interaktion mit der Deutschen Bank und wissen nicht, was sie mit Foodwatch ausgehandelt hat, letztendlich ist diese Entwicklung ja auf Kampagnen von Foodwatch zurückzuführen. Im ersten Moment klingt das natürlich einsichtig. Die Deutsche Bank hätte aber genauso gut aussteigen können wie das schon andere Banken getan haben.

Was sie angekündigt haben, lässt natürlich auch offen, inwiefern bestehende Produkte fortgeführt werden und dann weiterhin dazu führen, dass Hungerkrisen verschärft werden. Und die Deutsche Bank lässt auch offen, ob sie bestehende Fonds aufstockt wird oder ob sie sogar neue Fonds auflegen wird, die nicht an der Börse gehandelt sind. Es gibt diesen ganzen over-the-counter Handel, der absolut intransparent ist. Es besteht die Gefahr, dass das, was die Deutsche Bank gerade veranstaltet, eine nett gemeinte PR-Geschichte ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Deutsche Bank rechtfertigt die Fortführung bestehender Produkte mit der unklaren Forschungslage zu dem Thema. Es sei nicht bewiesen, dass Preisschwankungen auf die Finanzgeschäfte zurückgingen. Wie kann es zu solch unterschiedlichen Studienergebnissen kommen?

Jan Urhahn: Es wird wahrscheinlich unmöglich sein, eine hundertprozentige Kausalität zwischen Spekulationen und volatilen Preisen nachzuweisen. Das ist aber bei ökonomischen Fragen immer so und damit gar nichts neues. Die Zahl der Studien, die sagen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Spekulation mit Grundnahrungsmitteln und den entsprechenden steigenden und volatilen Preisen gibt, ist sehr groß.

Wenn selbst Organisationen wie die Weltbank und die FAO – der man in keinster Art und Weise zuschreiben kann, dass sie gerne gegen große private Unternehmen Politik macht – sagen, dass es Zusammenhänge gibt, dann ist es auch für uns ein Indiz.

Jan Urhahn ist Klimaexperte bei der unabhängigen Entwicklungsorganisation Oxfam Deutschland. Oxfam engagiert sich egen die Beteiligung der Allianz an der Spekulation mit Nahrungsmitteln.

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