Griechenland: Alternative Währungen erleben Boom in der Wirtschaftskrise

Seit Ausbruch der Finanzkrise sind Parallelwährungen in Griechenland auf dem Vormarsch. Mehr als 80 solcher alternativen Zahlungssysteme existieren bereits und ihre Zahl steigt weiter an. Die Griechen versuchen, so den Handel ohne Euro abzuwickeln und die Kapitalverkehrskontrollen zu umgehen.

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Inmitten der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1932 entschied sich die kleine Tiroler Gemeinde Wörgl, ihr eigenes Geld zu drucken, um ihre wirtschaftliche Talfahrt zu beenden. Die Effekte des „Wörgler Schwundgeldes“ waren verblüffend: Die Arbeitslosigkeit nahm ab, die Inflation blieb stabil und die Gemeinde prosperierte. Ökonomen tauften das Geld-Experiment das „Wunder von Wörgl“. Mehr als 80 Jahre später – während Europas Politiker gerade dabei sind, die Fehler der Geschichte zu wiederholen – erlebt auch Griechenland den Aufstieg alternativer Währungen. Die anhaltende Wirtschaftskrise treibt die Griechen dazu, nach alternativen Möglichkeiten des Handels zu suchen, um den Euro zu umgehen.

„Das Geld ist zurzeit knapp, aber die Leute haben noch immer die selben Fähigkeiten und das selbe Wissen wie vor der Krise“, zitiert das Wall Street Journal (WSJ) Christos Papaioannou, der einem Tauschnetzwerk namens TEM angehört. Die alternative Währung TEM – die griechische Abkürzung für Lokale Alternativwährung – wurde im Jahr 2010 in der Hafenstadt Volos gegründet und verfügt dort über 1.000 registrierte Mitglieder. Als das Netzwerk gegründet wurde, zählte es gerade einmal ein Dutzend Mitglieder. Mittlerweile sind es über 1.000 registrierte Nutzer und Dutzende lokale Geschäfte, die das System nutzen, um Waren und Dienstleistungen anzubieten. Dabei werden sowohl Lebensmittel in TEM gehandelt, als auch Haarschnitte, Arztbesuche und Mietzahlungen in der Alternativwährung verrechnet.

Das TEM-System wird über eine Open-Source-Software namens Cyclos verwaltet. Jedes Mitglied erhält einen Online-Account und kann sich entscheiden, ob es den Handel mit Waren und Dienstleistungen in TEM verrechnen möchte (1 TEM = 1 Euro). Die so erhaltenen TEM können später erneut für Güter aus der Region verwendet werden. Auf der Webseite des Netzwerks können die Nutzer dann Angebote hinterlassen oder Gesuche aufgeben. Jeder Nutzer darf nicht weiter als 300 TEM ins Negative rutschen und kann nie über mehr als 1.200 TEM verfügen. So soll aktive Teilnahme gefördert und die Währung liquide gehalten werden.

Das TEM-Netzwerk gehört zu den größsten Parallelwährungen in Griechenland. Es gibt jedoch im ganzen Land ähnliche Netzwerke, die den Griechen eine Alternative zum Euro bieten. In einer Studie für das Unterguggenberger Institut – benannt nach dem damaligen Bürgermeister von Wörgl, der das Geld-Experiment auf den Weg brachte – untersuchte Vassilis Selamis die Komplementärwährungen, die in Griechenland seit Ausbruch der Finanzkrise entstanden sind. Selamis stammt aus Griechenland und studierte Internationale Wirtschaftswissenschaften an der Universität Innsbruck. Er fand bei seiner Recherche 44 alternative Tauschnetzwerke in Griechenland bis zum Mai 2013. 31 dieser Netzwerke arbeiten mit Parallelwährungen, 5 sind Handelskreise und 8 geldlose Tauschnetzwerke.

Eine weitere populäre Komplementärwährung ist der Ovolos. Der Name geht zurück auf die ersten griechischen Münzen, aus denen schließlich die Drachme hervorgegangen ist. Das Netzwerk wurde im Jahr 2009 von Unternehmern in Griechenlands drittgrößter Stadt Patras gegründet. Nach eigenen Angaben nutzen Tausende die Alternativ-Währung, die im Gegensatz zum TEM in ganz Griechenland zum Einsatz kommt. Auf der Insel Kreta erfreut sich dagegen die Währung Monada großer Beliebtheit. Die Mitglieder dieses Netzwerks, dass vor allem in der Hafenstadt Chania anzutreffen ist, halten Sonntagsmärkte ab, bei denen in der Regionalwährung bezahlt werden kann. Mondana wurde im Jahr 2011 gegründet und ist eine von vielen Regionalwährungen, die in der letzten Zeit auf den griechischen Inseln entstanden sind.

Ein alternatives Zahlungssystem ohne Kopplung an den Euro ist die „Athener Zeitbank“. Sie wurde auf dem Höhepunkt der Demonstrationen gegen die Sparmaßnahmen im Jahr 2011 in der griechischen Hauptstadt gegründet. Die Verrechnungseinheit dieses alternativen Zahlungssystems ist Arbeitszeit. Mitglieder erhalten Zeit für verrichtete Arbeit und können diese verwenden, um ihrerseits Dienstleistungen wie Physiotherapie oder Sprachkurse zu verrechnen. Die Zahl der Alternativwährungen ist in Griechenland seit 2009 stark angestiegen, berichtet das WSJ unter Berufung auf die griechische Ökonomin Irene Sotiropoulou. In diesem Jahr wurde bekannt, das Haushaltsdefizit des Landes auf 15 Prozent des BIP angesschwollen war, woraufhin die Nachfrage nach griechischen Staatsanleihen kollabierte. Damals waren der Ökonomin zwei solcher Parallelwährungen bekannt.

Inzwischen beläuft sich ihre Zahl laut der griechischen Bürgerinitiative Omikron Projekt auf über 80 solcher Komplementär-Systeme, die in Größe und Ausprägung von einigen Dutzend bis zu Tausenden Mitgliedern schwanken. Somit hat sich die Zahl der alternativen Währungen seit 2013 nochmals verdoppelt. „Die Probleme, die zuvor existiert haben, sind nur noch schlimmer geworden, und der neue Deal wird neue Probleme schaffen, welche die Krise in manchen Bereichen noch vertiefen werden“, zitiert das WSJ einen Mitbegründer des Omikron Projekts. „Die logische Antwort ist es, Gruppen aufzubauen, um darauf zu reagieren und die Lücken zu füllen, die aufgrund der unhaltbaren Situation entstehen, in der sich Griechenland befindet.“

Die Spekulation über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone tragen zur Verunsicherung der Bevölkerung bei. Im Juli wurden Pläne des ehemaligen griechischen Finanzminister Varoufakis bekannt, nach denen er die Wiedereinführung der Drachme plante. Demnach wollte Varoufakis die Daten der Steuerverwaltung hacken, um im Notfall eine Parallelwährung in Griechenland einführen zu können. Die griechische Staatsanwaltschaft prüfte daraufhin, ob Ermittlungen wegen Hochverrats gegen Varoufakis und seine Mitarbeiter eingeleitet werden. Hinzu kommen die verhängten Kapitalverkehrskontrollen, nach denen jeder Bürger pro Tag nur noch 60 Euro abheben kann. Alternative Währungen und Tauschnetzwerke sind ein Weg diese Kontrollen zu umgehen.

So ist auch das Interesse an der digitalen Währung Bitcoin seit Einführung der Kontrollen sprunghaft angestiegen, wie die Welt berichtet. Online-Marktplätze, die Bitcoin verwenden, verzeichneten im Juni verstärkt Kontoeröffnungen aus Griechenland. „Die Zahl unserer Neukunden ist binnen einer Woche um rund 500 Prozent gestiegen“, sagte Thanos Marinos, Gründer des Online-Handelsplatzes BTCGreece, gegenüber der Welt. Und auch die Suchanfragen bei Google zum Thema Bitcoin stiegen im Juni stark an. Die digitale Währung ist für viele eine interessante Möglichkeit, um die Kapitalverkehrskontrollen zu umgehen. Genaue Zahlen wollten die Bitcoin-Plattformen zwar nicht preisgeben, doch alle berichten über ein sprunghaft gestiegenes Interesse. Der weltweit größte Handelsplatz Bitstamp vermeldete eine Steigerung von 350 Prozent der griechischen Neukunden und der deutsche Martkführer Bitcoin.de berichtet von einer Zunahme des Bitcoin-Umsatzes griechischer Kunden.

„Zeitweise haben sich bei uns zehnmal so viele Leute aus Griechenland registriert wie vorher, und der Bitcoin-Umsatz griechischer Kunden hat sich ungefähr verdreifacht“, so Oliver Flaskämper, Geschäftsführer von Bitcoin.de gegenüber der Welt. Flaskämper sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der gestiegenen Nachfrage und den Kapitalverkehrskontrollen. „So wie es jetzt aussieht, ist das Bitcoin-Netzwerk die einzige Möglichkeit für Griechen, noch Auslandüberweisungen durchzuführen.“

Die meisten der Alternativwährungen sind noch an den Euro gekoppelt, doch einige verzichten komplett auf eine Bindung an die Gemeinschaftswährung. Dennoch gehen Experten nicht davon aus, dass die neuen Zahlungssysteme den Euro verdrängen werden. „Sie werden das Finanzsystem nicht zum Sturz bringen“, zitiert das WSJ Leander Bindewald, der an der britischen Universität von Cumbria zu Fragen der Nachhaltigkeit forscht. „Aber sie repräsentieren ein gewisse Art von Wert, die normales Geld ihnen nicht geben kann.“ So berichten Nutzer von Alternativwährungen, das sie einen Mehrwert durch den Gemeinschaftssinn und den gesellschaftlichen Austausch erhalten, den diese Währungen mit sich bringen.

Christos Papaioannou verrechnet einen immer größeren Teil seiner Computer-Reparaturen in TEM. Außerdem hat er die Renovierung seines Hauses zum Teil in der Alternativwährung beglichen und bezahlt damit Lebensmittel und Kleidung. Er gibt an, dass er die die Parallelwährung mittlerweile mehrmals wöchentlich benutzt. Inzwischen ist das TEM-Netzwerk ein fester Bestandteil seines Wirtschaftslebens. „Man ist daran gewöhnt, die Dinge auf eine bestimmte Art und Weise zu machen und plötzlich realisiert man, dass es auch andere Wege gibt.“


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